Sonntag, 30. Mai 2010

Wie die Wirtschaft funktioniert

http://www.steuerboykott.org/

Donnerstag, 27. Mai 2010

Rifkin

Rifkin versteht es meisterhaft, Begriffe fortzuschreiben, auch wenn es keinen Sinnzusammenhang mehr gibt. Die "dritte industrielle Revolution" etwa soll vor allem die erneuerbare Energieerzeugung durchsetzen und dezentralisierte Versorgungskonzepte entwickeln. Aber wo bleibt da die Industrie? Rifkin redet doch allein über veränderte Distribution und Speicherung von Energie. Wir können uns also über ein neues Handels- oder Lagerungsmodell unterhalten, aber doch nicht etwas, das gar keine neuen Produkte oder Herstellungsverfahren beinhaltet, als industrielle Revolution bezeichnen.
Apokalyptik und Trost

Es ist gewiss nicht einfach, zehn Jahre nach "Access" und sechs nach "Der europäische Traum" noch einmal alles von vorne aufzurollen. Rifkin macht es dennoch, um dann am Schluss zielsicher die alten Thesen noch einmal hervorzuholen und in die Begrifflichkeit des neuen empathischen Modells zu übersetzen. Immerhin ist konsequent, dass er seine eigenen Modelle nicht ganz über Bord wirft. Aber ohne jede Berücksichtigung der ständig zunehmenden Debatten über Internet und Urheberschutz noch einmal das Prinzip des freien Zugangs als segensreichen Weg in die Gesellschaft der Zukunft zu preisen oder Europa als Heimat von Kindern, die unbeschwert von Armut aufwachsen können, das wirkt geradezu altbacken.

Und das beruhigt. Deshalb wird das Buch seine Leser finden: Weil bei aller Apokalyptik, die in den Passagen zum Klimawandel zu finden sind, doch die tröstliche Botschaft bleibt, dass wir alles noch selbst in der Hand haben, wenn wir nur unser anthropologisch bedingtes Mitgefühl triumphieren lassen. Warum es so oft in der Menschheitsgeschichte unterdrückt werden konnte, erzählt Rifkin nicht. Bezeichnend, dass er denn auch keine Gegner ausmacht, sondern nur Vorläufer, von China bis Neandertal. Seid nett zueinander - das darf doch nicht das letzte Wort sein.

Jeremy Rifkin: „Die empathische Zivilisation“. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Waltraud Göring und Xenia Osthelder. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010. 468 S., geb., 26,90 €.

No-bail Out

Die No-Bail-out-Klausel ist jedenfalls so wage formuliert, dass sie zwar theoretisch Rettungsaktionen ausschließt, sich diese Vorgabe in der Praxis aber nicht halten lässt. Nur so konnten Griechenland und andere einstige Weichwährungsländer sich über Jahre hinweg zu Zinsen finanzieren, die auf einem Niveau mit der Rendite auf deutsche Staatsanleihen lag. Und nur weil es eine implizite Garantie für die Staatsschulden aller Euroländer gab, sind die Abnehmer von Staatsanleihen erst viel zu spät (und nicht zu früh) in den Käuferstreik getreten.

Eine solche Ursachenanalyse gefällt Politikern und Zentralbankern nicht, weil damit die Hauptverantwortung für die Krankheiten der europäischen und amerikanischen Wirtschaft bei ihnen liegt. Es ist leichter, kübelweise Dreck auf Banker und Spekulanten auszuschütten, die sicher Fehler gemacht haben und zum Teil erratisch handeln. Es bringt aber wenig, an diesen Symptomen herumzudoktern, wenn nicht die Politik begreift, dass die Ursache des Krebsgeschwürs das eigene verantwortungslose Handeln ist.

Korea

Er erkennt die tiefe Diskretion, mit der die koreanische Macht, repräsentiert durch die überdimensionale Führerfigur, sich selbst und ihr Land den Besuchern vor Augen führt. Sie leugnet das alte Geheimnis und vertieft es dadurch. In einem lückenlosen Leitungssystem, vom Autor als "Delegationismus" bezeichnet, steuert sie die Wahrnehmungen der Gäste; Delegationismus als höchste und zugleich nicht als solche verstandene Form der Kommunikationsverweigerung gegenüber dem Ausländer. Das Land schrumpft zum Text, dem Text der koreanischen Macht; die Reise wird zur Lektüre, Zweifel zur Dummheit. Indem die Macht die Universalgeltung von Dschutsche postuliert, leugnet und schafft sie zugleich Distanz und entwirft ein widerspruchsfreies, weil abstraktes Gebilde einer "besseren Welt", deren Kriterien nirgends und durch niemanden - außer durch die Macht selber - überprüfbar sind. In schlaflosen Nächten fällt den Reisenden seine linksmissionarische Vergangenheit an. Auch Korea erscheint als das Modell einer Gesellschaft, die sich durch sich selbst rechtfertigt, ein geschlossenes System, legitimiert durch zahllose Zirkelschlüsse und Leerformeln; Korea ist überall dort, wo Glück versprochen wird, und die Abwesendheit von Schmerz, und die Befreiung von jeglichem Zweifel. In Pjöngjang oder anderswo liegt das Ende der Illusion vom schöneren Leben, das die Enttäuschten das Kapitalismus in der "Dritten Welt" zu finden hofften.

Dienstag, 25. Mai 2010

Aus "Die Welt"

1. Politiker sind nicht dumm, im Gegenteil.Sie dienen Interessen.
Unsere sinds nicht.
2. Etwa 95% allen in der Welt zirkulierenden Geldes ist zuviel.
Gab es zuletzt Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts ähnlich.
Die Folgen sind bekannt.
3. Das wertlose Papier ist nur Mittel zum Zweck. Es geht um die Kontrolle der Ressourcen der Erde und deren Verteilung. (Rohstoffe, wichtiger noch Lebensmittel,
Wasser, Energie etc.
4. Die letzte Systemkrise (Weltwirtschaftskrise) war hausgemacht.
Methoden ähnlich wie jetzt auch sind Schürung von Angst,Hysterie,Panik.
5. Das Ziel ist das System crashen zu lassen, was normal nicht crashen kann und es als einzig "wahre" Lösung zu verkaufen.
6. Das überflüssige Papier könnte genausogut verbrannt werden,ohne inflationäre
Wirkungen herbeizubeschwören. Aber den Kontrolleuren der Gelddruckmaschinen und der Macht geht es um das Implementieren einer neuen Ordnung und durch
Kontrolle der Lebensmittel und Ressourcen auf der Erde haben Sie die Menschheit in der Hand.

