Freitag, 4. Oktober 2013

Haderlap

Engel des Vergessens - Von Maja Haderlap Maja Haderlaps autobiografischer Roman beginnt in kleinen, wunderbaren Bilder und endet als verstörendes Kriegsgemälde.





Maja Haderlaps 2011 erschienenes Romandebut ist ein besonderer Text. Einer, der als Buch der kleinen, wunderbaren Bilder beginnt und als verstörendes Kriegsgemälde endet. Die 1961 in Bad Eisenkappel geborene Autorin beschreibt Kindheit und Jugend ihrer Protagonistin Kokica in einem Gebirgsdorf Kärntens unmittelbar an der slowenischen Grenze. Hier wächst das Mädchen in den 1960er und 70er Jahren auf, hier lernt es die zerrissenen Weisheiten ihrer Großmutter und die Trauer ihres Vaters Stück für Stück kennen.
Nur in brüchigen Teilen erfährt die junge Kokica die Geschichte ihrer Familie, nur langsam schält sich aus den einzelnen, grandios komponierten Erzähl-Miniaturen der Hintergrund heraus: Die Familie gehört zur slowenischen Minderheit Österreichs, die Großmutter wurde im KZ Ravensbrück interniert, der Vater als Zwölfjähriger von den Nazis mit Schein-Exekutionen gefoltert – als jüngstes Mitglied schloss er sich den Partisanen an.
Zeigen die ersten Szenen des Romans noch ein naturnahes Bergidyll – frisch gebackenes Brot, selbst geschleuderter Honig, blühende Natur –, verändert das wachsende Bewusstsein des Mädchens auch seine Wahrnehmung. Die Bienen beginnen zu stechen, der Wald wird nicht mehr nur ein Ort zum Pilze sammeln und Jagen, sondern zu einem, an dessen Bäumen im Zweiten Weltkrieg Menschen erhängt und in dessen Dickicht sich die Partisanen des Widerstandes versteckt haben. Kokica ertrinkt fast in einem Weiher, der Todeshauch führt dazu, dass ihre Großmutter mehr von ihrem Leben im Lager erzählt – der Schmerz älterer Generationen verändert auch Kokicas Gegenwart.
Kurier
Johanna Rachinger: Die Generaldirektorin der Nationalbibliothek beschreibt die besten 100 Bücher der letzten 100 Jahre. - Foto: Kurier
Maja Haderlap schreibt "Engel des Vergessens" in der Gegenwart und nutzt die Ich-Perspektive. Aber der in den Buchseiten versteckte Blick ist nie nur der eines jungen Mädchens – stets blitzt die erwachsene und reflektierte Frau der Gegenwart hervor. Bis in das Jahr 1991 begleiten wir Kokica, die in Klagenfurt ein Internat besuchen und schließlich in Wien Theaterwissenschaften studieren wird – auch die Autorin arbeitete erfolgreich als Dramaturgin. Maja Haderlap gewann mit einem Auszug von "Engel des Vergessens" im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis – sie habe den slowenischen Opfern eine Stimme gegeben, heißt es ausdrücklich in der Laudatio. Und diese Stimme ist wahrlich kreativ und stark. Wie nebenbei lässt die in Klagenfurt lebende Autorin außerdem die verschiedensten Literaturgattungen hinter sich: Heimat-, Familien- und Bildungsroman werden jeweils aufgegriffen, ein Stück weit genutzt und wieder hinter sich gelassen – der Text ist auch ein stilistisch vielfach gebrochener.
Haderlap schrieb ihren autobiografischen Roman auf Deutsch. Bis dahin veröffentlichte sie eindringliche, stets auf Slowenisch verfasste Lyrik. Die Bilder und Geschichten dagegen, die in "Engel des Vergessens" verarbeitet werden, hätten sie Zeit ihres Lebens begleitet, erklärt Haderlap in einem Interview. Der Text sei lange gereift und nicht in ihrer Muttersprache geschrieben, "weil mir in dem Fall die deutsche Sprache geholfen hat, Distanz zum Thema zu halten." Und dieses Thema ist so wichtig wie überfällig, wurde das Schicksal der Slowenen während der Nazizeit doch lange tabuisiert oder zumindest ignoriert.
Ja, Maja Haderlap hat eine starke Stimme. Eine zu gleichen Teilen literarische wie politische, eine Stimme, die durch "Engel des Vergessens" zu den wichtigsten unserer Literaturlandschaft gehört.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Der Winter tut den Fischen gut

Der Winter tut den Fischen gut

Debütroman von Anna Weidenholzer

Arbeitslos

Die Protagonistin Maria Beerenberger, Ende vierzig, verliert als älteste Verkäuferin eines Modeladens ihren Job und sieht sich der erbarmungslosen Wirklichkeit des Arbeitsmarktes ausgeliefert. Aber nicht die Kündigung, sondern die Streichung des Arbeitslosengeldes der fortdauernd beschäftigungslosen Maria markiert den Beginn des Romans, für den Anna Weidenholzer eine besondere Erzählform gefunden hat, denn die Biografie der Protagonistin wird rückwärts erzählt.

Kapitelweise erfährt der Leser so mehr von dem Leben der Hauptfigur, das sich Schritt für Schritt zu einem Gesamtbild fügt - Maria als Witwe, Maria als Ehefrau, als Schwester oder zum ersten Mal verliebt. Wie die 1984 in Linz geborene Autorin zu dieser literarischen Form gefunden hat, erzählt sie im Interview:

"Ich hab für das Buch mit arbeitslosen Frauen gesprochen und es war jedes Mal dieselbe Ausgangssituation. Ich hab mich mit einer Frau getroffen, von der ich gewusst habe, sie ist arbeitslos, wie sie heißt, vielleicht noch, als was sie gearbeitet hat, und sonst nichts. Und man trifft sich dann und spricht und das waren dann immer so kleine Mosaike, die am Schluss ein Ganzes zusammengesetzt haben und am Ende war's dann immer ein anderes Bild von dieser Person und nicht nur dieses Bild von der arbeitslosen Frau, sondern weit mehr."

Ausgestoßen

Diese Gesprächssituation nachzeichnend, beschreibt Weidenholzer die alltägliche Geschichte einer schlichten Frau im kleinstädtischen Milieu, die nun durch den Verlust des Arbeitsplatzes zur gesellschaftlichen Außenseiterin und als Sozialschmarotzerin gebrandmarkt wird. Aufgrund ihres Alters ist sie auf dem Arbeitsmarkt so gut wie wertlos. Die zynischen Floskeln von AMS-Trainern rufen in Maria Schuld und Scham hervor.

Zitat

"Ab fünfundvierzig wird es zunehmend schwierig, warum sollte sich ein Arbeitgeber für Sie entscheiden, wenn hinter Ihnen eine ganze Reihe junger attraktiver Verkäuferinnen steht. Warum, Frau Beerenberger. Überlegen Sie sich Argumente, Sie müssen überzeugend auftreten. Es gibt nur wenige Stellen, man muss ein Bewerbungsprofi sein, damit einen die Personalberater nicht am linken Fuß erwischen."

Einsam

An den Rand der Gesellschaft gedrängt, verliert Maria nach und nach ihre sozialen Kontakte. Am liebsten schlägt sie ihre leeren Stunden auf einer Bank am Kirchplatz tot, dazwischen hagelt es Bewerbungsabsagen. Bald wird klar, dass die Protagonistin weit mehr als nur ihre Arbeit verloren hat.

"Es ist ja oft die erste Frage, wenn man jemanden kennenlernt: Was arbeitest du? Und ich glaube, dass das sehr entscheidend ist im Leben, was man wo arbeitet", meint Anna Weidenholzer. "Und wenn man dann diesen Arbeitsplatz verliert, dass man nicht nur sein soziales Umfeld verliert, sondern auch ein Stück Identität und Tagesstruktur.

Um der Leere entgegenzuwirken, entwirft die Protagonistin Tagespläne, in denen sie ihre Stunden mit Tätigkeiten füllt. Und Maria setzt sich ein Ziel: Sie will eine Kaulquappe, der sie den Namen Otto gibt, aufziehen und, bis diese ein Frosch ist, wieder Arbeit gefunden haben. Doch der Leser hat schon zuvor von Ottos Tod erfahren und kennt daher die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens.

Gescheitert

"Ja, es ist einer dieser Versuche von Maria", so Weidenholzer. "Auch mit den Selbstoptimierungsbüchern in diese Richtung. Sie verfällt ja auch immer mehr in dieses Selbstoptimierungsdenken und da spielt Otto halt auch diese Rolle, dass man sich Ziele setzen soll, das ist einer dieser klassischen Ratgebersätze und Maria scheitert immer mehr an diesen Zielen oder an diesen Ratgebersätzen. Das Blöde ist, wenn sie daran scheitert, dass es immer auf sie zurückfällt und sie dann die Schuld trägt oder sich selbst die Schuld gibt. Das ist auch das Schlimme an der Selbstoptimierungsliteratur."

Solche Szenen sind durchdrungen von Traurigkeit, der dumpfen Ahnung von der Unfreiheit des Menschen, gleichzeitig aber wird die Schwere des Stoffes durch die ihm anhaftende Skurrilität konterkariert. Mit einer Sprache, die so einfach wie das Gemüt der Protagonistin ist, gelingt es der Autorin, ihre Geschichte einfühlsam und ohne Arroganz zu erzählen. Nur folgerichtig scheint es, dass Weidenholzer ihre Heldin letztendlich nicht aufgibt, sondern auf das Prinzip Hoffnung setzt:

"Mir war's auch wichtig, dass auch die Arbeitslosigkeit nicht das Ende von dem Buch ist, also dass es nicht der Schlusspunkt ist. Ich glaube, dass Hoffnung da ist zum einen dadurch, dass es ja mit dem Ende beginnt. Und ich glaube solange Maria da ist, ist immer irgendwo Hoffnung da, und Marias Hoffnung wäre vielleicht, dass wer kommt und ihr zuhört und dass sie vor allem ernst genommen wird und das ist diese Hoffnung, die Maria noch hat."

