Sonntag, 29. April 2012
Warum Kairo & Tunis ?
Die Araber, namentlich die Islamisten, sind nicht brennend interessiert an der Geschichte in den Jahrhunderten davor. Denn das war die Ära der großen osmanischen (=türkischen) Expansion von Istanbul aus. Die Sultane regierten alle ans Mittelmeer grenzenden islamischen Staaten. Die Araber waren nur ein Teil dieses Imperiums, ein sehr untergeordneter. Denn die Elite sprach Türkisch und lernte lieber Französisch als Arabisch. Und viele Spitzenbeamte oder Generäle waren türkische Moslems albanisch-mazedonischer Herkunft oder als Mameluken (frühere Sklaven) Bosnier, Tscherkessen, Tadschiken. All das führte zu einem ganz anderen Islam als jenem etwa der Wahhabiten in Saudi-Arabien.
Politische Neuerungen
Wie zum Beispiel der Auffassung, man müsse an die moslemischen Gelehrten des Mittelalters anschließen. Was die damals Europa geliefert hätten, müsse man sich wieder zurückholen. 1826 sandte Muhammed Ali, Machthaber der Osmanen in Kairo, aber wie der spätere Epochen-Reformer Atatürk ein Albaner, 44 Gelehrte nach Frankreich, um die modernen Staats- und Wirtschaftsstrukturen zu studieren. Nur 18 von ihnen sprachen Arabisch, die anderen waren Türken, Griechen, Georgier und Armenier
Freitag, 27. April 2012
Kapitalismus - Lingens
Zwei Drittel der Texte, die ich seit 2007 schreibe, befassen sich mit Schwächen, Verwerfungen und Auswüchsen des herrschenden Wirtschaftssystems. Manchmal denke ich, dass ich davon sogar ein bisschen verstehe: Zumindest ist mir außer Erich Streissler in Österreich niemand bekannt, der, wie ich, schon 2002 vorhergesagt hätte, was 2007 eingetreten ist. Ich stehe diesem System also mit ausreichend kritischer Distanz gegenüber. Aber es macht mich wahnsinnig, wenn ich zu Ostern „Europaweite Aktionstage gegen den Kapitalismus“ erleben musste, die in Österreich zwar nur ein müdes Häufchen, in Deutschland aber erstaunlich viele Leute auf die Straße brachten. Die vielen Wortmeldungen zum „Versagen des Kapitalismus“ scheinen in manchen Linken eine alte Hoffnung neu zu beleben: dass sie das „Ende des Kapitalismus“ erleben werden. Das reizt mich, dem eine Antithese entgegenzustellen: Wir erleben den erfolgreichsten Kapitalismus, den es je gab.
Einen eindringlichen Beleg liefert der jüngste Bericht der Weltbank zur Entwicklung der „extremen Armut“1). Als extrem arm gilt, wer weniger als 1,25 Dollar an Kaufkraft pro Tag zur Verfügung hat. 1981 galt das weltweit für jeden zweiten Bewohner eines Entwicklungslands – 2008 nur mehr für jeden fünften. Am eindrucksvollsten ist die Entwicklung erwartungsgemäß in China: 1981 lebten dort 85 Prozent der Menschen in extremer Armut – 2008 waren es 13 Prozent.
Aber auch wenn man China ausklammert, bleibt die Tendenz für die Länder der Dritten Welt ermutigend: Die extreme Armut ist dann immer noch von 41 auf 25 Prozent zurückgegangen. Sogar in Afrika sind erstmals weniger als 50 Prozent der Menschen „extrem arm“.
Dies alles hat der „versagende Kapitalismus“ trotz dramatischen Bevölkerungswachstums und aktueller „Finanzkrise“ in den vergangenen dreißig Jahren geleistet.
Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass vieles, was wir als Probleme „unserer“ Volkswirtschaften empfinden, unmittelbar mit diesem globalen Aufschwung zusammenhängt: Die gigantischen Ströme unkontrollierten Kapitals, die in New York Blasen gebildet haben, sind eben auch in die letzten Ecken der Welt geflossen. Dass die „Finanzkrise“ die USA heimgesucht hat, ist nicht zuletzt Folge des Aufstiegs Chinas, das ihnen immer mehr verkaufen konnte. Das „ungezügelte Profitstreben“ der globalen Konzerne hat nicht nur Waren extrem verbilligt, sondern auch Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Wenn Arbeiter in Österreich sich davor fürchten, dass heimische Unternehmen in Rumänien, Malaysia oder Indien produzieren, so freuen sich Arbeiter in diesen Staaten über geschaffene Jobs. In Summe – so beweisen die genannten Zahlen – hat der weltweite Reichtum geradezu sagenhaft zugenommen, auch wenn er hier nur als Verminderung der Armut dargestellt ist.
Erst nachdem dies klargestellt ist, sind Einwände angebracht: Auch nach den Berechnungen der Weltbank wird 2015 noch eine Milliarde Menschen unter extremer Armut leiden. Auch diejenigen, die ihr entronnen sind, leben noch längst nicht gut: Die Zahl derer, die von weniger als zwei Dollar pro Tag leben müssen, ist von 2,59 Milliarden im Jahr 1981 nur auf 2,47 Milliarden im Jahr 2008 zurückgegangen.
Allerdings ist die Weltbevölkerung im gleichen Zeitraum von 4,5 auf 6,7 Milliarden gewachsen, sodass dennoch außer Zweifel steht: In keinem Zeitraum der Geschichte konnte Massenarmut in dem Ausmaß vermindert werden wie in den jüngsten Jahrzehnten der „gefährlichen Globalisierung“ und des „versagenden Kapitalismus“.
Dass der technologische Fortschritt zu weit mehr imstande gewesen wäre, ist laufend Argumentation meiner Kolumnen: Natürlich ist irritierend, wenn der zunehmende Reichtum der Entwicklungsländer extrem ungleich verteilt bleibt; wenn – etwas näher – in Russland, Rumänien oder Bulgarien ein Klüngel von Milliardären einer fast unverändert armen Bevölkerung gegenübersteht. Wenn in Griechenland Leute aus Angst vor Verarmung in Selbstmord flüchten. Und natürlich ist ärgerlich, dass selbst 95 Prozent der Österreicher und der Deutschen trotz florierender Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren an Kaufkraft eingebüßt haben.
Aber das alles sind nicht „Wesenszüge“ des „kapitalistischen Systems“, sondern Fehlentwicklungen, die sich bekämpfen lassen. Man brauchte – beispielsweise – nur Agrarimporte aus der Dritten Welt zu fördern, statt die eigene Landwirtschaft kostspielig vor ihnen zu schützen, und schon beschleunigte sich dort die Überwindung der Armut. Man kann gewerkschaftliches Know-how statt Waffen in Entwicklungsländer exportieren. Natürlich kann man auch Finanzströme besser in produktive Investitionen statt in Blasen lenken, indem man Banken und Schattenbanken besser reguliert. Polen führt vor, dass die „Wende“ sehr wohl einen Mittelstand hervorbringen kann. Und ich könnte hier problemlos erläutern, welchen Versäumnissen die Griechen ihr Desaster oder die Österreicher ihren Kaufkraft-Verlust verdanken.
Nicht der „Kapitalismus“ versagt – sondern wir haben seine Möglichkeiten nicht optimal genützt.
peter.lingens@profil.at
Tingulv, 22. 04. '12 19:34
Die aktuelle Krise genauso wie die 1. Weltwirtschaftskrise wurde ...
... von der Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre vorhergesagt.
"Praktisch alle beklagten Missstände der Finanzkrise sind Folge des heutigen Geldsystems; auch die Macht der Banken. Das Phänomen eines völlig abgehobenen monetären Sektors mit Finanzinstituten, die so viele uneinbringbare Kredite ausreichen können, dass man sie nicht pleitegehen lassen darf, wenn nicht das ganze System kollabieren soll – „too big to fail“ –, gäbe es gar nicht. Wenn Banken nur reale Ersparnisse verleihen könnten und auch nur einmal verleihen könnten (im Gegensatz zur multiplen Kreditgeldschöpfung und Fristentransformation im heutigen System), hätte die heutige exorbitante Staatsverschuldung überhaupt nie entstehen können."
Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichische_Schule
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Donnerstag, 26. April 2012
Leverage
Als Leverage wird die Hebelwirkung der Finanzierungskosten des Fremdkapitals auf die Eigenkapitalverzinsung verstanden. So kann durch Einsatz von Fremdkapital die Eigenkapitalrendite einer Investition gesteigert werden. Dies trifft jedoch nur zu, wenn ein Anleger Fremdkapital zu günstigeren Konditionen aufnehmen kann als die Investition an Gesamtkapitalrentabilität erzielt.
Berechnungsmethode
Falls die Gesamtkapitalrentabilität rGK (Interner Zinsfuß der Investition) höher ist als der Fremdkapitalzinssatz rFK, erhöht sich mit zunehmendem Verschuldungsgrad V (Verhältnis von Fremd- und Eigenkapital) die Rendite rEK des eingesetzten Eigenkapitals (auch Eigenkapitalrentabilität genannt).
Unter der Prämisse, dass der Fremdkapitalzinssatz auch bei hohem Verschuldungsgrad (FK/EK) konstant ist, gilt folgende Formel:
Leverage-Risiko
Bei ansteigender Verschuldung (leverage) können auch geringe Variationen der Fremdkapitalzinsen oder der Gesamtrentabilität des Projektes starke Ausschläge bei der Eigenkapitalrentabilität erzeugen.
Beispiel 1
Ein Unternehmen kann bei einem Projekt auf das eingesetzte Kapital eine Rendite (rGK) von 10 % erzielen. Das gesamte eingesetzte Kapital beträgt 1.000 € und wurde hälftig durch Eigenkapital und Fremdkapital (also je 500 €) finanziert. Der Gewinn vor Zinsen beträgt somit 100 €. Der FK-Zins, den das Unternehmen dem FK-Geber zahlen muss, beträgt bei 2 % (500 €*0,02=) 10 €. Den Gewinn (90 €) erhält das Unternehmen. Die Eigenkapitalrendite beträgt somit 18 % (90 €/500 €), da dieser Gewinn zur Hälfte aus Eigenkapital erwirtschaftet wurde.
Der Leverage-Effekt ist die Differenz aus Rendite und Zinsaufwand, also 90 € (100 € - 10 €) oder 18 % auf das eingesetzte Eigenkapital.
Beispiel 2
Das gleiche Unternehmen (rGK 10 %, Fremdkapitalzinssatz rFK 2 %) reduziert nun den EK-Anteil am Projekt von 500 € auf 200 €. Für die Lücke kommt FK mit dem unveränderten FK-Zinssatz auf. Somit beträgt das FK nun 800 €.
Aus den unveränderten Rohgewinnen von 100 € müssen nun 16 € (800 €*0,02) für Zinsen bezahlt werden. Der Rest des Gewinnes beträgt 84 €, welche mit nur 200 € eingesetztem EK-Kapital erwirtschaftet wurden. Die EK-Rendite beträgt neu 42 % (84 €/200 €). Die freigewordenen 300 € (von 500 € aus Beispiel 1) müssen nun auch mindestens zum FK-Zinssatz angelegt werden, um die Lücke des absoluten Gewinns (6 € = 90 € - 84 € =300 €*0,02) auszugleichen.
Beispiel 3
Nun ändern wir die Bedingungen für Fremdkapital fundamental - plötzlich ist für das Fremdkapital ein Zinssatz von 12 % zu bezahlen (vorher 2 %). Aus dem Rohgewinn von 100 € sind plötzlich 96 € (800 €*0,12) an FK-Zinsen zu bezahlen. Für das Unternehmen verbleiben 4 € (100 € - 96 €), was einer EK-Rendite von nur noch 2 % (4 €/200 €) entspricht.
Sonntag, 22. April 2012
www.korruption.at - Die Zeit
Die Korruption geht um in Österreich. Und sie hat einen Ringelschwanz. Zu Lebzeiten brachte die fette Zuchtsau AT315424942858 aus Niederösterreich 120 Kilo Schlachtgewicht auf die Waage. Die beiden Performancekünstler Barbara und Nikolaus Eberstaller stopften das Borstentier mit Banknoten aus und ziehen nun mit diesem Sinnbild für gewissenlose Raffgier durch die Gegend. Sogar das Wall Street Journal oder Paris Match berichteten darüber, als das Schwein, dem die Geldscheine aus dem Leib quellen, vor dem Wiener Parlament auftauchte.