Ich denke ,das braucht keiner. Unsere Politiker sind in diesem Spiel das Puppentheater, welches die Show liefert.
Spätestens wenn kein Strom mehr aus der Steckdose kommt, sieht man sich dann vielleicht endlich mal auf der Straße wieder.
Aber das brauchen wir nicht wirklich

Montag, 24. Mai 2010

Reiche in Ö.

t’s business, stupid! Wie legen die Superreichen ihr Geld an? Die Antwort lautet: Der Großteil des Vermögens ist schon angelegt. Das Geld liegt nicht in einem Geldspeicher wie bei Onkel Dagobert, es steckt gewöhnlich in der Quelle des Reichtums, nämlich in einem oder mehreren Unternehmen.

Das 2-Milliarden-Euro-Vermögen des Dietrich Mateschitz, nebenbei bemerkt ein Liebhaber von Ralph-Lauren-Möbeln und exquisiten Flugzeugen, findet sich natürlich großteils im 49-Prozent-Anteil am Red-Bull-Weltkonzern. Das ist bei den mehr als 50 Gesellschaftern des Swarovski-Konzerns nicht anders oder bei der zweitreichsten Österreicherin, Maria-Elisabeth Schaeffler, die mit ihrer Familie den weltgrößten Wälzlager-Hersteller der Welt besitzt.

Statistisch ist das Vermögen der 67.700 österreichischen Euro-Millionäre im Schnitt so angelegt:

• 70,9 Prozent in Unternehmensbeteiligungen,
• 20,4 Prozent in eigengenutzten Immobilien,
• 8,7 Prozent in Finanzanlagen.

Die Statistik lügt natürlich immer auch ein bisschen, und Ausnahmen bestätigen die Regel. Friedrich Karl Flick etwa, der reichste Österreicher, hat seine 6,8 Milliarden Euro hauptsächlich in Anleihen, Aktien und sonstigen Finanzinstrumenten investiert, die von seinen Vermögensverwaltern wie etwa Gerhard Bock umsichtig ausgewählt werden.

Der Weg zu den ganz großen Vermögen führt in der Regel über Erben und Heiraten. Alles andere sind extreme Ausnahmefälle. Von den 260.000 österreichischen Unternehmern und Freiberuflern werden nur wenige wirklich reich. Drei Viertel von ihnen beschäftigen weniger als fünf Mitarbeiter. Und nur drei Prozent aller österreichischen Unternehmen haben mehr als 50 Beschäftigte.

Auch als Gehaltsempfänger sind die Aussichten auf große Vermögen eher gering. Das Durchschnittseinkommen der Österreicher beträgt derzeit 17.699 Euro brutto pro Jahr. Das Top-1-Prozent der Gehaltsempfänger kann darüber natürlich nur lächeln, es verdient jährlich mehr als 85.900 Euro brutto. Dazu zählt auch die sehr kleine Berufsgruppe der Top-Manager, deren persönlicher Erwerbssinn durchaus ausgeprägt ist. Aber selbst von Helmut Elsners Abfertigung und Andreas Treichls 4-Millionen-Euro-Jahresgage zum Milliardär ist es auch noch ein weiter Weg.

Von Karl Riffert, Mitarbeit: Jasmin Schakfeh

Vermögensverteilung

http://www.bmsk.gv.at/cms/site/attachments/4/5/5/CH0107/CMS1232705650368/18_verteilungdergeldvermoegen.pdf

Sonntag, 23. Mai 2010

Entwicklungshilfe

Warum die Helfer in Afrika versagen

Von Kurt Gerhardt


Große Armut, gigantische Abhängigkeiten: Falsche Entwicklungshilfe behindert die Eigeninitiative in Afrika. Das System muss dringend reformiert werden. Denn Menschen werden zur Untüchtigkeit erzogen - und die Industrieländer haben aus Partnern Bettler gemacht.

Die Entwicklungshilfe für Afrika ist ein Segen für alle, die direkt an ihr beteiligt sind, auf Geber- wie auf Nehmerseite. Geberfunktionäre verdienen, zumal im Ausland, reichlich Geld, und viele derer, die die Hilfe in Empfang nehmen, wissen es in der Regel so anzustellen, dass ihre persönlichen Interessen dabei nicht zu kurz kommen.

ANZEIGE
Diese beiden großen Gruppen können eigentlich kein Interesse an einer Änderung der Verhältnisse haben. Trotzdem werden auch in ihren Reihen die Stimmen lauter, die sagen, so könne es nicht weitergehen. Die personelle und finanzielle Entwicklungshilfe der vergangenen 50 Jahre stehe in keinem vertretbaren Verhältnis zu den enttäuschenden Resultaten. Auch immer mehr einfachen Spendern, die von Einzelheiten der Praxis wenig wissen, schwant, dass mit der Entwicklungshilfe etwas nicht stimmen könne.

So ist es. Die Hilfe ist in hohem Maße misslungen.

Wir haben uns zu viel Zuständigkeit für die Lösung afrikanischer Probleme angemaßt und die Menschen so "erzogen", dass es verständlich erscheint, wenn sie bei einem aufkommendem Problem zuerst ausländische Helfer anrufen, bevor sie fragen, was sie selbst für dessen Lösung tun können.

Dieses Bewusstsein sitzt tief in afrikanischen Köpfen. Diese Selbstentmündigung ist eines der schlimmsten Ergebnisse der bisherigen Zusammenarbeit. Falsche Entwicklungshilfe hat die Menschen abhängig gemacht, hat sie an den Zustand der andauernden Hilfe gewöhnt und so die Bildung von Eigeninitiative behindert. Diese in den Mentalitäten der Menschen angerichteten Schäden sind weit schlimmer als die enormen materiellen Verluste, die durch fehlgeschlagene Hilfe entstanden sind. Afrika ist übersät mit herumliegenden Traktoren, zerstörten Maschinen, heruntergekommenen Gebäuden.