Anna Weidenholzer hat den Verlierern der Leistungsgesellschaft zugehört - und noch mehr: Sie hat ihnen eine authentische Stimme gegeben.

Republik ohne Würde

"Vielleicht habe ich zu viel über Würde gelesen, um ernsthaft über österreichische Politik reden zu können" schreibt Armin Thurnher unter anderem in seinem Buch "Republik ohne Würde". Auf 300 Seiten folgen Fakten, Reflexionen und auch persönliche Betroffenheiten rasend schnell aufeinander: Wenn es zum Beispiel einmal nicht um Politik geht, sondern nur um das Achselzucken eines Beamten, der damit die Betroffenheit des Autors über den Diebstahl seines Laptops kommentiert. Auch das ist einer der Augenblicke in dem die Würde eines Menschen beschädigt wird, nicht nur zum Beispiel bei der Abschiebung von Minderjährigen in noch tiefere Ungewissheit.

Rainer Rosenberg spricht mit Falter Herausgeber Armin Thurnher über sein Buch, das Rezensenten als "Abrechnung mit Österreich" und als " sarkastische Sammelklage gegen die Verkommenheit von Wählern und Gewählten" beschrieben haben.

Freitag, 27. September 2013

Mein digitales Ich

http://kurier.at/kultur/medien/mein-digitales-ich-buch-ueber-die-selbstvermessung/21.117.980

Mittwoch, 25. September 2013

Freitag, 20. September 2013

Byung-Chul Han

"An die Stelle von Big Brother tritt Big Data", postuliert Byung-Chul Han.- Sein Fazit:

Zitat

Die Selbstausleuchtung ist effizienter als die Fremdausleuchtung. Die Kontrollgesellschaft vollendet sich dort, wo ihre Bewohner nicht durch äußeren Zwang, sondern aus innerem Bedürfnis heraus sich mitteilen, wo also die Angst davor, seine Privat- und Intimsphäre aufgeben zu müssen, dem Bedürfnis weicht, sie schamlos zur Schau zu stellen, das heißt, wo Freiheit und Kontrolle ununterscheidbar werden.

Vorsicht ist geboten!

Wie all dem entkommen? Darauf gibt Byung-Chul Han in seinem Buch keine Antwort. Vielleicht, weil die Flucht vor dem digitalen Netz dem Wunsch gleich käme, völlig abgeschottet auf einer einsamen Insel zu hausen. Das digitale Zeitalter ist eben unsere Zeit. Man kann - und sollte! - Byung-Chul Hans schmales Buch "Im Schwarm" aufmerksam lesen.

Nein, man muss nicht alle seine Ansichten teilen, manche sind - hoffentlich! - doch etwas apokalyptisch. Aber eine Grundstruktur lässt sich ausmachen: Vorsicht ist geboten!

Freitag, 9. August 2013

Van der Waals Kräfte

Dipol-Dipol-Kräfte werden als Van-der-Waals-Wechselwirkungen
                        bezeichnet und treten grundsätzlich zwischen allen Arten von Atomen, Molekülen und Ionen auf, auch wenn diese
                        unpolar sind. Sie können anziehend oder abstoßend sein. Bei größerem Abstand zwischen den Teilchen überwiegt die
                                Anziehung. Die Van-der-Waals-Kräfte sind sehr schwach, addieren sich jedoch bei größeren
                                Assoziationsflächen. Ihre Stärke nimmt mit zunehmender Molekülgröße und Polarisierbarkeit zu.Bei zu
                        nahem Kontakt der Atome kommt es zu einer starken Abstoßung sowohl der positiv geladenen Kerne als auch der
                        vollbesetzten Orbitale (Verbot durch Pauli-Prinzip). Die Stärke der Van-der-Waals-Wechselwirkungen unter
                        Berücksichtigung dieser Abstoßung wird annäherungsweise durch das Lennard-Jones-Potenzial beschrieben.Man unterscheidet drei Komponenten der Van-der-Waals-Wechselwirkungen:Wechselwirkung - permanenter Dipol-permanenter Dipol (Richteffekt)Bei der Anziehung von permanenten Dipolen kommt es zur Ausrichtung der Dipole, die dadurch in einen energieärmeren
                        Zustand übergehen. Die Änderung der Geometrie wird aber nur dann angenommen, wenn die Anziehungskraft größer ist als
                        die thermische Energie. Von den drei Arten der Dipol-Dipol-Wechselwirkungen sind diese Kräfte zwischen permanenten
                        Dipolen die Stärksten.Abb.1

                                        Bei der Anordnung der Dipole sind zwei energetisch günstige Anordnungen denkbar.
                                       

Salze benennen

die Salze von Ameisensäure heißen Formiate, die von Essigsäure Acetate, die von Schwefelsäure Sulfate oder Hydrogensulfate, wenn noch Wasserstoff dran ist. Die Salze von Salzsäure heißen Chloride, die von Salpetersäure sind die Nitrate.

Mesomerie

Das Phänomen der Mesomerie bezeichnet die Variation eines chemischen Moleküls durch Elektronenverschiebungen.

2 Hintergrund

Ein Molekül ist nicht starr. Ständige Einflüsse (molekular, statisch, elektrisch) führen dazu, dass sich Elektronen verschieben. Aufgrund der Ladungsverschiebungen können viele "Varianten" oder Grenzstrukturen eines Moleküls vorliegen. Mesomere Grenzstrukturen sind eine Methode, die Bindungsverhältnisse in Molekülen oder Molekül-Ionen wiederzugeben. Eine einzelne Lewis-Formel kann eine chemische Substanz nicht vollständig veranschaulichen. Die realen Verhältnisse liegen als Mittel zwischen mehreren Grenzformeln vor.

3 Beispiel

Ethanal kann als gutes Beispiel verwendet werden. Die CHO-Gruppe des Aldehydes eröffnet Verschiebungen zwischen dem Kohlenstoffatom und dem Sauerstoffatom in der Carbonylgruppe.
Die Mechanismen chemischer Reaktionen lassen sich mit mesomeren Grenzstrukturen oft leichter erklären. Substituenten, welche die Elektronendichte eines Moleküls erhöhen, erleichtern den elektrophilen Angriff (Induktiver Effekt). Umgekehrt wird der elektrophile Angriff durch Substituenten, welche die Elektronendichte vermindern, erschwert.

Gibbs Helmholtz

Gibbs-Helmholtz

Das Auflösen von Ammoniumchlorid in Wasser verläuft unter starker Abkühlung. Die Reaktion ist endotherm. Obwohl diese Reaktion unter Aufnahme von Energie aus der Umgebung abläuft, verläuft sie spontan (freiwillig). Ist das nun ein Widerspruch zu dem, was bisher erläutert wurde? Nein!
Die bisherigen Betrachtungen haben bereits gezeigt, dass für den freiwilligen Ablauf einer Reaktion auch die Entropie berücksichtigt werden muss. Die Enthalpie allein sagt noch nichts darüber aus, ob die Reaktion spontan abläuft.
Eine neue Zustandsgröße, die freie Enthalpie ΔG, wurde daher eingeführt. Sie beschreibt den Energieanteil eines Reaktionssystems quantitativ, der bei konstantem äußeren Druck (keine Volumenarbeit wird geleistet) maximal in Arbeit umgewandelt werden kann.
Die freie Enthalpie für eine Reaktion, bei der sich beim Übergang vom Ausgangszustand zum Endzustand die Temperatur nicht ändert, wird nach folgender Gleichung berechnet:

∆G = ∆H – T • ∆S
(T steht für die absolute Temperatur in Kelvin.)

Anhand der Gleichung ist ersichtlich, dass eine Reaktion dann spontan verlaufen wird, wenn die freie Enthalpie insgesamt abnimmt. Dabei spielt es keine Rolle, was jeweils mit der Enthalpie und Entropie für sich allein geschieht. Nur das Zusammenspiel der beiden ist entscheidend.

Ist ∆G < 0, verläuft die Reaktion freiwillig.
Das ist immer der Fall, wenn Enthalpie und Entropie zusammen wirken, d. h., wenn Wärme freigesetzt wird und die Unordnung zunimmt. Wirken Enthalpie und Entropie gegeneinander, z. B. bei der Bildung von Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff:

∆H = - 285 kJ/mol und ∆S = - 163,5 J/K • mol ,

so ist entscheidend für die Freiwilligkeit der Reaktion, welcher Faktor überwiegt.

Wenn ∆G einen positiven Wert annimmt, läuft die Reaktion nicht freiwillig ab. Solche Reaktionen werden als endergonisch bezeichnet.

Ist ∆G kleiner als Null, so läuft die Reaktion freiwillig ab. Solche Reaktionen bezeichnet man als exergonisch.

Nur durch die Berechnung von ∆G lässt sich also vorhersagen, ob die Reaktion freiwillig abläuft oder nicht!
Im Folgenden wird beispielhaft die freie Standardreaktionsenthalpie für die Bildung von Wasser aus den Elementen berechnet. Da absolute freie Enthalpien nicht messbar sind, wird sie nach der Gibbs-Helmholtz-Gleichung berechnet. Die dafür benötigten Werte (Standardbildungsenthalpien, Standardentropien) können in Tabellen nachgeschlagen werden.

