Nicht nur gibt es keine von Gott eingehauchte Seele im Hirn, die Vorstellung von Gott selbst ist ein Produkt des Hirns, entstanden im neuronalen Fragespiel nach allem „warum“. Das, was wir „Seele“ nennen, entsteht in der phantastisch komplexen Interaktion von Neuronen, emergiert, entsteht aus sich selbst, wie der bekannteste Hirnforscher Deutschlands, Wolf Singer, sagt: "Man sagt, psychische Phänomene seien emergente Eigenschaften von komplexen Nervensystemen, die natürlich in einer anderen Sprache beschrieben werden müssen als die neuronalen Prozesse, die ihnen zugrunde liegen. Was aber nichts Außergewöhnliches ist, denn wir beschreiben den Vogelflug in seiner Ästhetik auch mit anderen Worten als die Mechanik der Flügelbewegungen, die diesen Flug ermöglicht."
Müssten die, die Gott mit ihrer Seele suchen wie dieser Mönch, nicht eine neue Sprache für beides finden? Mit diesem Ziel hat der Theologe Eugen Drewermann sich auf seine lange Reise durch die Hirnforschung begeben und sie mit Philosophie und Theologie verglichen. Eine Selbstverständlichkeit?
Wolf Singer: "Ich halte es für die Verpflichtung vor allem von Philosophen, das Wissbare zu wissen, um es dann mit ihren Instrumenten zu ordnen. Das war immer die heilige Pflicht der Philosophie."
Geistige Revolution
Es müsste auch die heilige Pflicht der Kirche sein, meint Eugen Drewermann. Die Kirche brauche eine geistige Revolution, wenn sie der heutigen Welt eine Seele geben wolle, die mehr wäre als die letzte Illusion. Das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes aber und das Nicht-Aufnehmen psychoanalytischer wie naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Auslegung der Bibel mache den Glauben zum Feind der Intelligenz.
Eugen Drewermann: "Gott wird von den Theologen noch immer aus dem bewiesen, was wir nicht wissen: wie entstand das Leben? Es ist rätselhaft, aber: dann muss es Gott gemacht haben. Wie entsteht unser Bewusstsein? Es ist rätselhaft: also muss es Gott gemacht haben. Auf diese Weise wird Gott zu einem jagbaren Wild, das wir von Lichtung zu Lichtung hetzen im Fortschritt der Wissenschaften – ein Rückzugsgott."
Keinen solchen Rückzugs will Drewermann. Er ist kein Atheist. Er will, dass Gott wieder subversiv wirkt wie früher, meint er, einen Gott, der keine Angst zu haben braucht vor den Erkenntnissen seiner Geschöpfe.
Samstag, 8. Mai 2010
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