Auch auf unserer Seite hat sich das Bewusstsein festgesetzt, zuvörderst seien wir dafür zuständig, Afrika zu entwickeln. Bundespräsident Horst Köhler, der sich mit reicher Erfahrung und großem Engagement für Afrikas Entwicklung einsetzt, sprach im August 2009 auf der 2. Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik unter anderem über eine Energiepartnerschaft, die Deutschland mit Nigeria zwei Jahre zuvor vereinbart habe. Sein Fazit:

"Ich kann nicht erkennen, dass es in Nigeria seitdem mehr Elektrizität gibt. Und ich finde das beschämend für die Industrieländer wie auch für die Verantwortlichen in Nigeria, dass dieses große rohstoffreiche Land im Grunde seine sozialökonomische Entwicklung nicht voranbringen kann, weil es bisher nicht geschafft hat, Elektrizität in die ländlichen Gebiete zu bringen. Ich finde das beschämend für die ganze Entwicklungszusammenarbeit, die es jetzt seit Jahrzehnten gibt."

Dass er als Verantwortliche für das Versagen zuerst die Industrieländer nennt und dann die Nigerianer, ist relativ unwichtig, gemessen daran, dass er erstere überhaupt nennt. Sollen wir uns allen Ernstes dafür schämen, dass eines der größten Ölexportländer der Welt nicht in der Lage ist, seine ländlichen Gebiete mit Strom zu versorgen? Die Frage zu stellen genügt, um zu zeigen, wie abwegig der Gedanke ist - und wie tief das Missverständnis sitzt.

Verletzung des Subsidiaritätsprinzips

Diese bemutternde Haltung, die in den Dritte-Welt-Kreisen des Nordens seit Jahrzehnten verbreitet ist, steht im Widerspruch zum Subsidiaritätsprinzip, das verlangt, dass helfende Agenturen, private oder staatliche, keine Aufgaben übernehmen dürfen, die vom Entwicklungsland selbst erfüllt werden können. Zweitens muss die Hilfe so gegeben werden, dass die Helfer sich so bald wie möglich zurückziehen können.

Das Subsidiaritätsprinzip hätte von Anfang an der Schlüssel für die Gestaltung der Zusammenarbeit sein müssen. In Wahrheit hat es eine viel zu geringe Rolle gespielt.

Es fehlt auf Seiten der Geber von Entwicklungshilfe nicht an Theorien, an ausgeklügelten Strategien, Konzeptionen - davon bersten die Büroschränke der internationalen Entwicklungsagenturen. Woran es mangelt, ist Grundverständnis und angewandte Prinzipienklarheit.

Dass der Norden den Süden nicht entwickeln und jeder Mensch und jede Gesellschaft das nur selbst tun könne, gehört zum wohlfeilen Glaubensbekenntnis der Geber. In die Praxis ist es allerdings kaum eingedrungen.

Eigeninitiative nimmt Schaden

Entsandte Entwicklungsexperten kommen aus Gesellschaften mit einer anderen Leistungseffizienz als der, die in Afrika herrscht, wo generell gemächlicher und weniger gründlich gearbeitet wird. Zweitens bleiben die ausländischen Helfer in der Regel nur einige Jahre. In dieser Zeit möchten sie "etwas erreichen". Sie werden immer dazu neigen, mehr zu tun, als sie nach dem Subsidiaritätsprinzip tun sollten. Damit aber verdrängen sie afrikanische Eigendynamik und behindern deren Stärkung.

Eine weitere zweifache Verletzung des Subsidiaritätsprinzips ist angelegt in der Existenz nicht nur der gewaltigen nationalen und internationalen Entwicklungsagenturen, von GTZ bis Weltbank, sondern auch der Myriaden kleiner und großer privater Organisationen, die den Kontinent mit ihren Wohltätigkeitsnetzen überziehen.

De facto sind das, nach der Kolonialzeit, die neuen Besatzungsmächte.

Nach dem zweiten Lehrsatz dieses Prinzips soll sich die Hilfe so schnell wie möglich überflüssig machen. Allein für Deutschland wird die Zahl derer, die von der Entwicklungshilfeindustrie abhängig sind, mit bis zu hunderttausend angegeben. Man stelle sich den Aufruhr vor, der entstünde, wenn jemand auf die Idee käme, diese Behörden abzubauen. Dabei ist dieses Ziel Teil ihrer Existenzberechtigung.

Freitag, 21. Mai 2010

2030

http://www.hammond.co.uk/The%20World%20In%202030%20Ray%20Hammond.pdf

Sonntag, 16. Mai 2010

Henrik Enderlein

Ist die No-bail-out-Klausel mit dem 750-Milliarden-Euro-Rettungspaket endgültig hinfällig?

»Wenn die Zahnpasta einmal aus der Tube ist, kriegt man sie nicht wieder rein.«
Henrik Enderlein

Enderlein: Man hat sich entschieden, diese Klausel nicht anzuwenden. Das ist ein Bruch. De facto haben wir heute eine andere Währungsunion als noch vor einigen Wochen. Wenn die Zahnpasta einmal aus der Tube ist, kriegt man sie nicht wieder rein. Jetzt müssen Europas Regierungen an der Verfassung der Währungsunion weiterarbeiten und ein neues Gleichgewicht schaffen, das hoffentlich funktioniert. Ich hätte mir gewünscht, dass man die Diskussion über diese Währungsunion viel früher und viel ernsthafter führt. Viele Beobachter waren sich einig: Es ist eine Illusion zu glauben, man könne eine gemeinsame Währung haben ohne eine gemeinsame Fiskal- oder Wirtschaftspolitik. Die Regierungen wollten dieses Problem aussitzen. Viele haben gedacht, mit dem Euro sei der Endpunkt der Wirtschaftsintegration erreicht. Das Gegenteil ist der Fall: Es war der Anfangspunkt.

sueddeutsche.de: Wo besteht dringender Handlungsbedarf?