Auch drinnen im Hohen Haus beherrscht das Thema bereits seit Monaten das parlamentarische Geschehen. Im Beratungslokal des Untersuchungsausschusses geben sich zwielichtige Lobbyisten und deren Geschäftspartner die Klinke in die Hand, Abgeordnete wühlen sich durch Akten und überschütten einander bei hitzigen Sondersitzungen mit Vorwürfen.
Erst jetzt scheint in der Öffentlichkeit das ganze Ausmaß einer politischen Tradition bewusst zu werden, bei der eine Hand die andere schmiert und den Staat jährlich Milliarden kostet. Wie groß der Schaden ist, den die schwarzen Kassen anrichten, ist jedoch eine Dunkelziffer, in die nur schwer Licht zu bringen ist.
Jemand, der viel über Statistiken grübelt, ist der Volkswirt Friedrich Schneider von der Universität Linz. Österreich, sagt er, habe 2010 durch Bestechung und Vorteilsannahme 25 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verloren. Dieses Jahr sollen es 27 Milliarden werden. Wie kommt er auf diese Summe?
Zunächst berechnet er aufgrund von Produktionsfaktoren wie Arbeit, Energie, Kapital oder dem Materialverbrauch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – die Gesamtleistung aller produzierten Güter und Dienstleistungen. Danach gibt er in ein spezielles Statistikprogramm den Korruptionsindex CPI ein, der jedes Jahr von Transparency International erstellt wird und auf Umfragen unter Unternehmensberatern und Managern beruht, weshalb er auch umstritten ist. Das Ergebnis ist der volkswirtschaftliche Schaden durch Korruption.
Zum einen setzt sich diese Summe aus dem Steuerentgang durch Schwarzarbeit und illegale Zahlungen zusammen. An sich ist die Schattenwirtschaft aber wohlstandsfördernd, weil das Geld weiterhin im Finanzkreislauf zirkuliert.
Zum anderen errechnet sich der staatliche Malus aus den Mehrausgaben bei öffentlichen Aufträgen. Wenn sich ein Unternehmen an einer Ausschreibung beteiligt und nicht Bestbieter ist, droht es auszuscheiden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird ein Teil der Leistung in Schwarzarbeit kalkuliert, damit der gebotene Preis konkurrenzfähig ist, oder es wird bestochen. In westlichen Ländern werde üblicherweise das eine oder andere getan. Nur in Entwicklungsländern passiere beides komplementär, erklärt Schneider. So oder so kommt nicht die produktivste Firma zum Zug. Darunter leidet zusätzlich die Innovation, viele Firmen investieren weniger, und qualifizierte Arbeitskräfte gehen eher ins Ausland.
Die Größe der Schattenwirtschaft, die mit der Korruption in Zusammenhang steht, berechnet Schneider anhand indirekter Indikatoren wie Steuerbelastung, Regulierungsdichte oder der Summe aller ausgegebenen Münzen und Banknoten – weil in dieser ökonomischen Zone ja bar bezahlt wird.
1975 betrug die Schattenwirtschaft in Österreich noch vernachlässigbare 0,9 Prozent des BIP. Von 1990 bis 2000 schoss dann der Wert allerdings von 7,2 auf etwa 20 Prozent der Wirtschaftsleistung hoch. Im Korruptions-Ranking ist Österreich nach einem zehnten Platz 2005 mittlerweile auf Platz 16 abgerutscht. »Was nicht heißt, dass wir eine Insel der Korruption sind«, betont Schneider. »Gäbe es aber gar keine Korruption, hätte das Finanzministerium jedes Jahr um die zwei Milliarden Euro zusätzlich in der Kassa.« Verantwortlich dafür sind für den Ökonomen allerdings weniger Beamte, die sich Geld zustecken ließen, sondern das Finanzgebaren der politischen Parteien. Es öffne der Korruption Tür und Tor. Solange die Parteien allerdings nicht in der Lage sind, einen Kulturwandel hin zu Transparenz zu vollziehen, wird das Problem den Staatseinnahmen weiterhin Milliardenverluste bescheren.