Enthalpie

Die Enthalpie H ist eine thermodynamische Zustandsgröße. Sie ist eine Bezeichnung für die abgegebene bzw. aufgenommene Wärmemenge einer Reaktion. Sie wird in kJ (Kilojoule) gemessen. Man kann nicht die Enthalpie eines Zustands messen, sondern nur immer die Differenz zwischen zwei Zuständen. Geht ein Zustand durch Reaktion in einen anderen über, so kann man die abgegebene bzw. aufgenommene Wärmemenge messen, sie wird DH genannt:


Reaktionen, bei denen Wärme abgegeben wird nennt man exotherm. Die Zahlenwerte werden mit einem negativen Vorzeichen versehen.
Solche Reaktionen, die Wärme benötigen werden endotherm genannt. Ihre Zahlenwerte werden mit einem positiven Vorzeichen versehen.
Ein Beispiel für eine exotherme Reaktion ist die Knallgasreaktion zwischen Sauerstoff und Wasserstoff zu Wasser:

 (22)

Arten radioaktiver Strahlung

Arten radioaktiver Strahlung
Positronenstrahlung
Radioaktive Strahlung entsteht beim Umwandeln von instabilen Atomkernen (Radionukliden). Dabei wird zwischen Alphastrahlung, Betastrahlung und Gammastrahlung unterschieden.
Alphastrahlung
Alphastrahlung ist eine Teilchenstrahlung. Es handelt sich bei Alphateilchen um doppelt positiv geladene Heliumkerne.
Bild 1 zeigt eine solche Kernumwandlung. Die Reaktionsgleichung lautet:

Bei Abgabe von Alphastrahlung verringert sich die Massenzahl um 4 und die Kernladungszahl (Ordnungszahl) um 2.
Betastrahlung
Betastrahlung ist ebenfalls eine Teilchenstrahlung. Es handelt sich dabei um Elektronen oder um Positronen. Bild 2 zeigt eine Kernumwandlung, bei der Elektronen frei werden. Die Reaktionsgleichung lautet:

Bei Abgabe eines Elektrons bleibt die Massenzahl gleich. Die Kernladungszahl (Ordnungszahl) vergrößert sich um 1. Bei solchen Kernumwandlungen ist zu beachten, dass dieses frei werdende Elektron nicht aus der Atomhülle stammt. Es entsteht vielmehr dadurch, dass sich im Atomkern ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt:

Die Betastrahlung, bei der Elektronen abgegeben werden, bezeichnet man auch als Elektronenstrahlung oder als .
Bei Kernumwandlungen können auch Positronen abgegeben werden. Das sind ebenfalls Teilchen, die aber im Unterschied zu Elektronen keine negative Ladung, sondern eine gleich große positive Ladung besitzen. Bild 3 zeigt ein Beispiel für eine solche Kernumwandlung. Die Reaktionsgleichung lautet:

Bei Abgabe eines Positrons bleibt die Massenzahl gleich. Die Kernladungszahl (Ordnungszahl) verkleinert sich um 1. Ein Positron entsteht, wenn sich im Kern ein Proton in ein Neutron und ein Positron umwandelt:

Die Betastrahlung, bei der Positronen abgegeben werden, wird auch als Positronenstrahlung oder als
bezeichnet.

Gammastrahlung
Gammastrahlung ist eine elektromagnetische Strahlung kurzer Wellenlänge. Die Wellenlänge ist kleiner als , die Frequenz größer als . Damit liegt diese Strahlung am kurzwelligen Ende des Spektrums elektromagnetischer Wellen.
Bild 4 zeigt ein Beispiel für eine Kernumwandlung mit Gammastrahlung. Die Reaktionsgleichung lautet:

Im Unterschied zu Alpha- und Betastrahlung verändert sich die Zusammensetzung des Atomkerns bei Gammastrahlung nicht. Der Kern gelangt aber von einem energiereicheren (angeregten) Zustand in einen energetisch niedrigeren und damit meist auch stabileren Zustand. Das ist vergleichbar mit der Aussendung von Licht, wo sich ebenfalls der energetische Zustand von Atomen, nicht aber ihre Zusammensetzung ändert. Die Vorgänge vollziehen sich bei Licht allerdings nicht im Atomkern, sondern in der Atomhülle.

Mittwoch, 7. August 2013

Molvolumen

Das auch als Molvolumen bezeichnete molare Volumen Vm ist definert als Rauminhalt, den 1n = 6,02214129(27) × 1023 Teilchen eines Stoffes einnehmen.
Die temperatur- und druckabhängige Größe wird in m3 mol-1 angegeben.
Die angegebene Stoffmenge n entspricht dabei einem Mol.

Es gilt (mit V = Volumen, n = Stoffmenge, M = Molare Masse, NA = Avogadro-Konstante, ρ = Dichte):

Molvolumen.png

Dienstag, 6. August 2013

Hydrathülle

So entsteht eine Hydrathülle

Elektrisch geladene Teilchen, die in Wasser gelöst werden, besitzen im Allgemeinen eine Hydrathülle. Was darunter genau zu verstehen ist, erfahren Sie im Folgenden.
  • Eine Hydrathülle entsteht generell dadurch, dass sich beim Prozess der Hydration Wassermoleküle an gelöste Ionen (elektrisch geladene Teilchen) anlagern. Sie wird auch als Hydratsphäre bezeichnet. 1
  • Beachtenswert ist dabei, dass Wassermoleküle zu den sogenannten asymmetrischen Molekülen gehören, welche elektrische Dipole bzw. Zweifachpole erzeugen können.
    2
  • Der Grund für das Anlagern der Wassermoleküle an die Ionen und damit das Entstehen der Hydrathülle sind die elektrostatischen Kräfte zwischen diesen Dipolen und den Ionen. Man spricht hier auch von der sogenannten Ionen-Dipol-Wechselwirkung. 3

Weitere Hinweise zur Beschaffenheit von Hydrathüllen

Manche Ionen besitzen kleinere und andere größere Hydrathüllen. Woran das genau liegt, erfahren Sie hier:
  • Die Dichte sowie die Stärke der Hydrathülle hängen von zwei Faktoren, nämlich zum einen von der Größe und zum anderen von der Ladung der Ionen ab.1
  • Dabei gilt die kontraintuitive Regel, dass ein kleines Ion eine größere Hydrathülle erzeugt als größeres Ion mit der gleichen Ladung.2
  • Daraus folgt auch, dass Anionen (positiv geladene Ionen), die in der Regel deutlich größer sind als Kationen (negativ geladene Ionen), weniger stark hydratisiert sind und eine kleinere Hydrathülle aufweisen.3
Diese Erklärungen sollten genügen, um den Begriff der Hydrathülle richtig verstehen und anwenden zu können. In der Chemie wird ein elektrisch geladenes Teilchen, das hydratisiert ist bzw. eine Hydrathülle besitzt, 

exotherm - endotherm

exotherm - endotherm

Alle chemischen Reaktionen sind mit Energieumsetzungen verbunden.
Es werden exotherme und endotherme Reaktionen unterschieden.

exotherm

Bei der Reaktion wird Wärmeenergie an die Umgebung abgegeben.

Beispiel: Kohle verbrennt.

endotherm

Bei der Reaktionen wird (Wärme)-Energie aufgenommen. Endotherme Reaktionen laufen nur unter ständiger Energiezufuhr ab. Wird die Energiezufuhr unterbrochen, so kommt die Reaktion zum Stillstand.

Beispiel: Zerlegung des Wassers mit Hilfe von elektrischem Strom.

Montag, 5. August 2013

Molmasse

Jeder von uns ist bestimmt schon einmal über den Begriff der Molmasse gestolpert, doch was sagt sie eigentlich aus? Die Einheit der Molmasse ist g/mol. Die Molmasse ist eine grundlegende Eigenschaft der Moleküle, ohne die in der Chemie keine Berechnungen durchgeführt werden könnten. Die Molmasse gibt an, wie viel Gramm  Atome oder Moleküle eines gewissen Stoffes wiegen, das heißt wie schwer sie sind. Dieses Wissen benötigt man, um exakte Mischverhältnisse in der Chemie und Physik zu realisieren oder den Energiegehalt eines Mediums zu bestimmen.
Kurzer Exkurs: was ist die Avogadro Konstante?
Die Einheit einer Stoffmenge in der Chemie ist das Mol, was sich auf eine unvorstellbar große Anzahl von kleinsten Teilchen bezieht, die in dieser Stoffmenge enthalten sind. Die Anzahl der Atome beziehungsweise Moleküle darin beträgt 602 214 179 000 000 000 000 000, diesen Wert bezeichnet man als Avogadro-Konstante. Diese Zahl scheint aus der Luft gegriffen, doch ist sie wohl überlegt: Dies ist die exakte Menge an Protonen oder Neutronen, welche zusammen ein Gramm wiegen.
Da die restlichen Elektronen (ein negativ geladenes, den Atomkern umkreisendes Teilchen), verglichen mit den Protonen (positiv geladenes Teilchen aus dem Atomkern) und Neutronen (ein ungeladenes Teilchen aus dem Atomkern), auch Kernteilchen genannt, beinahe gewichtslos sind, ist die molare Masse eines Atoms, meist nur etwas mehr, als die Anzahl der enthaltenen Kernteilchen.
Wie kann man die Molmasse berechnen?
Man sieht sich die Molekülformel (oder auch die Summenformel genannt, welche in der Chemie dazu dient, die Anzahl der gleichartigen Atome in einem Molekül anzugeben) an oder bei Salzen die Substanzformel. Von allen an der Verbindung beteiligten Atomsorten (Elemente) nimmt man die relative Atommasse (der Zahlenwert, der Atommasse, ohne Maßeinheit) mal der Anzahl der Atome dieses Elements in der Verbindung und addiert alle diese Produkte aus Atommasse mal Atomzahl. Die Atomzahl ist die relativen Atommassen der Elemente stehen im Periodensystem der Elemente. Das Ergebnis in Gramm angegeben ist dann die molare Masse der Verbindung.
Also die molare Masse (M) ist der Quotient aus der Masse (m) und der Stoffmenge (n) eines Stoffes mit der FORMEL: M = m/n.