Enderlein: Es muss viel stärker am Binnenmarkt und an der Koordination der Politik gearbeitet werden. Letztlich ist der Souveränitätstransfer bei der Währung auch nur der Anfang der Souveränitätsabgabe, die wir jetzt noch in anderen Bereichen vornehmen müssen. Wir müssen die Flucht nach vorne antreten: Nur ein stärkeres Europa ist jetzt die richtige Antwort.

Euro

Skidelsky: Die Währungsunion ist in einer Existenzkrise. Sie basierte auf der Annahme einer strikten Finanzdisziplin und ebenso auf Angleichung der Wettbewerbskraft. Beides ist nicht eingetreten. Mit dem Euro ging auch die Möglichkeit für nationale Regierungen verloren, die Währung abzuwerten, als wichtiges konjunktursteuerndes Instrument. Jetzt steht der Euro da wie ein Kaiser ohne Kleider.

SZ: Und was hat das nun für praktische Folgen?

Skidelsky: Es kann zwei Möglichkeiten geben: Entweder raufen sich die Mitglieder zusammen und koordinieren ihre Finanzpolitik. Dazu ist auch ein Europäischer Währungsfonds notwendig. Das neue Rettungspaket für die Euro-Wackelkandidaten geht da in die richtige Richtung. Das hat dem Euro vielleicht eine Atempause verschafft. Doch die Ursachen der Krise sind nicht beseitigt. Die andere Möglichkeit - das wäre der Worst Case - ist ein Auseinanderbrechen der Währungsunion. Wahrscheinlich würde in diesem Fall nur ein kleiner Kern von Mitgliedern übrig bleiben, die sich um Deutschland und Frankreich sammeln.

Samstag, 15. Mai 2010

Ginseng

In zwei weiteren im Vorjahr durchgeführten Studien stieß Kratzik auf ein zusätzliches Phänomen: Durch Testosterongaben beim massiv metastasierenden, austherapierten Prostatakarzinom sinkt der PSA-Wert – ein Marker, der die Menge des ­prostataspezifischen Antigens ­anzeigt und damit die Existenz beziehungsweise das Wachstum eines Tumors. Warum das so ist, wissen die Forscher nicht. Aufgrund der Literatur und seiner eigenen Studienergebnisse kommt Kratzik zu dem Schluss: „Wenn Sie kein Prostatakarzinom haben, werden Testosterongaben sicher keinen Krebs auslösen. Aber künstliche Hormone könnten ein schlafendes Karzinom aufwecken. Daher plädiere ich für Vorsicht.“

Aber die Vorstellung, dass Testosterongaben den alternden Mann ähnlich auf Trab bringen wie hochbetagte Frauen, ist nach wie vor verlockend: Hormonforscher Huber berichtet von 80- und 90-jährigen Damen, bei denen sich durch eine Testosteronbehandlung viele Beschwerden besserten, wie Muskelschwäche, Abgeschlagenheit und Vergesslichkeit. Es gebe bereits Überlegungen, Testosteron zur Alzheimer-Vorbeugung einzusetzen. Sein Kollege Markus Metka empfiehlt aufgrund ihrer besseren Bioverfügbarkeit Pflanzenhormone. Für den schwächelnden Mann Extrakte aus der Sabalfrucht sowie aus der Ginseng-, Yams- und Tribuluswurzel.

Die nachlassenden Kräfte des alternden Mannes waren schon Thema im Alten Testament. König David fühlte sich schwächlich, er fröstelte, war unkonzentriert, es mangelte ihm an Entscheidungskraft, so die Legende. Die Weisen Israels berieten, was zu tun sei. Anstatt ihrem König medizinische Pflanzen zu verabreichen, entschieden sie sich dafür, das hübscheste Mädchen ­Israels zu suchen, und fanden es in der 16-jährigen Abisag von Sunem, die sie kaum bekleidet über des Königs Lenden legten. Nach einer Weile fühlte der König Wärme in seinem Körper aufsteigen, er gewann wieder Antriebs- und Entschlusskraft: Er befahl, zwei seiner drei potenziellen Nachfolger umzubringen.

Sinn

Es sei nicht der Euro gefährdet gewesen, sondern die Fähigkeit vieler Länder, sich weiter so billig zu verschulden, wie es unter dem Schutz des Euro bisher möglich gewesen sei. Die Zinsen hätten in der Krise begonnen, sich wieder der Bonität der Länder anzupassen. Eine notwendige Korrektur der Zinsstrukturen, die der unterschiedlichen Bonität der Länder entsprochen hätte, sei von den europäischen Schuldnerländern zur Systemkrise hochstilisiert worden.

Jetzt würden Schulden mit neuen Schulden bekämpft. Sinn sieht deshalb eine Staatskrise auf Deutschland zukommen. Auch Deutschland liege mit einer Staatsverschuldung von 74 Prozent der Wirtschaftsleistung weit über dem erlaubten Wert.

Außerdem laufe das Land ohnehin auf eine demografische Krise zu. „In 20 Jahren sind die deutschen Baby-Boomer, die 1965 geboren wurden, 65 und wollen eine Rente von Kindern, die sie nicht haben“, sagte Sinn. Diese Krise werde durch die „Vergemeinschaftung der europäischen Schulden“, die nun in der EU beschlossen worden sei, wahrscheinlicher.

