Dienstag, 25. Juni 2013

Zuboff - aus FAZ gek.

Wir wissen, dass die IT-Oligarchen – Google, Facebook, Yahoo, Apple, Microsoft – sich den Datenanfragen der NSA beugten. Haben sie bereitwillig mitgemacht? Yahoos Einwand, dass pauschale Anfragen verfassungswidrig seien, wurde von einem Geheimgericht zurückgewiesen. Das hat andere Unternehmen vielleicht davon abgehalten, ähnlich aufzutreten. Was genau passiert ist, steht noch immer nicht restlos fest, täglich kommen neue Dinge heraus. Wir erfahren, dass Facebook, laut „New York Times“, eigene Teams abstellte, die für eine reibungslose Zusammenarbeit mit der NSA sorgen sollten, und dass der Sicherheitsdirektor des Unternehmens zur NSA überwechselte. „In Zukunft dürfte mit einer noch intensiveren Zusammenarbeit zwischen Silicon Valley und der NSA zu rechnen sein, weil die Datenspeicherung nach Angaben der International Data Corporation bis 2016 um durchschnittlich 53 Prozent pro Jahr zunehmen dürfte“, hieß es in der „New York Times“.
Fest steht offenbar, dass keines der Unternehmen sich Anfragen der NSA widersetzt hat. Und sie haben auch nicht beschlossen, gemeinsam zu kämpfen oder die Milliarden Nutzer über Praktiken zu informieren, die einige für illegal halten. Diesen Unternehmen gehört das Internet! Was hätten sie mit ihrer vereinten Macht ausrichten können! Statt dessen behandelten sie die ganze Sache als ein Problem, für das sie nicht zuständig sind. Was dachten sie sich dabei? Wenn sie unser Vertrauen zurückgewinnen wollen, müssen sie wegkommen von dieser Mentalität. Sie müssen für unsere Interessen einstehen. Zeichnet sich irgendwo am Horizont ab, dass ihnen das klar ist?

Die neuen Herren des Rings

Am 16. Mai, knapp einen Monat vor den NSA-Enthüllungen, fand im SRI in Menlo Park, Kalifornien, eine Konferenz zu einem der heißesten Themen in der digitalen Welt statt: „The Internet of Everything“. Eine atemberaubende Vorstellung – alles, wirklich alles wird verknüpft. Die unbezahlte Datenlieferung erstreckt sich auf unsere Körper und die Gegenstände in unserer Umgebung: Lampen, Thermostate, Autos, Kaffeetassen, Sonnenbrillen, Türen, Haushaltsgeräte, aber auch Blutdruck und Blutstatus, Körpertemperatur, Organfunktionen, Puls, Hautreaktion.
Wenn es nach den neuen Herren des Rings geht, wird alles – von unserem Telefon über den Toaster bis zu unseren Tränen – in der nächsten großen Datenflut neu geboren werden. Gewiss, für jeden Schritt gibt es einen guten Grund. Aber wie lange wird es dauern, bis der alte Traum in diesem vollkommenen Datenparadies wieder auflebt; wie lange, bis unsere Tränen ein neues Regime von Kontrolle und Konformität begründen? Wie lange, bis die Nanodrohnen so programmiert sind, dass sie unseren biometrischen Abdruck erkennen können?
Dies ist der nächste Güterzug, der, vollgestopft mit Geld, den alten Traum weitertragen soll. John Chambers, der Chef von Cisco, stellte in Menlo Park fest, dass es für globale Privatunternehmen in den nächsten zehn Jahren um 14,4 Billionen Dollar an potentiellem Profit geht. Dazu müssten technologische, organisatorische, prozessuale, juristische, kulturelle und andere Herausforderungen gemeinsam gelöst werden. Wie wird Ciscos Beitrag aussehen? Wie können wir klar machen, dass Innovationen ohne demokratische und kommerzielle Sicherheitsgarantien für uns nicht akzeptabel sind? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen muss Bestandteil von Innovation sein, darf nicht jemandem überlassen bleiben, der sich irgendwann einmal damit beschäftigt.
„Viele Leute glauben, sie wissen, was auf sie zukommt, aber sie haben keine Ahnung“, sagte Dave Evans, Chef-Futurologe bei Cisco. „Die Welt wird aufwachen“, sagte Alex Hawkinson, ein anderer Konferenzteilnehmer. Ein Topmanager von Facebook warf einen Blick in die Zukunft: „Es gibt 200 Sensoren im Haus, dann hat man diesen ganzen Datenstrom. Wenn man diese Daten weitergibt, steht man vor der schwierigen Frage, ob man sie so weitergibt, dass man irgendwann sagen kann, ich möchte sie wieder zurückhaben. Aber sobald man die Daten aus der Hand gegeben hat, ist das ziemlich kompliziert.“
Der eigentliche Star der Veranstaltung war Gordon Bell, der legendäre Computeringenieur, Pionier der „Quantified Self“-Bewegung und Wissenschaftler bei Microsoft Research. Er äußerte sich pessimistisch über das Tempo des Fortschritts, beklagte, dass diese wichtige neue Entwicklungsphase auf Reibung stoße. „Ihr sagt, wir wollen keine Reibung. Woher kommt die Reibung? Es sind die Leute. Die Leute wollen in Ruhe gelassen werden. Genau das wird uns einschränken. Das bereitet mir Sorge.“