Elektronegativität

  • Eine Aussenschale ist mit 8 Elektronen vollständig gefüllt. Diese Konfiguration ist energetisch besonders günstig und stabil.
  • Eine vollständig gefüllte Außenschale nennt man die Edelgaskonfiguration. Alle Atome sind bestrebt, die Edelgaskonfiguration zu erreichen.
  • Dieses Bestreben ist eine wesentliche Triebkraft für das Zustandekommen von chemischen Bindungen.
  • Die Edelgase haben von vornherein die Edelgaskonfiguration und beteiligen sich daher kaum an irgendwelchen Verbindungen.
Je mehr Elektronen ein Atom bereits in seiner Außenschale hat, desto größer ist das Bestreben, durch Erwerb weiterer Elektronen die Edelgaskonfiguration zu erreichen.

Als Elektronegativität bezeichnet man die Tendenz eines Atoms, weitere Elektronen aufzunehmen.

Durch die Aufnahme von weiteren Elektronen entsteht ein negativ geladenes Ion.

Die Elektronegativität ist nicht direkt meßbar. Die Elektronegativitäten können nur relativ zueinander gemessen werden. Eine Skala der wurde vom Nobelpreisträger Linus Pauling vorgeschlagen.
Als Referenzgröße dient die 2. Periode des Periodensystems.

Element
Li
Be
B
C
N
O
F
Ne
Elektronegativität
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
3,5
4,0
--

Die Elektronegativität der Elemente

Eine vollständig gefüllte Außenschale nennt man die Edelgaskonfiguration. Alle Atome sind bestrebt, die Edelgaskonfiguration zu erreichen.

Elemente der ...
 
7. Hauptgruppe
werden daher versuchen, einem anderen Atom ein Elektron zu "rauben", um so die Außenschale mit 8 Elektronen aufzufüllen.
6. Hauptgruppe
die zwei Elektronen zum Auffüllen der Außenschale benötigen, sind noch stark elektronegativ.
5. Hauptgruppe
benötigen schon drei Elektronen zum Auffüllen der Außenschale. Die Elektronegativität ist nur noch schwach ausgeprägt.
1. Hauptgruppe
Die Elemente der würden sieben Elektronen zum Auffüllen der Außenschale benötigen. Da dies kaum möglich ist verfolgen die Elemente der ersten drei Hauptgruppen eine gänzlich andere Strategie:
Sie versuchen, die Außenelektronen abzugeben, so daß die Außenschale komplett leer ist. Die nächst innere Schale, die ja vollständig gefüllt ist, wird dadurch so zu sagen zur Außenschale, so daß die Edelgaskonfiguration ebenfalls erreicht wird.
Elemente der ersten Hauptgruppe geben also ein Elektron ab
2. Hauptgruppe
geben demnach zwei Elektronen ab
3. Hauptgruppe
geben also drei Elektronen ab
4. Hauptgruppe
nehmen eine Sonderstellung ein. In dieser Gruppe befinden sich vier Elektronen in der Außenschale. Ein Atom müßte also entweder vier Elektronen aufnehmen oder abgeben.
Da beides schon recht schwierig ist, versuchen diese Elemente die Außenschale durch gemeinsame Nutzung von Bindungselektronen aufzufüllen. Es kommt zur sogenannten „kovalenten Bindung“.
8. Hauptgruppe
Die Edelgase haben von vornherein schon eine voll besetzte Außenschale und daher keine Elektronegativität.
  • Im Periodensystem nimmt die Elektronegativität mit steigender Gruppennummer (von links nach rechts zu).
  • Innerhalb einer Gruppe nimmt die Elektronegativität von unten nach oben zu.
  • Die Edelgase haben von vornherein schon eine voll besetzte Außenschale und daher keine Elektronegativität.

Freitag, 2. August 2013

Quantenzahlen


2. Quantenzahlen

Die Gleichung von Schrödinger beschreibt den Energiebetrag eines jeden Elektrons in einem Atom mit den Quantenzahlen.

2.1 Hauptquantenzahl n

Die Hauptquantenzahl n bestimmt die möglichen Energieniveaus des Elektrons im Atom, die auch Schalen (K-, L-, M-, N-, O-, ..., -Schale) genannt werden. n kann dabei ganzzahlige Werte wie 1, 2, 3, 4,... annehmen. Anschaulich gibt n die Größe eines Orbitals an.

2.2 Nebenquantenzahl (Bahndrehimpulsquantenzahl) l

Die Nebenquantenzahl l kann alle Werte annehmen die kleiner gleich n-1 sind, d. h. sie können 0, 1, 2, 3,..., n-1 sein. Anschaulich gibt sie Auskunft über die Gestalt eines Orbitals (Aufenthaltswahrscheinlichkeitsraum). Die so erhaltenen Quantenzustände nennt man s-, p-, d-, f-Zustand.
l = 0    s (sharp): kugelförmig   s-Orbital
l = 1    p (principal): hantelförmig   p-Orbital
l = 2   d (diffuse): Doppelhantel   d-Orbital
l = 3   f (fundamental): Mehrfachhantel und Ringe   f-Orbital
Abbildungen siehe Literatur [10]

2.3 Magnetische Quantenzahl ml

Die magnetische Quantenzahl ml beschreibt die Orientierung des Orbitals im Raum. Sie kann alle Werte von +l bis -l annehmen. Die so erhaltene Anzahl der ml-Werte gibt an, wie viele s-, p-, d- und f-Zustände existieren.

2.4 Spinquantenzahl ms

Zur vollständigen Beschreibung eines Elektrons benötigt man noch die Spinquantenzahl ms. Sie gibt die Eigendrehung des Elektrons an. Dafür existieren zwei Quantenzustände: linksdrehend, rechtsdrehend. Die Spinquantenzahl kann hierfür die folgenden zwei Werte annehmen: ms = + 1/2; ms = - 1/2
horizontal rule

3. Elektronenkonfiguration

Definition: Die Verteilung der Elektronen auf die Orbitale nennt man Elektronenkonfiguration.
Die maximale Anzahl an Elektronen pro Schale kann man mit Hilfe der Hauptquantenzahl n berechnen:  2n2 . Die Verteilung der Elektronen auf die Schalen erfolgt nach folgendem Schema:
   
Abb. 3: Das Besetzungsschema der Orbitale
Da ab der M-Schale die Energieniveaus verschiedener Schalen überlappen, erfolgt die Auffüllung nicht mehr der Reihe nach. Des Weiteren müssen bestimmte Regeln (siehe 4.1 und 4.2) beim Besetzen der Orbitale berücksichtigt werden.

3.1 Pauli-Prinzip

Das Pauliprinzip besagt, dass ein Atom keine Elektronen enthalten darf, die in allen vier Quantenzahlen übereinstimmen. Daraus folgt wiederum, dass jedes Orbital nur mit zwei Elektronen entgegengesetzten Spins besetzt werden darf.

3.2 Hund'sche Regel

Die Hund'sche Regel besagt, dass die Orbitale einer Unterschale so besetzt werden  müssen, dass die Anzahl der Elektronen mit gleicher Spinrichtung maximal wird.
horizontal rule

4. Ionisierungsenergie

Definition: Die Ionisierungsenergie I eines Atoms ist die Mindestenergie, die benötigt wird, um ein Elektron vollständig aus dem Atom zu entfernen.
Atom   +   Ionisierungsenergie   --->   einfach positiv geladenes Ion   +   Elektron
Die Ionisierungsenergien spiegeln die Strukturierung der Elektronenhülle in Schalen und Unterschalen und auch die erhöhte Stabilität halbbesetzter Unterschalen unmittelbar wider, indem sie innerhalb der Periode unregelmäßig zunimmt. Bei Atomen mit mehreren Elektronen sind weitere Ionisierungen möglich: Ionisierungsenergie I1, Ionisierungsenergie I2, Ionisierungsenergie I3 ...
Im Periodensystem nimmt die Ionisierungsenergie in der Periode stark zu, da aufgrund der zunehmenden Kernladung die Elektronen einer Schale stärker gebunden werden. Innerhalb einer Gruppe nimmt die Ionisierungsenergie stark mit zunehmender Ordnungszahl ab, da auf jeder neu hinzukommenden Schale die Elektronen schwächer gebunden werden. I ist also bei den Edelgasen maximal und bei den Alkalimetallen minimal.
horizontal rule

5. Elektronegativität

Definition: Ein Maß für die Fähigkeit eines Atoms in einer Atombindung das bindende Elektronenpaar an sich zu ziehen, ist die Elektronegativität x.
Aus der Differenz der Elektronegativitäten von Bindungspartnern kann man die Polarität einer Bindung abschätzen: Je größer die Differenz ist, um so ionischer ist die Bindung. Das Atom mit der kleineren Elektronegativität stellt den positiveren, das mit der größeren Elektronegativität den negativen Bindungspartner dar.
Für die Elektronegativität existieren zwei Werte-Skalen. Die Skala nach Pauling leitet die Elektronegativität aus der Bindungsenergie ab, wobei die Elektronegativität von Fluor willkürlich auf 4,0 festgelegt wurde, um absolute Werte zu erhalten. Die Skala nach Allred und Rochow setzt die Elektronegativität der elektrostatischen Anziehungskraft, die der Kern auf die Bindungselektronen ausübt, gleich. Die so erhaltenen Werte wurden durch Konstanten den Werten von Pauling angepasst, um so mehr oder weniger einheitliche Werte zu bekommen.
Im Periodensystem nimmt die Elektronegativität mit wachsender Ordnungszahl in der Periode zu und in den Hauptgruppen ab. Die elektronegativsten Elemente sind die Nichtmetalle der rechten oberen Ecke und die am wenigsten elektronegativsten Werte sind die Metalle der linken unteren Ecke.

Rußland 1913

Profund wie knapp skizziert Ingold Gesellschaft und Politik des im Umbruch befindlichen 175-Millionen-Reiches des russischen Imperators, dessen Haus Romanow gerade den 300. Geburtstag feierte.

Der Fall Beilis

Der "russische Skandal" des Jahres 1913 ist der Fall Beilis. Im März 1911 war in Kiew ein Knabe namens Andrej Juschinskij ermordet worden. Unter dem Einfluss der "Schwarzhundertschaften", reaktionärster, dem Zaren nahe stehender Kreise, wurde das Verfahren gegen Mendel Beilis, den jüdischen Aufseher in einer Ziegelfabrik, in einen "Ritualmordprozess" verwandelt.