Dass die Spekulanten als Schuldige der Krise ausgemacht wurden, hält Sinn für eine weit hergeholte Verschwörungstheorie. „Die wahren Spekulanten waren die Regierungen der Krisenländer. Sie haben darauf gesetzt, dass wir sie freikaufen, wenn sie pleite sind. Mit den Beschlüssen vom Wochenende wird das belohnt.“

Mittwoch, 12. Mai 2010

Weltfinanz

http://www.initiative.cc/Artikel/2005_11_21%20Weltfinanz.htm

Dienstag, 11. Mai 2010

Reinhart Carmen

http://www.economics.harvard.edu/files/faculty/51_This_Time_Is_Different.pdf

Sonntag, 9. Mai 2010

Kydland

Das hat die Europäische Union mit den Konvergenzkriterien und mit dem Stabilitätspakt versucht. Sie ist damit grandios gescheitert, weil der Regelbruch von Anfang an den Euro begleitete. Jetzt steht die letzte und wichtigste Regel der Währungsunion auf dem Spiel: das Verbot des Bail-outs von Staaten, das Verbot der Finanzhilfen im Fall einer drohenden Überschuldung. Alle Mitglieder des Euro-Raums stünden sich besser, wenn jede Regierung fiskalische Disziplin halten würde. Der Schaden eines Verstoßes gegen dieses Gebot durch einen Einzelnen aber wird geteilt, weil der Außenwert des Euro insgesamt darunter leidet. Damit ist es für jede Regierung rational, im Währungsraum die Verschuldung lockerer zu sehen. Um diesen Fehlanreiz einzudämmen, haben die Väter des Euro im EU-Vertrag das Verbot des Bail-outs festgeschrieben. Griechenland hat wie die Hausbauer am Deich rationalerweise darauf gesetzt, dass das Versprechen, der Euro werde keine Transferunion, nicht zu halten ist. Das wirtschaftlich kleine Land am Südostzipfel Europas ist zwar nicht zu groß, um zu fallen. Der mögliche Schaden aber, den ein Staatsbankrott Griechenlands in den Bilanzen der europäischen Banken auslösen würde, lässt die EU-Politiker davor zurückschrecken.

Mit dem Bail-out brechen die Regierungen die letzte und wichtigste Regel, mit der die Währungsunion sich als Stabilitätsgemeinschaft etablieren wollte. Alle künftigen Versuche, die fiskalischen Regeln zu schärfen, werden darunter leiden und wenig Glaubwürdigkeit entwickeln können. Würde es verwundern, wenn der deutsche Wahlbürger sich auf Groucho Marx berufen und den Austritt aus der Währungsunion fordern würde?

Finn E. Kydland, Edward C. Prescott: Rules Rather Than Discretion: The Inconsistency of Optimal Plans, Journal of Political Economy, Bd. 85, 1977, S. 473-492.

Samstag, 8. Mai 2010

Drewermann

Nicht nur gibt es keine von Gott eingehauchte Seele im Hirn, die Vorstellung von Gott selbst ist ein Produkt des Hirns, entstanden im neuronalen Fragespiel nach allem „warum“. Das, was wir „Seele“ nennen, entsteht in der phantastisch komplexen Interaktion von Neuronen, emergiert, entsteht aus sich selbst, wie der bekannteste Hirnforscher Deutschlands, Wolf Singer, sagt: "Man sagt, psychische Phänomene seien emergente Eigenschaften von komplexen Nervensystemen, die natürlich in einer anderen Sprache beschrieben werden müssen als die neuronalen Prozesse, die ihnen zugrunde liegen. Was aber nichts Außergewöhnliches ist, denn wir beschreiben den Vogelflug in seiner Ästhetik auch mit anderen Worten als die Mechanik der Flügelbewegungen, die diesen Flug ermöglicht."

Müssten die, die Gott mit ihrer Seele suchen wie dieser Mönch, nicht eine neue Sprache für beides finden? Mit diesem Ziel hat der Theologe Eugen Drewermann sich auf seine lange Reise durch die Hirnforschung begeben und sie mit Philosophie und Theologie verglichen. Eine Selbstverständlichkeit?

Wolf Singer: "Ich halte es für die Verpflichtung vor allem von Philosophen, das Wissbare zu wissen, um es dann mit ihren Instrumenten zu ordnen. Das war immer die heilige Pflicht der Philosophie."

Geistige Revolution
Es müsste auch die heilige Pflicht der Kirche sein, meint Eugen Drewermann. Die Kirche brauche eine geistige Revolution, wenn sie der heutigen Welt eine Seele geben wolle, die mehr wäre als die letzte Illusion. Das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes aber und das Nicht-Aufnehmen psychoanalytischer wie naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Auslegung der Bibel mache den Glauben zum Feind der Intelligenz.

Eugen Drewermann: "Gott wird von den Theologen noch immer aus dem bewiesen, was wir nicht wissen: wie entstand das Leben? Es ist rätselhaft, aber: dann muss es Gott gemacht haben. Wie entsteht unser Bewusstsein? Es ist rätselhaft: also muss es Gott gemacht haben. Auf diese Weise wird Gott zu einem jagbaren Wild, das wir von Lichtung zu Lichtung hetzen im Fortschritt der Wissenschaften – ein Rückzugsgott."

Keinen solchen Rückzugs will Drewermann. Er ist kein Atheist. Er will, dass Gott wieder subversiv wirkt wie früher, meint er, einen Gott, der keine Angst zu haben braucht vor den Erkenntnissen seiner Geschöpfe.

Holl - 80

Am 13. Mai feiert der Philosoph, Theologe und Religionswissenschafter Adolf Holl seinen 80. Geburtstag. – Eine kritische Würdigung.

Adolf Holl trat in mein Leben, als ich 30 Jahre alt war und er 74. Das war im Jahr 2004. Damals hatte er mich in seine Wohnung in der Hardtgasse geladen. Treffpunkt 16.30 Uhr. Die Tür öffnete mir ein Mann mit wirbelnd-weißem, schütterem Haar, mit tiefen, von Tränensäcken getragenen Augen und mit Altersflecken auf den Handrücken: Dieser Mann, das war deutlich zu erkennen, war in die Jahre gekommen. Aber wie musste ich mir den jungen Holl vorstellen, den Kaplan im heiligen Priestergewand und mit ausgebreiteten Armen zum Segensgruß? Und wie den Holl in seinen besten Jahren, als er die Kanzel gegen das Rednerpult eingetauscht hatte, in einem stickigen Saal, der vor emotionaler Spannung überzukochen droht?

Um diesen Adolf Holl zu entdecken, muss man in die Archive gehen und in den Geschichtsbüchern blättern. Der Mann, der im Jahr 2004 vor mir stand, war ein Gelehrter mit ruhigem Blick, der erst einmal "Grüß Gott" zu mir sagte.