Der Schlüssel

Aber keine Angst. Die Arroganz der Herren von Silicon Valley ist nicht der Vorbote einer Endzeit, sondern ein Weckruf. Wir müssen uns an die Arbeit machen. Mit unseren Fragen und Bedürfnissen haben wir das Internet in unser Leben geholt. Aber es gibt noch viel zu tun: Eine neue Welt muss her. Auch sie kann Realität werden, wenn wir uns darum kümmern. Die Digitalisierung kann zu einer Humanisierung des Lebens beitragen. Wir sollten nicht für unsere Aufseher arbeiten, sondern Möglichkeiten entwickeln, wie sie in unserem Interesse agieren können, so dass alle davon profitieren.
Der Schlüssel heißt Reibung. Für die Unternehmen, die die nächste Metadateneskalation vorantreiben wollen, mag Reibung ein Ärgernis sein, aber sie steht für die Zukunft demokratischer Bestrebungen und unternehmerischer Erneuerung. Sie steht für eine neue Ära demokratischer Gesetze und Bestimmungen, die unsere Freiheiten in zeitgemäßer Form zum Ausdruck bringen: Transparenz, Mitsprache, Wahlfreiheit, Achtung der Menschenwürde. Reibung muss so wachsam und unerschütterlich sein wie die alte Macht. Sie ist unsere Forderung nach einem neuen unternehmerischen Modell, das unser Wohlergehen, unsere Freiheit, unsere Privatsphäre ernst nimmt und unser Recht achtet, so zu leben und mit unseren Daten so umzugehen, wie wir es für richtig halten. Sie ist die Forderung an Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen und Transparenz zu gewährleisten. Und Reibung schließlich – das sind Sie und ich. Es ist unsere Bereitschaft, Stellung zu beziehen, zu sagen, was richtig und was falsch ist, selbst wenn daraus Konflikte mit den Mächtigen und der Mehrheit erwachsen. Dass acht Prozent der Amerikaner den sozialen Medien vertrauen, ist ein sehr gutes Zeichen. Es bedeutet, dass für zweiundneunzig Prozent, trotz jahrelanger Beeinflussung durch das Informationspanoptikum, regelmäßige Verletzungen der Privatsphäre außerhalb des Arbeitsplatzes nicht die Normalität sind. Es bedeutet, dass die neuen Herren keine Macht haben, wenn wir alle aufstehen und Nein sagen.