Mitglieder der sogenannten "Sekte" der Chassiden, der Beilis angeblich angehörte, hätten das Christenkind ermordet, weil sie dessen Blut für ihre Riten benötigten. Weltweite Proteste folgten und wurden unter anderem von Thomas Mann, H. G. Wells und Anatole France unterzeichnet. Der Gerechtigkeit halber sei hinzugefügt: auch die russische Intelligenzija trat lautstark gegen die obskurantistische Farce auf, und letztlich unterstützte selbst der Zar den Freispruch für Beilis.

Dies ist eine der unzähligen Mikroepisoden, die der Schweizer Slawist und Schriftsteller Felix Phillip Ingold in seiner monumentalen Studie "Der Große Bruch" erzählt, um die Atmosphäre Russlands im Epochenjahr 1913 lebendig werden zu lassen.

Wirtschaftlich im Aufschwung

Seit der niedergeschlagenen Revolution von 1905 war das größte Land der Welt, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent aus Bauern bestand, in Bewegung geraten: die politische Formel der Herrscher lautetet "Orthodoxie, Selbstherrschaft und Volkstum", aber es gab mit der Duma immerhin auch eine Art Parlament.

Auf der Tagesordnung standen Terroranschläge und Streiks. Dreieinhalb Millionen Menschen zogen 1913 als Kolonisten nach Sibirien und Mittelasien. Jossif Stalin, damals noch eher ein unbedeutendes Mitglied des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, protestierte lautstark, als im sibirischen Jakutsk zweihundert demonstrierende Goldwäscher von der Polizei erschossen wurden: "Nieder mit der Monarchie der Romanows! Es lebe die neue Revolution! Es lebe die demokratische Republik! Ruhm und Ehre den gefallenen Kämpfern!"

Gesamtwirtschaftlich gesehen war Russland im Aufschwung begriffen: Mit der Erdölproduktion in Baku befand es sich an weltweit zweiter Stelle; Russland als "Kornkammer Europas" war sprichwörtlich. Die fünftgrößte Industriemacht der Welt war dabei von technizistischen Phantasien und Utopien geradezu besessen.

Freitag, 26. Juli 2013

Schwarze Sklavenidentität

chwarze Haut, weiße Masken (1952):
In diesem Buch geht es besonders um die Konstruktion des „Schwarzseins“ durch den kolonialistischen Blick und die sozialen und psychischen Auswirkungen auf die Farbigen. Der Ausgangspunkt sind Literaturanalysen und die eigene Erfahrung als Farbiger in Martinique und in Frankreich. Fanon zeigt auf, daß die Rolle und das Verhalten des „Negers“ durch die Diskurse der KolonialistInnen erzeugt werden und sich auf die eigene Psyche und Selbsteinschätzung auswirken.
Er untersucht die Rolle der Sprache für die Kolonisierung: das ist das als minderwertig betrachtete Kreolische von Martinique, das eigentlich die Muttersprache der Schwarzen und Farbigen ist und die Hochschätzung des Französischen. Weiters ist es minderwertige Behandlung durch die Weißen in Frankreich, die mit einem „Neger“ petit-nègre [i]  sprechen. Der Wunsch der Kolonisierten ist die sprachliche Anpassung an das Französische, was aber nichts an der geringen Wertschätzung durch die FranzösInnen ändert.
Ein weiteres Element der Untersuchung ist die Beziehung zwischen Kolonisierten und KolonisatorInnen. Die farbige Frau  versucht weißer zu werden, indem sie einen weißen Mann liebt, der sie trotz allem verachtet. Für die „Mulattinnen“ kommt noch erschwerend hinzu, daß sie nicht wieder ins Schwarzsein absinken wollen. Der farbige Mann beschäftigt sich mit der Kultur der KolonisatorInnen, er projiziert sich in diesem Zusammenhang sogar in die weiße Kultur. Er fühlt die Nicht-Anerkennung in einem doppeltem Sinn, einerseits als schwarze Kulturlosigkeit, andererseits bleibt er durch seine Hautfarbe nicht anerkannt, auch wenn er mit der weißen Kultur perfekt, oft besser umgehen kann [ii].
Während von weißen Theoretikern ein „angeborener“ Abhängigkeitskomplex  festgestellt wird, zeigt Fanon, daß dieser angebliche Wunsch nach Abhängigkeit aus realen Unterdrückungserfahrungen kommt. Fanon analysiert die Träume von Madegassen, die der Psychologe O. Mannoni beschreibt und „dekonstruiert“ damit die kolonialistische Sichtweise von Mannoni. Daran anschließend beschreibt er die Minderwertigkeit, die der „Neger“ in seinem eigenen Erleben erfährt. Das bezieht sowohl die Verachtung und Unterdrückung durch die offenen RassistInnen ein als auch die Nicht-Anerkennung, die der Kolonisierte durch den Paternalismus der wohlmeinenden „Negerfreunde“ kennenlernt. In einer vorletzten Wendung analysiert er die rassistische Angst der Weißen vor dem „Neger“. Er vergleicht die Projektion mit den Unterschieden und Ähnlichkeiten mit dem Antisemitismus. Der Neger ist (z.B. durch seine halluzinierte sexuelle Potenz) das projizierte Biologische:
Der Neger stellt die biologische Gefahr dar. Der Jude die intellektuelle Gefahr.
Wer eine Negrophobie hat, hat Angst vor dem Biologischen. Denn der Neger ist nackte Biologie. Es sind Tiere. Sie leben nackt. (SHWM S. 117)
Die Erkenntnis, daß die Weißen, die KolonisatorInnen das Problem sind und genauso krank wie die Kolonisierten, ist ein erster Schritt zur Befreiung. Die Antwort des „Negers“ ist dann die Poesie Aimé Cesaires, das Hinabsteigen ins Schwarzsein, um aus der Revolte wieder aufsteigen zu können. Sein Ziel ist die Anerkennung. In einem kurzem Abschnitt bezieht sich Fanon auf Hegel, besonders auf die Herr-Knecht-Dialektik: Anerkennung als Selbstbewußtsein kann nur durch den Kampf erreicht werden und Fanon beklagt, daß der „Neger“ - Fanon bezieht sich besonders auf die farbige Bevölkerung Martiniques - von den Weißen „anerkannt“ wurde, ohne daß er  [iii]  gekämpft hat. Da die Anerkennung als Subjekt sowohl für die Person Fanon als auch für die Rezeption eine große Rolle spielt, werde ich hier einen kurzen Exkurs über die Hegelsche Herr-Knecht-Dialektik einfügen.  
Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft
(Hegel1986 S.145-155, vgl. auch Kojève1975)[iv]
Der Mensch wird bei Hegel als Selbstbewußtsein gesehen. Als Person ist er nur Bewußtsein, das sich als getrennt von seiner Umgebung erkennen kann. Dieses Bewußtsein ist ein negatives Wesen, indem es sich als anderes als die Objekte sieht. Es ist Begierde, indem es die Objekte, die Dinge vernichten oder verändern will. So wird eine Substanz zu einem Ding geformt (aus dem Ton wird ein Nicht-Ton, ein Gefäß), Essen wird durch den Genuß vernichtet. Dieses Bewußtsein kann in seiner Begierde, in seinem negativem Verhältnis nur zu einem Selbstgefühl (fürsich) kommen, zu einem Selbstbewußtsein wird es nur, wenn es durch eine andere Begierde, ein anderes Selbstbewußtsein anerkannt wird. Die Begierde richtet sich nicht auf etwas, was sowieso vorhanden ist, sondern auf etwas, was ein anderes (Selbst)bewußtsein begehrt. Wenn die beiden Subjekte bis zur letzten Konsequenz gehen, kommt es zum Kampf auf Leben und Tod.  
  Dieser Kampf alleine muß immer wieder zurückfallen, weil immer einer der Kämpfer getötet wird und dadurch wieder kein anderes Selbstbewußtsein für die Anerkennung bestehen bleibt. Steckt aber einer der beiden Kombattanten zurück, hemmt seine Begierde, weil die Angst vor dem Tod größer ist als der Wunsch zu leben, entstehen zwei Formen der Lebens: der Herr und der Knecht. Der Knecht anerkennt den Herrn. Der Herr ist aber eine Sackgasse der Geschichte, das unwesentliche, knechtische Bewußtsein wird von ihm immer wieder mit den Dingen (der Natur) gleichgesetzt, erlangt also keine Befriedigung als Selbstbewußtsein, weil der Herr den Knecht nicht als anderes Selbstbewußtsein sieht. Die gehemmte Begierde des Knechtes befriedigt zwar die Begierde des Herrn, aber als projiziertes Ding nicht (mehr) die Begierde der Herrn nach Anerkennung. Anders der Knecht, er steht zwischen dem Herrn und den Dingen, die er bearbeitet, er enthält beide Elemente, seinen gehemmten Wunsch danach, Herr zu sein und sein Verhältnis zu den Dingen durch Arbeit. Der Knecht ist durch die Arbeit das Vermittelnde zwischen dem herrischen Selbstbewußtsein und der Natur. Nur der Knecht ist zu einer Weiterentwicklung fähig, weil er die Arbeit kennt und dann auch Herr seiner selbst werden kann. Der Knecht muß Herr seiner eigenen Arbeit werden. Unschwer ist darin das Bewußtsein der protestantischen Arbeitsmoral, der bürgerlichen Revolution und der kapitalistischen Gesellschaft zu erkennen. Ein Knecht, der Herr seiner Arbeit wird, wird Arbeiter und/oder Unternehmer. Das im Menschen angelegte Konkurrenzdenken (der Kampf auf Leben und Tod) wird durch die Arbeit auf eine nächste Stufe der Entwicklung gebracht. In der marxistischen (u.a. der Kojèveschen) Interpretation kann der Zustand des Selbstbewußtseins nur in der Revolution erreicht werden, indem der Knecht zum Herrn wird und trotzdem nicht den Bezug zur Arbeit verliert. 
Die problematischen Elemente dieser Sichtweise sind die Unausweichlichkeit des Kampfes auf Leben und Tod und die unbedingt positiv gesetzte Rolle der Arbeit. Hegel sieht Kampf und Arbeit als anthropologische Konstanten. Und auch bei Fanon entsteht das (männliche) Selbstbewußtsein im Kampf und in der Arbeit.