Adolf Holl war mir lange Zeit kein Begriff. In den Neunzigerjahren, als meine Generation groß wurde, war er in der breiten Öffentlichkeit nicht mehr präsent. Dass ich ihn entdeckte, verdanke ich einem Zufall, einer historischen Untersuchung, die mich in die Siebzigerjahre des Bregenzerwaldes zurückführte. Holl war nämlich 1974 als Referent im Tal gewesen und hatte einigen Staub aufgewirbelt. Der hatte sich, nachdem er gegangen war, allerdings bald wieder gelegt. Übrig blieb lediglich ein kurzer Bericht im Pfarrblatt meines Ortes, der zwar sehr dezidiert gegen den Gast aus Wien gerichtet war – er habe nämlich die Bibel sehr einseitig ausgelegt und kläglich sei sein Abgang gewesen –, doch viel mehr war ihm leider nicht zu entnehmen. Doch dieser Name hatte mich neugierig gemacht, und ich begann, tiefer in der Geschichte zu bohren.

Es stellte sich heraus: Der gesamte Bregenzerwald stand in den Siebzigerjahren zeitweilig unter Feuer, vor allem entfacht von jugendlichen Schülern und Studenten, die sich von der Achtundsechzigern hatten inspirieren lassen und großangelegte Aktionen starteten, mit denen sie gegen die starren sozialen Strukturen und überkommenen Traditionalismus rebellierten. Holl war nur das letzte Glied dieser Kette. Er zog also damals durch die Provinzen, um zu missionieren, aber auch um Geld zu verdienen. Der Auftritt im Tal wurde ihm für damalige Verhältnisse mit 5000 Schilling köstlich vergütet.

Jedenfalls ließ sein Name die braven Bürger erzittern. Im Vorfeld der Veranstaltung hatte sich eine Initiative gebildet, die mit Vehemenz den Auftritt des Kaplans zu verhindern versuchte.

Es gingen sogar Bittgesuche an den Bundespräsidenten, er solle den Holl in Wien behalten. Da diese nicht fruchteten, schritt die Initiative zur Tat. Sie barrikadierte die Straße am Eingangstor zum Tal, um den unerwünschten Gast noch rechtzeitig abzufangen. Doch die Jugendlichen waren informiert und wählten mit dem Vortragenden im Auto, den sie am Bahnhof in Dornbirn abgeholt hatten, einen anderen Weg in den "Wald". Mittlerweile hatte sich der Saal zum Bersten gefüllt, auch hatten sich Exekutivbeamte eingefunden. Man wollte auf Nummer sicher gehen, fürchtete man doch, Holls Worte könnten zu Ausschreitungen führen. Letztlich lief die Veranstaltung friedlich ab.

Vom Priester zum Autor

Aber wer war dieser Mann, dessen bloßer Name ausreichte, um ein Tal zu erschüttern, das sonst friedlich in seinem Bergidyll ruhte? Holls biographische Eckdaten sind hinlänglich bekannt: Geboren 1930 in Wien, 1948 ins Priesterseminar eingetreten, 1954 zum Priester geweiht, danach Kaplan und zeitweilig Religionslehrer in Wien, Dozent an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, 1973 mit einem Lehrverbot belegt, 1976 vom Priesteramt suspendiert. Hauptgrund für seine kirchliche Ächtung war das 1971 erschienene Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft", das ein Bestseller wurde.

Darin sägte er am Stamm der Kirche. Er zweifelte die Priesterkirche an und machte Jesus, analog zum "Antichristen" Friedrich Nietzsches zu einem "heiligen Anachristen". Nach dem Ende seiner priesterlichen Karriere arbeitete Holl als Autor und Publizist (mittlerweile mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet), moderierte den Club 2 und reiste für Fernsehanstalten um die Welt, um von den Weltreligionen zu berichten.

In den Siebzigerjahren war Holl ein Unruhestifter, heute spüre ich davon nichts mehr. Seine Wohnung verströmt die Aura redlicher Gelehrsamkeit. Dicke Teppiche bedecken den Flur, in Wandnischen Bücherregale, vollbestückt mit Enzyklopädien, philosophischen und religionswissenschaftlichen Werken. Im Bürozimmer vier Ledersessel, die ein Stehtischchen umgeben, darauf liegen Zeitungen und Magazine. Zum Fenster hin der Schreibtisch, in feinster Ordnung, daneben ein kleinerer Tisch, darauf eine Schreibmaschine, darüber gespannt ein Staubtüchlein. Aber wo ist der Computer, das Modem, der Drucker? Wo das Funkeln und das Glitzern, das Heute und Jetzt?

Ja, die Zeit ist dem "Ex-Kaplan" entglitten. Er ist ein Gelehrter alter Prägung, der nach wie vor sein Wissen aus Büchern und dem akademischen Diskurs bezieht. Der moderne Intellektuelle schreibt nicht mehr auf der Schreibmaschine, er surft, scrollt und mailt. Holl weiß das, aber ihn stört es nicht, dass er hier nicht mehr mithalten kann. Im Gegenteil: Er ist froh darüber, nicht mehr überall mitmachen zu müssen. Die Ozeane des Wissens sind indes nicht tiefer geworden, viel größer erscheint hingegen die Gefahr, in der unüberschaubaren Menge an Daten und Informationen der Internet- und Computerwelt an der Oberfläche stecken zu bleiben. Doch neulich wurde ich von einer SMS überrascht, die von Holl kam. Ganz ohne die neuen Medien und Kommunikationsmitteln lebt also auch er nicht.

"Wer zweifelt, der denkt." Gesagt hat das Ludwig Wittgenstein, gefunden habe ich das Diktum in Holls 2009 erschienenem Buch "Wie gründe ich eine Religion". Das "Höhere" könne er, so der Philosoph weiter, mit Worten nicht ausdrücken. Deshalb könne er sich gut eine Religion ohne Lehrsätze vorstellen, eine Religion, in der überhaupt nicht gesprochen wird. Bereits in "Jesus in schlechter Gesellschaft" wurde Wittgenstein zitiert: "Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind."

