Sonntag, 23. Mai 2010

Entwicklungshilfe

Warum die Helfer in Afrika versagen

Von Kurt Gerhardt


Große Armut, gigantische Abhängigkeiten: Falsche Entwicklungshilfe behindert die Eigeninitiative in Afrika. Das System muss dringend reformiert werden. Denn Menschen werden zur Untüchtigkeit erzogen - und die Industrieländer haben aus Partnern Bettler gemacht.

Die Entwicklungshilfe für Afrika ist ein Segen für alle, die direkt an ihr beteiligt sind, auf Geber- wie auf Nehmerseite. Geberfunktionäre verdienen, zumal im Ausland, reichlich Geld, und viele derer, die die Hilfe in Empfang nehmen, wissen es in der Regel so anzustellen, dass ihre persönlichen Interessen dabei nicht zu kurz kommen.

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Diese beiden großen Gruppen können eigentlich kein Interesse an einer Änderung der Verhältnisse haben. Trotzdem werden auch in ihren Reihen die Stimmen lauter, die sagen, so könne es nicht weitergehen. Die personelle und finanzielle Entwicklungshilfe der vergangenen 50 Jahre stehe in keinem vertretbaren Verhältnis zu den enttäuschenden Resultaten. Auch immer mehr einfachen Spendern, die von Einzelheiten der Praxis wenig wissen, schwant, dass mit der Entwicklungshilfe etwas nicht stimmen könne.

So ist es. Die Hilfe ist in hohem Maße misslungen.

Wir haben uns zu viel Zuständigkeit für die Lösung afrikanischer Probleme angemaßt und die Menschen so "erzogen", dass es verständlich erscheint, wenn sie bei einem aufkommendem Problem zuerst ausländische Helfer anrufen, bevor sie fragen, was sie selbst für dessen Lösung tun können.

Dieses Bewusstsein sitzt tief in afrikanischen Köpfen. Diese Selbstentmündigung ist eines der schlimmsten Ergebnisse der bisherigen Zusammenarbeit. Falsche Entwicklungshilfe hat die Menschen abhängig gemacht, hat sie an den Zustand der andauernden Hilfe gewöhnt und so die Bildung von Eigeninitiative behindert. Diese in den Mentalitäten der Menschen angerichteten Schäden sind weit schlimmer als die enormen materiellen Verluste, die durch fehlgeschlagene Hilfe entstanden sind. Afrika ist übersät mit herumliegenden Traktoren, zerstörten Maschinen, heruntergekommenen Gebäuden.

Auch auf unserer Seite hat sich das Bewusstsein festgesetzt, zuvörderst seien wir dafür zuständig, Afrika zu entwickeln. Bundespräsident Horst Köhler, der sich mit reicher Erfahrung und großem Engagement für Afrikas Entwicklung einsetzt, sprach im August 2009 auf der 2. Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik unter anderem über eine Energiepartnerschaft, die Deutschland mit Nigeria zwei Jahre zuvor vereinbart habe. Sein Fazit:

"Ich kann nicht erkennen, dass es in Nigeria seitdem mehr Elektrizität gibt. Und ich finde das beschämend für die Industrieländer wie auch für die Verantwortlichen in Nigeria, dass dieses große rohstoffreiche Land im Grunde seine sozialökonomische Entwicklung nicht voranbringen kann, weil es bisher nicht geschafft hat, Elektrizität in die ländlichen Gebiete zu bringen. Ich finde das beschämend für die ganze Entwicklungszusammenarbeit, die es jetzt seit Jahrzehnten gibt."

Dass er als Verantwortliche für das Versagen zuerst die Industrieländer nennt und dann die Nigerianer, ist relativ unwichtig, gemessen daran, dass er erstere überhaupt nennt. Sollen wir uns allen Ernstes dafür schämen, dass eines der größten Ölexportländer der Welt nicht in der Lage ist, seine ländlichen Gebiete mit Strom zu versorgen? Die Frage zu stellen genügt, um zu zeigen, wie abwegig der Gedanke ist - und wie tief das Missverständnis sitzt.