In der ökonomischen Lehre wurde mehrfach beschrieben, dass beim Thema Korruption Ursachen und Konsequenzen eng miteinander verbunden sind. Eine These besagt, dass die Effektivität des Rechtssystems mit steigender Korruption schwindet.
Auch drinnen im Hohen Haus beherrscht das Thema bereits seit Monaten das parlamentarische Geschehen. Im Beratungslokal des Untersuchungsausschusses geben sich zwielichtige Lobbyisten und deren Geschäftspartner die Klinke in die Hand, Abgeordnete wühlen sich durch Akten und überschütten einander bei hitzigen Sondersitzungen mit Vorwürfen.
Erst jetzt scheint in der Öffentlichkeit das ganze Ausmaß einer politischen Tradition bewusst zu werden, bei der eine Hand die andere schmiert und den Staat jährlich Milliarden kostet. Wie groß der Schaden ist, den die schwarzen Kassen anrichten, ist jedoch eine Dunkelziffer, in die nur schwer Licht zu bringen ist.
Jemand, der viel über Statistiken grübelt, ist der Volkswirt Friedrich Schneider von der Universität Linz. Österreich, sagt er, habe 2010 durch Bestechung und Vorteilsannahme 25 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verloren. Dieses Jahr sollen es 27 Milliarden werden. Wie kommt er auf diese Summe?
Zunächst berechnet er aufgrund von Produktionsfaktoren wie Arbeit, Energie, Kapital oder dem Materialverbrauch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – die Gesamtleistung aller produzierten Güter und Dienstleistungen. Danach gibt er in ein spezielles Statistikprogramm den Korruptionsindex CPI ein, der jedes Jahr von Transparency International erstellt wird und auf Umfragen unter Unternehmensberatern und Managern beruht, weshalb er auch umstritten ist. Das Ergebnis ist der volkswirtschaftliche Schaden durch Korruption.
Zum einen setzt sich diese Summe aus dem Steuerentgang durch Schwarzarbeit und illegale Zahlungen zusammen. An sich ist die Schattenwirtschaft aber wohlstandsfördernd, weil das Geld weiterhin im Finanzkreislauf zirkuliert.
Zum anderen errechnet sich der staatliche Malus aus den Mehrausgaben bei öffentlichen Aufträgen. Wenn sich ein Unternehmen an einer Ausschreibung beteiligt und nicht Bestbieter ist, droht es auszuscheiden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird ein Teil der Leistung in Schwarzarbeit kalkuliert, damit der gebotene Preis konkurrenzfähig ist, oder es wird bestochen. In westlichen Ländern werde üblicherweise das eine oder andere getan. Nur in Entwicklungsländern passiere beides komplementär, erklärt Schneider. So oder so kommt nicht die produktivste Firma zum Zug. Darunter leidet zusätzlich die Innovation, viele Firmen investieren weniger, und qualifizierte Arbeitskräfte gehen eher ins Ausland.
Die Größe der Schattenwirtschaft, die mit der Korruption in Zusammenhang steht, berechnet Schneider anhand indirekter Indikatoren wie Steuerbelastung, Regulierungsdichte oder der Summe aller ausgegebenen Münzen und Banknoten – weil in dieser ökonomischen Zone ja bar bezahlt wird.
1975 betrug die Schattenwirtschaft in Österreich noch vernachlässigbare 0,9 Prozent des BIP. Von 1990 bis 2000 schoss dann der Wert allerdings von 7,2 auf etwa 20 Prozent der Wirtschaftsleistung hoch. Im Korruptions-Ranking ist Österreich nach einem zehnten Platz 2005 mittlerweile auf Platz 16 abgerutscht. »Was nicht heißt, dass wir eine Insel der Korruption sind«, betont Schneider. »Gäbe es aber gar keine Korruption, hätte das Finanzministerium jedes Jahr um die zwei Milliarden Euro zusätzlich in der Kassa.« Verantwortlich dafür sind für den Ökonomen allerdings weniger Beamte, die sich Geld zustecken ließen, sondern das Finanzgebaren der politischen Parteien. Es öffne der Korruption Tür und Tor. Solange die Parteien allerdings nicht in der Lage sind, einen Kulturwandel hin zu Transparenz zu vollziehen, wird das Problem den Staatseinnahmen weiterhin Milliardenverluste bescheren.