Der Zweifel war und ist die Haupttriebfeder in Holls Leben: da steht zum einen "der Schock eines jungen Priesters, der zu seiner Bestürzung entdecken musste, dass sein Amt mit den wahren Absichten seines geliebten Meisters wenig zu tun hatte" ("Jesus in schlechter Gesellschaft"), zum anderen sein Verstand, der ihn zwar zu dieser Erkenntnis geführt hat, jedoch kläglich scheitert, wenn es darum geht, Antworten auf das große Geheimnis unseres Seins zu finden. Aus diesem Zwiespalt schöpfte Holl die Energie für sein Lebenswerk. Es umfasst über dreißig Bücher.

Einladung zur Bilanz

Auch ich war getrieben vom Zweifel, als ich 2004 Holl anrief und ihn einlud, nochmals in den Bregenzerwald zu kommen. Diesmal aber, um Bilanz zu ziehen. Holl kam nicht mehr mit dem Zug, sondern mit dem Flugzeug. Auch trachtete niemand mehr danach, ihn auf der Straße abzufangen. Der Lokalzeitungen kündigten lediglich mit einer kurzen Notiz die Veranstaltung an, und als Holl den Saal betrat, waren nicht 300 Personen anwesend, sondern nur fünfzig. Er strich sich übers Sakko, legte seine Brille ab und begann sein Referat zu verlesen: "Falls ich Papst werden sollte, müsste ich zuerst einmal zum Kardinal ernannt werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist das eher unwahrscheinlich." Vor dreißig Jahren wären bereits da die ersten Fäuste gehoben worden, jetzt gab es weder Raunen noch Räuspern.

Holl ließ sein Leben Revue passieren, sprach von der Befreiungstheologie, vom Ende des Kalten Kriegs und des Kommunismus, vom muslimischen Erwachen und natürlich von der 68er-Bewegung. Die Bilanz in Bezug auf die einstigen Ideale war wenig ermunternd: "Eigentlich müsste ich wie ein verbitterter Mensch vor Ihnen stehen (. . .). Jedoch mich wunderts, dass ich so fröhlich bin". Er habe Glück gehabt, alles, was er unternommen, habe ihm Freude bereitet: Das Marschieren als "strammer Pimpf" im deutschen Jungvolk, die Jahre unter Gleichgesinnten im Priesterseminar, die Aufbauarbeit der Katholischen Jugendarbeit, auch das Redenschreiben für Kardinal König. Im Nachhinein sei er dem Kardinal sogar dankbar, dass er ihn 1973 freigestellt habe ("der Petersplatz in Rom lockt mich nicht mehr"). Seine Bücher hätten Erfolg gehabt, er habe eine Lebensgefährtin gefunden, mit der noch immer zusammen sei.

Aber die äußerlichen, weltlichen Dinge und Erfahrungen, die kommen und gehen, was sind sie im Vergleich zum Glauben? Ich habe Holl immer als einen gutgelaunten, ausgeglichenen Menschen wahrgenommen, der über sich selbst und sein Tun lächeln kann, weil er um die Grenzen der Gelehrsamkeit weiß.

Aber in punkto Glauben ist mir dieser Mensch etwas fremd geblieben. Warum schreibt jemand so viele Bücher über Gott und die Religionen, wenn er weiß, dass er mit Buchstaben das Geheimnis nie wird lüften können? Warum legt er nicht wenigstens einmal seinen Gelehrtenmantel ab, verlässt die Stadt und lässt seine Sinne nach dem Einzigartigen suchen?

Adolf Holls Worte versprühen ohne Zweifel Übersinnlichkeit, aber manchmal habe ich das Gefühl, er glaube immer noch, mit seinem Verstand irgendwann die vielen dunklen Ecken ausleuchten zu können. Wir werden ja sehen. Vorerst sei ihm zum 80. Geburtstag herzlich gratuliert.

Freitag, 7. Mai 2010

ORF

"Der Mensch von morgen": Norbert Bachl über Gendoping, Gentherapie und weitere Möglichkeiten der Wissenschaft (Buch gemeinsam mit Erich Vogl, Ueberreuter Verlag). Studiogespräch: Wolfgang Ritschl

"Im freien Fall": Joseph Stiglitz über das Versagen der Märkte und eine Neuordnung der Weltwirtschaft (Buch: Siedler Verlag). Rezension: Rosa Lyon

Dienstag, 4. Mai 2010

Openfarmtech.org

http://openfarmtech.org/index.php/Open_Source_Ecology#Inventing_a_New_Civilization_on_a_Shoestring_Budget

Krisenmythos Griechenland

http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=32551&mode=html&zeilenlaenge=50

Samstag, 1. Mai 2010

Unsozial sozial

Schlechthin unsozial ist es, wenn der Staat den Bürgern der Gegenwart Zuwendungen macht, diese aber durch Staatsverschuldung zulasten der Steuerkraft unserer Kinder finanziert. Deswegen gilt die Staatsverschuldung grundsätzlich als Übel. Der Steuerstaat ist so verfasst, dass die gegenwärtigen Leistungen des Staates von den Steuerzahlern der Gegenwart finanziert werden. Die Generationengerechtigkeit verbietet es, die Gegenwart zu begünstigen und dafür die Zukunft zu belasten.

Die Geschichte der Staatsschulden lehrt, dass der staatliche Schuldner meist die Steuerzahler der Zukunft überfordert und seine Schulden nicht tilgt. Dabei zeigt die Erfahrung der letzten hundert Jahre, dass Hyperinflationen am ehesten beginnen, wenn die Staaten keine Gold- oder Silberwährung haben und auch nicht bestrebt sind, zu Silber- und Goldstandards zurückzukehren. Dennoch sind die Kreditgeber bereit, auch inflationsgefährdeten Staaten Kredite zu gewähren, weil sie in ihren Kreditkonditionen einen drohenden Staatsbankrott einberechnet haben, im Übrigen die Staaten auf zukünftige Kredite angewiesen und deswegen zu angemessenen Vergleichen bereit sind. Philipp II. von Spanien führte seinen Staat viermal in den Staatsbankrott, erhielt dennoch von den Fuggern und den reichen Familien in Genua neue Kredite. Heute könnte – nach der Gründung des Internationalen Währungsfonds ebenso wie unter den Bedingungen moderner Staatsanleihen – ein Kreditgeber noch leichter bereit sein, die Staaten in die Insolvenz geraten zu lassen, weil der Währungsfonds ihr Ausfallrisiko deutlich mindert und das Anleihengeschäft das Risiko breit streuen kann. Der letztverantwortliche Finanzier dieser Schulden und Bankrotte, der zukünftige Steuerzahler, ist an diesen Kreditverträgen und Garantieversprechen nicht beteiligt, wird aber in einem fiktiven „Generationenvertrag“ als Kernschuldner in die Pflicht genommen.