Verletzung des Subsidiaritätsprinzips

Diese bemutternde Haltung, die in den Dritte-Welt-Kreisen des Nordens seit Jahrzehnten verbreitet ist, steht im Widerspruch zum Subsidiaritätsprinzip, das verlangt, dass helfende Agenturen, private oder staatliche, keine Aufgaben übernehmen dürfen, die vom Entwicklungsland selbst erfüllt werden können. Zweitens muss die Hilfe so gegeben werden, dass die Helfer sich so bald wie möglich zurückziehen können.

Das Subsidiaritätsprinzip hätte von Anfang an der Schlüssel für die Gestaltung der Zusammenarbeit sein müssen. In Wahrheit hat es eine viel zu geringe Rolle gespielt.

Es fehlt auf Seiten der Geber von Entwicklungshilfe nicht an Theorien, an ausgeklügelten Strategien, Konzeptionen - davon bersten die Büroschränke der internationalen Entwicklungsagenturen. Woran es mangelt, ist Grundverständnis und angewandte Prinzipienklarheit.

Dass der Norden den Süden nicht entwickeln und jeder Mensch und jede Gesellschaft das nur selbst tun könne, gehört zum wohlfeilen Glaubensbekenntnis der Geber. In die Praxis ist es allerdings kaum eingedrungen.

Eigeninitiative nimmt Schaden

Entsandte Entwicklungsexperten kommen aus Gesellschaften mit einer anderen Leistungseffizienz als der, die in Afrika herrscht, wo generell gemächlicher und weniger gründlich gearbeitet wird. Zweitens bleiben die ausländischen Helfer in der Regel nur einige Jahre. In dieser Zeit möchten sie "etwas erreichen". Sie werden immer dazu neigen, mehr zu tun, als sie nach dem Subsidiaritätsprinzip tun sollten. Damit aber verdrängen sie afrikanische Eigendynamik und behindern deren Stärkung.

Eine weitere zweifache Verletzung des Subsidiaritätsprinzips ist angelegt in der Existenz nicht nur der gewaltigen nationalen und internationalen Entwicklungsagenturen, von GTZ bis Weltbank, sondern auch der Myriaden kleiner und großer privater Organisationen, die den Kontinent mit ihren Wohltätigkeitsnetzen überziehen.

De facto sind das, nach der Kolonialzeit, die neuen Besatzungsmächte.

Nach dem zweiten Lehrsatz dieses Prinzips soll sich die Hilfe so schnell wie möglich überflüssig machen. Allein für Deutschland wird die Zahl derer, die von der Entwicklungshilfeindustrie abhängig sind, mit bis zu hunderttausend angegeben. Man stelle sich den Aufruhr vor, der entstünde, wenn jemand auf die Idee käme, diese Behörden abzubauen. Dabei ist dieses Ziel Teil ihrer Existenzberechtigung.

1 Kommentar:

Watzenböck hat gesagt…

Dem Sinn subsidiären Helfens widerspricht es, jemandem etwas zu schenken, das er sich selbst erarbeiten könnte. Ein wesentlicher Teil der deutschen bilateralen Hilfe, die sogenannte Technische Zusammenarbeit, die bei mehr als anderthalb Milliarden Euro pro Jahr liegt, wird als Zuschuss gegeben - und damit geschenkt. Darüber hinaus bekommen alle am wenigsten entwickelten Länder ihre Hilfe grundsätzlich als Zuschuss. Zwei Drittel der Länder Schwarzafrikas gehören zu dieser Gruppe.


Unsere Entwicklungshilfe hat eigene Anstrengungen in Afrika nicht genug gefördert und häufig sogar behindert, weil unsere Hilfe zu wenig subjekt- und zu sehr objektorientiert war. Zu oft stand nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern das Projekt oder das Programm. Dadurch wurde sie zur Hilfe, die am Menschen vorbeigeht.

Dieses Verhalten hat große Teile Afrikas in einen würdelosen Zustand versetzt. Das riesige weltweit organisierte Netz von Hilfeagenturen wird sie mit noch so viel Geld nicht daraus befreien.

Das wird den Afrikanern nur aus eigener Kraft gelingen.