Dienstag, 25. Juni 2013

Zuboff - aus FAZ gek.

Wir wissen, dass die IT-Oligarchen – Google, Facebook, Yahoo, Apple, Microsoft – sich den Datenanfragen der NSA beugten. Haben sie bereitwillig mitgemacht? Yahoos Einwand, dass pauschale Anfragen verfassungswidrig seien, wurde von einem Geheimgericht zurückgewiesen. Das hat andere Unternehmen vielleicht davon abgehalten, ähnlich aufzutreten. Was genau passiert ist, steht noch immer nicht restlos fest, täglich kommen neue Dinge heraus. Wir erfahren, dass Facebook, laut „New York Times“, eigene Teams abstellte, die für eine reibungslose Zusammenarbeit mit der NSA sorgen sollten, und dass der Sicherheitsdirektor des Unternehmens zur NSA überwechselte. „In Zukunft dürfte mit einer noch intensiveren Zusammenarbeit zwischen Silicon Valley und der NSA zu rechnen sein, weil die Datenspeicherung nach Angaben der International Data Corporation bis 2016 um durchschnittlich 53 Prozent pro Jahr zunehmen dürfte“, hieß es in der „New York Times“.
Fest steht offenbar, dass keines der Unternehmen sich Anfragen der NSA widersetzt hat. Und sie haben auch nicht beschlossen, gemeinsam zu kämpfen oder die Milliarden Nutzer über Praktiken zu informieren, die einige für illegal halten. Diesen Unternehmen gehört das Internet! Was hätten sie mit ihrer vereinten Macht ausrichten können! Statt dessen behandelten sie die ganze Sache als ein Problem, für das sie nicht zuständig sind. Was dachten sie sich dabei? Wenn sie unser Vertrauen zurückgewinnen wollen, müssen sie wegkommen von dieser Mentalität. Sie müssen für unsere Interessen einstehen. Zeichnet sich irgendwo am Horizont ab, dass ihnen das klar ist?

Die neuen Herren des Rings

Am 16. Mai, knapp einen Monat vor den NSA-Enthüllungen, fand im SRI in Menlo Park, Kalifornien, eine Konferenz zu einem der heißesten Themen in der digitalen Welt statt: „The Internet of Everything“. Eine atemberaubende Vorstellung – alles, wirklich alles wird verknüpft. Die unbezahlte Datenlieferung erstreckt sich auf unsere Körper und die Gegenstände in unserer Umgebung: Lampen, Thermostate, Autos, Kaffeetassen, Sonnenbrillen, Türen, Haushaltsgeräte, aber auch Blutdruck und Blutstatus, Körpertemperatur, Organfunktionen, Puls, Hautreaktion.
Wenn es nach den neuen Herren des Rings geht, wird alles – von unserem Telefon über den Toaster bis zu unseren Tränen – in der nächsten großen Datenflut neu geboren werden. Gewiss, für jeden Schritt gibt es einen guten Grund. Aber wie lange wird es dauern, bis der alte Traum in diesem vollkommenen Datenparadies wieder auflebt; wie lange, bis unsere Tränen ein neues Regime von Kontrolle und Konformität begründen? Wie lange, bis die Nanodrohnen so programmiert sind, dass sie unseren biometrischen Abdruck erkennen können?
Dies ist der nächste Güterzug, der, vollgestopft mit Geld, den alten Traum weitertragen soll. John Chambers, der Chef von Cisco, stellte in Menlo Park fest, dass es für globale Privatunternehmen in den nächsten zehn Jahren um 14,4 Billionen Dollar an potentiellem Profit geht. Dazu müssten technologische, organisatorische, prozessuale, juristische, kulturelle und andere Herausforderungen gemeinsam gelöst werden. Wie wird Ciscos Beitrag aussehen? Wie können wir klar machen, dass Innovationen ohne demokratische und kommerzielle Sicherheitsgarantien für uns nicht akzeptabel sind? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen muss Bestandteil von Innovation sein, darf nicht jemandem überlassen bleiben, der sich irgendwann einmal damit beschäftigt.
„Viele Leute glauben, sie wissen, was auf sie zukommt, aber sie haben keine Ahnung“, sagte Dave Evans, Chef-Futurologe bei Cisco. „Die Welt wird aufwachen“, sagte Alex Hawkinson, ein anderer Konferenzteilnehmer. Ein Topmanager von Facebook warf einen Blick in die Zukunft: „Es gibt 200 Sensoren im Haus, dann hat man diesen ganzen Datenstrom. Wenn man diese Daten weitergibt, steht man vor der schwierigen Frage, ob man sie so weitergibt, dass man irgendwann sagen kann, ich möchte sie wieder zurückhaben. Aber sobald man die Daten aus der Hand gegeben hat, ist das ziemlich kompliziert.“
Der eigentliche Star der Veranstaltung war Gordon Bell, der legendäre Computeringenieur, Pionier der „Quantified Self“-Bewegung und Wissenschaftler bei Microsoft Research. Er äußerte sich pessimistisch über das Tempo des Fortschritts, beklagte, dass diese wichtige neue Entwicklungsphase auf Reibung stoße. „Ihr sagt, wir wollen keine Reibung. Woher kommt die Reibung? Es sind die Leute. Die Leute wollen in Ruhe gelassen werden. Genau das wird uns einschränken. Das bereitet mir Sorge.“

Der Schlüssel

Aber keine Angst. Die Arroganz der Herren von Silicon Valley ist nicht der Vorbote einer Endzeit, sondern ein Weckruf. Wir müssen uns an die Arbeit machen. Mit unseren Fragen und Bedürfnissen haben wir das Internet in unser Leben geholt. Aber es gibt noch viel zu tun: Eine neue Welt muss her. Auch sie kann Realität werden, wenn wir uns darum kümmern. Die Digitalisierung kann zu einer Humanisierung des Lebens beitragen. Wir sollten nicht für unsere Aufseher arbeiten, sondern Möglichkeiten entwickeln, wie sie in unserem Interesse agieren können, so dass alle davon profitieren.
Der Schlüssel heißt Reibung. Für die Unternehmen, die die nächste Metadateneskalation vorantreiben wollen, mag Reibung ein Ärgernis sein, aber sie steht für die Zukunft demokratischer Bestrebungen und unternehmerischer Erneuerung. Sie steht für eine neue Ära demokratischer Gesetze und Bestimmungen, die unsere Freiheiten in zeitgemäßer Form zum Ausdruck bringen: Transparenz, Mitsprache, Wahlfreiheit, Achtung der Menschenwürde. Reibung muss so wachsam und unerschütterlich sein wie die alte Macht. Sie ist unsere Forderung nach einem neuen unternehmerischen Modell, das unser Wohlergehen, unsere Freiheit, unsere Privatsphäre ernst nimmt und unser Recht achtet, so zu leben und mit unseren Daten so umzugehen, wie wir es für richtig halten. Sie ist die Forderung an Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen und Transparenz zu gewährleisten. Und Reibung schließlich – das sind Sie und ich. Es ist unsere Bereitschaft, Stellung zu beziehen, zu sagen, was richtig und was falsch ist, selbst wenn daraus Konflikte mit den Mächtigen und der Mehrheit erwachsen. Dass acht Prozent der Amerikaner den sozialen Medien vertrauen, ist ein sehr gutes Zeichen. Es bedeutet, dass für zweiundneunzig Prozent, trotz jahrelanger Beeinflussung durch das Informationspanoptikum, regelmäßige Verletzungen der Privatsphäre außerhalb des Arbeitsplatzes nicht die Normalität sind. Es bedeutet, dass die neuen Herren keine Macht haben, wenn wir alle aufstehen und Nein sagen.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Versicherungsvergleich

https://durchblicker.at/akooe-haushaltsversicherung/vergleich/ergebnis/gegenueberstellung#bb548166f941115159479935cc7bb5523ff25016

Freitag, 10. Mai 2013

Defragmentierung unter Windows XP und aufwärts:

Defragmentierung unter Windows XP und aufwärts:

  1. Schließen aller Anwendungen die auf Daten zugreifen
  2. Ausführen der Defragmentierungssoftware:
  3. Ab Windows XP:
  4. Klicken sie mit der linken Maustaste auf das Startmenü (unten links in der Ecke auf ihren Desktop)
  5. Klicken sie mit der linken Maustaste auf alle Programme 
  6. Klicken sie mit der linken Maustaste auf den Ordner Zubehör
  7. Klicken sie mit der linken Maustaste auf Systemprogramme
  8. Klicken sie mit der linken Maustaste auf Defragmentierung / Defragmentieren (das Programm startet)
  9. Das Programm fragt sie nun in mit sehr übersichtlichen Darstellung, welchen ihre Datenträger (Festplatten / Volumen) sie defragmentieren möchten. Hier machen sie einen Hacken vor die Laufwerksbuchstaben ihrer Festplatten. 
  10. Sie können die Defragmentierung zu einem gewünschten Zeitpunkt ausführen lassen, in dem sie bei Termin, Datum und Uhrzeit angeben. Wichtig hierbei ist, der Computer muss zu diesen Zeitpunkt auch angeschaltet sein. 
  11. Starten sie die Defragmentierung mit "jetzt defragmentieren" (das Programm läuft). 
  12. Sollten sie den Computer abschalten wollen und die Defragmentierung nicht abgeschlossen ist, können sie diese auch manuell schließen und später neu starten. Wichtig hierbei, den Computer nicht ohne das vorherige Schließen der Defragmentierungssoftware herunterfahren.