In der ökonomischen Lehre wurde mehrfach beschrieben, dass beim Thema Korruption Ursachen und Konsequenzen eng miteinander verbunden sind. Eine These besagt, dass die Effektivität des Rechtssystems mit steigender Korruption schwindet.
Freitag, 20. April 2012
krawumm-ein-pladoyer-fur-den-weltuntergang
http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2011/12/krawumm-ein-pladoyer-fur-den-weltuntergang.php
Erlebnisse eines Kindersoldaten
Erlebnisse eines Kindersoldaten
"Ich wurde im Jahr 2003 entführt, an einem Samstag um 15:00 Uhr nachmittags", erzählt ein ehemaliger Kindersoldat. "Ich kam mit meinen Geschwistern gerade von der Feldarbeit zurück, als sie plötzlich vor mir standen und mich mitnahmen. Sie schlugen mich dauernd mit dem Gewehr. Ich musste dann als Träger von Beutematerial dienen, Menschen töten, Dörfer überfallen. Ich selbst wurde mehrmals angeschossen und zuletzt an der Pobacke verwundet."
Der damals 13-jährige Onenchang Stephen Derry aus Pajule befand sich ein Jahr und sechs Monate in der Gewalt der Lord's Resistance Army. "Es war die Hölle für mich. Wir marschierten stundenlang, hatten kaum etwas zu essen. Die Regierungssoldaten verfolgten uns, die Helikopter warfen Bomben und Granaten auf uns. Außerdem gab es die Propaganda. Die Rebellen erzählten uns, dass sie alle geflüchteten Kindersoldaten aufgespürt und grausam ungebracht hätten. Aber es gab auch den Radiosender der Regierung, der uns Straffreiheit garantierte. So entschloss ich mich zur Flucht."
Flucht nach Gulu - jede Nacht
So wie Onenchang Stephen Derry stellt sich auch Samuel, der Protagonist in Wojciech Jagielskis Buch, nach seiner Flucht den Regierungssoldaten. Nach einer Bombenexplosion bleibt der 14-Jährige stundenlang schwer verletzt im hohen Gras liegen, bis die Soldaten ihn schließlich finden und er sich ergibt. Er wird verhört und verbringt dann Monate in einem Rehabilitionscenter für ehemalige Kindersoldaten in Gulu.
"Ich wurde im Jahr 2003 entführt, an einem Samstag um 15:00 Uhr nachmittags", erzählt ein ehemaliger Kindersoldat. "Ich kam mit meinen Geschwistern gerade von der Feldarbeit zurück, als sie plötzlich vor mir standen und mich mitnahmen. Sie schlugen mich dauernd mit dem Gewehr. Ich musste dann als Träger von Beutematerial dienen, Menschen töten, Dörfer überfallen. Ich selbst wurde mehrmals angeschossen und zuletzt an der Pobacke verwundet."
Der damals 13-jährige Onenchang Stephen Derry aus Pajule befand sich ein Jahr und sechs Monate in der Gewalt der Lord's Resistance Army. "Es war die Hölle für mich. Wir marschierten stundenlang, hatten kaum etwas zu essen. Die Regierungssoldaten verfolgten uns, die Helikopter warfen Bomben und Granaten auf uns. Außerdem gab es die Propaganda. Die Rebellen erzählten uns, dass sie alle geflüchteten Kindersoldaten aufgespürt und grausam ungebracht hätten. Aber es gab auch den Radiosender der Regierung, der uns Straffreiheit garantierte. So entschloss ich mich zur Flucht."
Flucht nach Gulu - jede Nacht
So wie Onenchang Stephen Derry stellt sich auch Samuel, der Protagonist in Wojciech Jagielskis Buch, nach seiner Flucht den Regierungssoldaten. Nach einer Bombenexplosion bleibt der 14-Jährige stundenlang schwer verletzt im hohen Gras liegen, bis die Soldaten ihn schließlich finden und er sich ergibt. Er wird verhört und verbringt dann Monate in einem Rehabilitionscenter für ehemalige Kindersoldaten in Gulu.
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