Schleier des Nichtwissens

Allerdings betont die Neuzeit, der Staatskredit dürfe zukunftsbegünstigende Ausgaben durch Zukunftsbelastungen finanzieren. Ein Staat ohne Staatschuld tue entweder zu wenig für seine Zukunft oder fordere zu viel von seiner Gegenwart. Moderne Gerechtigkeitstheorien setzen auf einen gedachten Urzustand aller Generationen, die unter einem „Schleier des Nichtwissens“ sich auf einen allgemeinen Spargrundsatz verständigen, sodass jede Generation den gerechten Teil von ihren Vorfahren erhält und ihrerseits den Nachfahren den gerechten Teil weitergibt.

Doch diese Abstraktion von Eigeninteressen ist dem Menschen nicht möglich. Alle Erfahrungen mit prachtvoller Hofhaltung, Kriegsfinanzierung und spendablen Staatsleistungen lehren, dass die „Verausgabung auf Borg“ sich nicht bezahlt macht. Deswegen haben zu Beginn der Demokratie in Deutschland die Parlamente darum gekämpft, über Steuerlasten, Staatsverschuldung und Ausgabenpolitik bestimmen zu dürfen. Schon dieses Verfahren sollte die Richtigkeit der Finanzentscheidungen gewährleisten. Wenn der Steuerzahler selbst, repräsentiert durch seine Abgeordneten, über Art und Intensität der Steuern bestimme, garantiere allein dieses Verfahren die gleichmäßige und maßvolle Steuerlast. Doch das Ausweichen in die Staatsverschuldung, die Begünstigung der Gegenwart zulasten der Zukunft, ist in diesem Verfahren nicht ausgeschlossen.

Deswegen bemühen sich Verfassungen immer wieder, die staatliche Kreditaufnahme auf das finanziell Mögliche zu begrenzen. Die Aufnahme einer Staatsanleihe war an ein „außerordentliches Bedürfnis“ geknüpft. Nach Artikel 87 der Weimarer Verfassung durften Geldmittel im Wege des Kredits „nur bei außerordentlichem Bedarf“ und in der Regel „nur für Ausgaben zu werbenden Zwecken“ beschafft werden.

Der Begriff „Ausgaben für werbende Zwecke“ ist im Laufe der Zeit aber immer weiter ausgedehnt und schließlich weit über seine ursprüngliche Bedeutung der „rentablen“ Ausgaben hinaus erstreckt worden. Auch die Begrenzung der Schulden durch die Summe der im Haushaltsplan veranschlagten Investitionen hat sich nicht bewährt. Auch dieses Instrument der Finanzpolitik wirkte nicht als ein finanzverfassungsrechtliches Übermaßverbot, konnte den Tatbestand „zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ nicht strikten Erfordernissen der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit unterwerfen, sondern öffnete ein Fenster zum Übermaß.

Doch neuerdings ist das Grundgesetz strenger. Es gilt das Gebot, die gegenwärtigen Haushaltsausgaben durch die gegenwärtigen Einnahmen auszugleichen. Eine Neuverschuldung – die Erhöhung des gegenwärtigen Schuldenberges durch zusätzliche Schulden – ist grundsätzlich verboten. Hier kündigt sich ein neues Denken an: die Verantwortung für das Recht unserer Kinder, ihre Steuerkraft für ihre eigene politische Gestaltung nutzen zu dürfen.

Rückbesinnung auf die Freiheit

Die Mäßigung und sodann der Abbau der Staatsverschuldung sind aber auch für die Staatsorgane unverzichtbar. Je höher sich der Staat verschuldet, desto mehr muss er auf dem Finanzmarkt neue Kredite zur Finanzierung seiner Altschulden und Zinslasten suchen, ist also auf die Kreditinstitute und ebenso auf die Rating-Agenturen angewiesen, die heute auch den verschuldeten Staaten gute oder schlechte Bonität und Zuverlässigkeit bestätigen und damit den Preis der Staatskredite bestimmen.

Kinder sind fasziniert, wenn sie ein Fernlenkauto aus der Distanz steuern können, also Herrschaft über ihr Spielzeug ausüben, ohne unmittelbar Hand anzulegen. Der Staat läuft Gefahr, zu einem derart ferngelenkten Spielzeug der Finanzmärkte zu werden. Je höher er verschuldet ist, desto mehr verliert er innere Souveränität. Geriete er in die Insolvenz, wäre der Rechtsstaat gescheitert. Der Maßstab des Rechts würde durch das Maß des Möglichen abgelöst. Die Überforderung des Sozialstaates ist sein Ruin.

Werden Parlament und Regierung gänzlich von der Verwaltung des Mangels bestimmt, sehen sie ihre Aufgabe vorrangig in der des Krisenmanagements, dann bleibt für gute Politik kaum noch Raum. Der Staat muss Rettungsschirme aufspannen, wird damit zu einer Umverteilungsagentur, die nicht beschirmte Unternehmen im Regen stehen und die letztlich finanzierungsverantwortlichen Steuerzahler in die Traufe kommen lässt. Sozial ist die Rückkehr zur Idee der individuellen Freiheit, die den betroffenen Unternehmer auch in der Krise auf seine Kraft verweist, sich selbst zu helfen und dadurch dazu beizutragen, die Gesamtwirtschaft aus der Krise zu führen. Die Rückbesinnung auf die Freiheit macht die Krise zur Chance.

FLOSS

http://opensource.mit.edu/online_papers.php