Mittwoch, 8. Mai 2013

ESA

Darüberhinaus sitzt Segonds auch im Vorstand der ESA. Dort befindet er sich in illustrer Gesellschaft. Die Mitgliederliste dieser Lobbyingorganisation liest sich wie das "Best of Böse“ der marktdominierenden Agrarunternehmen. Darin finden neben den auch in Europa engagierten US-Konzernen Monsanto, Dow Chemical und Dupont, auch die deutschen Großunternehmen Bayer und BASF sowie die Schweizer Syngenta. Auf den Feldern herrscht ein knallharter Verdrängungswettbewerb. In den vergangenen 20 Jahren war das Saatgutgeschäft einem atemberaubenden Konzentrationsprozess unterworfen. Durch Fusionen und Übernahmen kleinerer Züchtungsunternehmen durch die genannten Agro-Konzerne hat sich mittlerweile ein Oligopol gebildet. Während im Jahr 1996 die zehn größten Unternehmen noch einen Marktanteil von nicht ganz 30 Prozent hielten, entfallen nun auf die sechs größten Player bereits knapp 60 Prozent. Sie bestimmen somit maßgeblich, was auf unsere Teller kommt. Ein aktueller Report der Organisation Swissaid verdeutlicht ihre marktbeherrschende Stellung. Demnach sind beim Europäischen Sortenamt 36 Prozent aller registrierten Tomatensorten durch Monsanto geschützt, weitere 26 Prozent durch Syngenta. Bei Karfiol hält Monsanto sogar 49 Prozent aller eingetragenen Sorten (Syngenta: 22 Prozent).

Die "Big Six“ haben ganz gut miteinander das Auslangen gefunden. Mehr noch, sie haben weitreichende Allianzen geschlossen. So kooperiert etwa der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF mit Monsanto bei der Entwicklung ertragsreicherer und stressresistenterer Nutzpflanzen wie Raps, Soja, Mais und Weizen.

Postmoderne Philosophie und Wirtschaftskrise

Ein fast perfektes Verbrechen - Postmoderne Philosophie und Wirtschaftskrise
Gestaltung: Michael Reitz
"Anything goes" - das ist das Schlagwort, das der österreichische Denker Paul Feyerabend für postmodernes Denken geprägt hat. Unter postmodernem Denken versteht man ein Nebeneinander verschiedener Denkstile. Diese geistige Entwicklung korrespondiert mit der Veränderung der Finanzwelt. Es entstanden der sogenannte Derivate-Markt und die "Collateralized Debt Obligations" (CDO) mit denen die Risiken mehrerer Firmen gebündelt und weiter verkauft werden konnten. Der Aktienmarkt wurde zunehmend virtueller und orientierte sich an einem simulierten, virtuellen Kreislauf des Geldes. Dieser ließ die Wirklichkeit aus dem Blick geraten. Ähnlich wie in der postmodernen Philosophie kam es in der Wirtschaftswelt zu einer Umwertung der Begriffe: Schulden, Kredite oder Risiken werden nicht mehr als Negativwerte verbucht, sondern zum Funktionieren des Systems umdefiniert. Einzelnen Bausteine aus der Zeit der Entstehung der Wirtschaftskrise von 2007/2008 und der derzeitigen Situation mit Zitaten der postmodernen Philosophie und Soziologie zeigen, wie eng die beiden Themenkreise korrespondieren. Es lohnt sich daher der Versuch, Ökonomie mit philosophischen Mitteln zu erörtern. Gestaltung: Michael Reitz

Freitag, 3. Mai 2013

Unser Essen als Klimasünde - aus FURCHE.at


Hinter der Lebensmittelindustrie steckt ein hoher Energieverbrauch. Die Fleischproduktion bindet enorme Ressourcen – die bald erschöpft sind.

Von Sylvia Einöder

Der Blick auf die vollen Regale der Supermärk-te erinnert an Vorstellungen des Schlaraffenlandes oder des Knusperhäuschens im Märchen „Hänsel und Gretel“. Die Überfülle der Warenwelt hat in der Tat etwas Magisches. Doch gerade das lockende Knusperhäuschen verweist auf das Trügerische dieser Überfülle: „Symbolisch dafür steht die Hexe, die die Kinder aus ärmlichen Verhältnissen mit den Verführungen des Überflusses blendet, um sie letztlich zu verzehren“, sagt Nachhaltigkeits-Experte Hans Holzinger von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen.
Denn das Knusperhäuschen hat einen Preis, den wir bezahlen: „Es ist erkauft mit einem enormen Raubbau an den Naturressourcen. Es basiert auf einem nicht nachhaltigen Energiesystem. Und es geht auf Kosten von Menschen in weniger reichen Erdteilen“, kritisiert Holzinger in seinem Buch „Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten“.

Vom Acker bis zum Teller


Denn hinter verarbeiteten Lebensmitteln stecken viele Arbeitsschritte – und ein gewaltiger CO2-Abdruck: Kaum einem Konsumenten ist klar, wie viele Hebel für die Herstellung eines einzigen Stückes Fertig-Lasagne in Gang gesetzt werden: Das Getreide für den Teig wurde gesät, geerntet, transportiert, gereinigt, gemahlen, abgefüllt, verpackt, gelagert, wieder transportiert, verteilt und landet schließlich beim Bäcker. Für die Eier wurde ein Hühnerstall gebaut, Hühner gefüttert. Dann wurden die Eier eingesammelt, gestempelt, sortiert, verpackt, transportiert, eingeordnet, etikettiert.
Noch viel ressourcenintensiver ist die Herstellung des Faschierten: Für ein Kilo Rindfleisch sind 10 Kilo Getreide nötig. Durch die Mägen von Tieren wandern 40 Prozent des Weltgetreides, die Hälfte aller Fischfänge als Fischmehl, 70 Prozent der Ölsaaten und ein Drittel der Milchprodukte. Schon jetzt wird in den armen Ländern des Südens über ein Drittel des Getreides für Futtermittel eingesetzt. Die Naturausbeutung durch diese Monokulturen ist enorm: „Sie dürsten nach Wasser, versagen bei der Regenerierung der Böden und verlangen den Einsatz von Unmengen an schädlichen Pestiziden“, kritisiert Zukunftsforscher Holzinger.
Der ökologische Preis für den Fleischkonsum ist hoch: Allein die Tierhaltung verursacht weltweit 18 Prozent der Treibhausgase. Durch die Schweinefleisch- und Geflügelproduktion entsteht Lachgas, in der Rindfleischproduktion Methan. „Dabei weisen Geflügel und Schwein noch eine günstigere CO2-Bilanz auf als Rind“, so Lebensministerium-Sprecherin Katrin Scherbichler.
Noch ist Fleisch ein „Vorrecht“ der industrialisierten Länder: Österreicher verzehren laut UNO jährlich 90 Kilo Fleisch, Inder nur zwei Kilo. Doch der fleischzentrierte Ernährungsstil breitet sich in den Schwellen- und Entwicklungsländern aus: Allein in Asien hat sich der Fleischverzehr seit 1991 verachtzehnfacht. Obwohl Massentierhaltung seit langem in der Kritik steht, schreitet der Trend zur industriellen Tierzucht voran. Die sogenannten Experten stehen oft im Dienst von Agrar- und Arzneimittelindustrie, Chemiekonzernen oder der Politik.

Gentechnik über Schleichwege


Zudem erhalten Zuchttiere vielfach Gentechnik-Futter, obwohl Gentechnik-veränderte Lebensmittel in Österreich verboten sind: Auf dem Fleisch muss nicht deklariert werden, ob das Tier Gentechnik-Futter zu fressen bekam. „Beim Geflügel und insbesondere beim Schweine- und Rindfleisch gibt es noch viel Nachholbedarf“, sagt Claudia Sprinz, Konsumentensprecherin bei Greenpeace.
Transparenz ist das Gebot der Stunde: „Je ökologischer ein Unternehmen, umso auskunftsfreudiger“, weiß die Umweltschützerin. Wenn Unternehmen keine Informationen zur Herkunft geben, riecht Greenpeace Lunte: „Der Schluss liegt nahe, dass von der mangelnden Transparenz nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik profitiert. Sonst hätte es bereits Gesetzesänderungen im Sinne des Gemeinwohles geben müssen“, ist Sprinz überzeugt.
In den letzten Jahren ist die Zahl der Initiativen zur CO2-Kennzeichnung von Lebensmitteln gestiegen. Die Biomarke „Zurück zum Ursprung“ der Handelskette Hofer gibt Informationen zum CO2-Fußabdruck an und wurde mit dem österreichischen Klimapreis ausgezeichnet. Derzeit wird auf EU-Ebene an einer einheitlichen CO2-Kennzeichnung gearbeitet: „Die CO2-Bilanz sagt aber nichts über Umweltaspekte wie Flächenverbrauch, Bodenqualität, Biodiversität oder Wasserverbrauch aus“, so Lebensministerium-Sprecherin Scherbichler.

Flugtransport 200-mal schädlicher


Mit Bio-Lebensmitteln können gegenüber der konventionellen Landwirtschaft bis zu 35 Prozent der Treibhausgase eingespart wer-
den. Bio ist aber nicht gleich Bio: „Leider gibt es sehr unterschiedliche Qualitätsstufen“, so Sprinz. Sie kritisiert, dass die ökologische Landwirtschaft nicht ausreichend gefördert werde: „Die Gesetzgeber verabsäumen das, weil es nach wie vor gut verdienende Interessens-
gruppen in der konventionellen Landwirtschaft gibt.“ Weitere wich-
tige Klima-Kriterien sind Regionalität oder Transportart: Flugtransporte belasten das Klima 200-mal stärker als Hochseetransporte.
Einen besonders hohen CO2-Abdruck weisen weiterverarbeitete Lebensmittel wie Käse, Wurst, Butter, Konserven und Tiefkühlprodukte auf. Im Obst- und Gemüseanbau wiederum verbrauchen beheizte Treibhäuser und Folientunnel viel Energie. Konsumenten sollten beim Lebensmittelkauf logisch überlegen: Wird ein verarbeitetes Produkt wie Fertig-Lasagne sehr billig angeboten, ist Vorsicht geboten. „Meist sind Fertig-Produkte nicht aus artgerechter Tierhaltung. Auch der Landwirt leidet, wenn er keinen fairen Preis bezahlt bekommt“, berichtet Sprinz. Denn viele Unternehmen sind mit Supermarktketten eine Vertragsverpflichtung eingegangen, Produkte zu Dumping-Preisen zu verkaufen. Wer sparen will, muss Zeit investieren. „Anstatt Fertig-Pommes zu kaufen, sollte man zu Bio-Erdäpfeln greifen und selbst Pommes frites zubereiten.“

Gespart wird beim Essen


Heutzutage bezahlen Konsumenten – gemessen am Einkommen – viel weniger für ihr Essen als früher: Seit den 1960er Jahren ist der Ernährungsanteil am Haushaltsbudget von 50 Prozent auf etwa 15 Prozent gesunken. Nahrungsmittel sind so billig, dass wir achtlos damit umgehen: Laut Welternährungsorganisation (FAO) wird ein Drittel aller Lebensmittel weltweit verschwendet.
Billigprodukte kommen uns letztlich teuer zu stehen: „Die ökologischen Folgekosten sind in die günstigen Preise noch nicht eingerechnet. Diese bezahlt nicht der Käufer oder Hersteller, sondern der Steuerzahler“, meint Sprinz.
Was vielen Konsumenten nicht bewusst ist: Nicht nur der Einkauf im Supermarkt, sondern auch der Besuch im Restaurant hat ökologische Folgen. In den wenigsten Lokalen wird offengelegt, woher die verwendeten Zutaten stammen. „Wir hören vielfach, dass österreichische Restaurants Käfig-eier aus Ungarn einkaufen, seit die Käfighaltung hierzulande verboten ist. Die wenigsten Gäste fragen: Wo kommt das Ei für das Omelett her?“, betont Sprinz.
Die Konsumentensprecherin ist überzeugt: Man dürfe den Verbrauchern nicht suggerieren, noch mehr Fleisch zu essen, wie es etwa das AMA-Marketing tut. „Stattdessen sollte man durch Aufklärung in der Schule zeigen, dass es viele gute Gerichte ohne Fleisch gibt.“
Sprinz weiß einfachen Rat: Sich am Ernährungsstil der eigenen Großeltern orientieren. Regionale und saisonale Produkte konsumieren und nur zwei Mal wöchentlich Fleisch essen. Dann sollte auch Bio-Fleisch leistbar sein.
Was simpel klingt, machen die wenigsten. „Die größte Herausforderung wird es sein, den Leuten klar zumachen, dass ihr Lebensmittelstil – vor allem der Verbrauch von tierischen Produkten – wegen der begrenzten Ressourcen nicht mehr lange möglich sein wird.“

Knoflacher- aus dieZeit.de

ZEIT: Der Autofahrer ist ein Killer?
Knoflacher: Ja, aber nicht aus böser Absicht. Das Auto versetzt uns in ein Raum-Zeit-Gefüge der Verantwortungslosigkeit, das wir weder begreifen noch bewältigen können. Und es hat eine starke Lobby: Die Autoindustrie, die Bauindustrie, auch die Banken, die Kredite zum Autokauf vergeben, achten tunlichst darauf, dass derartige Studien wie die gerade erwähnte von der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht veröffentlicht werden.
ZEIT: Schon Teenager träumen von Autos.
Knoflacher: Weil sie durch das Mitfahren jahrelange Unfreiheit erfahren haben. Ein Kind wird durch das Auto in seiner Mobilität radikal eingeschränkt. Es darf nicht zur oder über die Straße gehen, darf nicht überall spielen, wird stundenlang in das enge Heck eines Autos gesperrt und auch noch festgeschnallt. Klar, dass Teenager es kaum erwarten können, ihre Freiheit mit dem Führerschein und einem eigenen Auto wiederzuerlangen.
ZEIT: Denken Sie, dass Autos Kriege verursachen?
Knoflacher: Hundertprozentig! Und dabei muss man gar nicht in den Irak blicken. Auch bei uns ist permanent Krieg. In Österreich werden jeden Tag auf der Straße zwei Menschen umgebracht. Der Verkehr fügt jedes Jahr 40.000 Menschen physische Schäden zu. Und da sind jene, die laut WHO infolge der Abgase sterben, noch gar nicht eingerechnet.
ZEIT: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an suburbanen Shoppingcentern, Möbelmärkten und ähnlichen Einrichtungen vorbeifahren?
Knoflacher: Das sind Parasiten! Jede Stadt mit solchen Strukturen tut mir leid. Das Verkehrsproblem ist ja unter anderem ein Kind solcher Shoppingcenter und Möbelhäuser am Stadtrand. Das Hauptproblem sind die riesigen Gratisparkplätze. Die müssten so massiv besteuert werden, dass das Parken dort genauso viel kostet wie im Stadtzentrum. Jeder soll bauen dürfen, wo er will, aber es kann doch nicht sein, dass die Geschäftsleute in den Innenstädten mit Parkgebühren kämpfen, während am Stadtrand alles gratis zur Verfügung gestellt wird.
ZEIT: Glauben Sie, dass in zehn Jahren Europas Städte so aussehen werden wie die viel verlachten US-Städte mit ihren ausgedehnten suburbanen Einfamilienhauszonen, riesigen Shoppingcentern und wenigen öffentlichen Verkehrsmitteln?
Knoflacher: Nein, denn in Europa findet derzeit in vielen Städten eine Reurbanisierung statt. Das hat auch mit der Überalterung der Bevölkerung zu tun. Alte Menschen können am Stadtrand nicht den Service bekommen wie im Zentrum. Sie müssen einfach in die Stadt zurück. Davon abgesehen, wird die Energiefrage die Menschen dazu zwingen, in die Städte zurückzuziehen.
ZEIT: Sie meinen den Benzinpreis?
Knoflacher: Nein, ich meine den Energiepreis im Allgemeinen. Dieser wird sich mit Sicherheit erhöhen und alle Lebensbereiche entscheidend beeinflussen. Das betrifft Heizung, Stromversorgung, Transport – und all das fällt in der Isolierung im Einfamilienhaus am Stadtrand viel mehr ins Gewicht als im Stadtzentrum. Und ältere Menschen benötigen viele energieaufwendige Serviceleistungen, die bei Preiserhöhungen sehr teuer werden. Dabei denke ich nicht nur an »Essen auf Rädern« oder ähnliche Angebote. Je zersiedelter die Menschen wohnen, desto mehr Energie ist erforderlich. Und das werden wir uns bald nicht mehr leisten können. Das heißt, wir müssen schon jetzt nachhaltige städtische Strukturen schaffen, um die Zukunft finanzieren zu können. Denn die jetzigen Städte mit ihren Randsiedlungen sind das definitiv nicht.
ZEIT: Stimmt das Argument, dass die gesellschaftlichen Folgekosten der Mobilisierung höher sind als deren Gewinne, zu denen ja auch die Arbeitsplätze in der Autoindustrie gehören?
Knoflacher: Das stimmt absolut. Und die Rechnung wird sich für die Konsumenten noch verschlimmern, denn momentan ist Mobilität ja mehr oder weniger gratis, und das wird sich demnächst stark ändern.
ZEIT: Warum werden in Bezug auf Mobilität und Klimaschutz jetzt plötzlich die Flugreisenden kritisiert und nicht die Autofahrer?
Knoflacher: Erstens ist die schädliche Wirkung des Flugverkehrs nicht unerheblich und die Kritik berechtigt. Das liegt auch daran, dass die Billigfluglinien Passagiergruppen aktivieren, die sonst nicht im Flugverkehr anzutreffen wären. Grundsätzlich ist Fliegen die entwürdigendste Art des Transports überhaupt. Fliegen erinnert mich immer an Massentierhaltung: Hühner in einer Legebatterie, die abgefüttert werden. Im Unterschied zu den Menschen im Flugzeug sind die Hühner zumindest nicht angeschnallt.
Das Gespräch führten Martin Hablesreiter und Sonja Stummerer
Professor Hermann Knoflacher lehrt seit mehr als 30 Jahren am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien. Der 67-Jährige wurde durch seine Konzepte für Wien bekannt. Er entwickelte Fußgängerzonen, legte die Straßenbahn auf Trassen und schlug ein Radwegenetz vor.

Werte statt Wirtschaft


Es geht, so Schulz, zuerst um Werte und erst in zweiter Linie um Ökonomie. Globaler Konkurrenzdruck dürfe nicht dazu führen, dass die EU zu einem reinen Wirtschaftsblock verkomme, der Traditionen europäischer Politik wie etwa den Sozialstaat oder die Konsensdemokratie hinter sich lasse.

Zitat

Europa ist eine Idee. Diese Idee unterscheidet sich von den Ideen in anderen Weltregionen. Es ist die Idee einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft, in der niemand zurückgelassen wird und jeder eine zweite Chance bekommt, und es ist die Idee, dass es trotz kultureller Vielfalt eine Einheit geben kann.
Nicht was Martin Schulz in seinem Plädoyer für eine funktionierende Europäische Union einfordert ist überraschend, sondern wie er über die Zukunft nachdenkt ist bemerkenswert: wütend und enttäuscht nämlich über die Engstirnigkeit und wohl auch Unfähigkeit jener, denen der kurzfristige Erfolg auf nationaler Ebene wichtiger ist als der langfristige Erfolg eines Unterfangens, das aus den Erfahrungen zweier Weltkriege hervorgegangen ist. Es ist das Solidaritätsprinzip, das sicherstellen soll, dass auf europäischem Boden gewaltsame Konflikte der Geschichte angehöre