ZEIT:
Der Autofahrer ist ein Killer?
Knoflacher:
Ja, aber nicht aus böser Absicht. Das Auto versetzt uns in ein
Raum-Zeit-Gefüge der Verantwortungslosigkeit, das wir weder begreifen
noch bewältigen können. Und es hat eine starke Lobby: Die Autoindustrie,
die Bauindustrie, auch die Banken, die Kredite zum Autokauf vergeben,
achten tunlichst darauf, dass derartige Studien wie die gerade erwähnte
von der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht veröffentlicht werden.
ZEIT:
Schon Teenager träumen von Autos.
Knoflacher:
Weil sie durch das Mitfahren jahrelange Unfreiheit erfahren haben.
Ein Kind wird durch das Auto in seiner Mobilität radikal eingeschränkt.
Es darf nicht zur oder über die Straße gehen, darf nicht überall
spielen, wird stundenlang in das enge Heck eines Autos gesperrt und auch
noch festgeschnallt. Klar, dass Teenager es kaum erwarten können, ihre
Freiheit mit dem Führerschein und einem eigenen Auto wiederzuerlangen.
ZEIT:
Denken Sie, dass Autos Kriege verursachen?
Knoflacher:
Hundertprozentig! Und dabei muss man gar nicht in den Irak
blicken. Auch bei uns ist permanent Krieg. In Österreich werden jeden
Tag auf der Straße zwei Menschen umgebracht. Der Verkehr fügt jedes Jahr
40.000 Menschen physische Schäden zu. Und da sind jene, die laut WHO
infolge der Abgase sterben, noch gar nicht eingerechnet.
ZEIT:
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an suburbanen Shoppingcentern, Möbelmärkten und ähnlichen Einrichtungen vorbeifahren?
Knoflacher:
Das sind Parasiten! Jede Stadt mit solchen Strukturen tut mir
leid. Das Verkehrsproblem ist ja unter anderem ein Kind solcher
Shoppingcenter und Möbelhäuser am Stadtrand. Das Hauptproblem sind die
riesigen Gratisparkplätze. Die müssten so massiv besteuert werden, dass
das Parken dort genauso viel kostet wie im Stadtzentrum. Jeder soll
bauen dürfen, wo er will, aber es kann doch nicht sein, dass die
Geschäftsleute in den Innenstädten mit Parkgebühren kämpfen, während am
Stadtrand alles gratis zur Verfügung gestellt wird.
ZEIT:
Glauben Sie, dass in zehn Jahren Europas Städte so aussehen werden
wie die viel verlachten US-Städte mit ihren ausgedehnten suburbanen
Einfamilienhauszonen, riesigen Shoppingcentern und wenigen öffentlichen
Verkehrsmitteln?
Knoflacher:
Nein, denn in Europa findet derzeit in vielen Städten eine
Reurbanisierung statt. Das hat auch mit der Überalterung der Bevölkerung
zu tun. Alte Menschen können am Stadtrand nicht den Service bekommen
wie im Zentrum. Sie müssen einfach in die Stadt zurück. Davon abgesehen,
wird die Energiefrage die Menschen dazu zwingen, in die Städte
zurückzuziehen.
ZEIT:
Sie meinen den Benzinpreis?
Knoflacher:
Nein, ich meine den Energiepreis im Allgemeinen. Dieser wird sich
mit Sicherheit erhöhen und alle Lebensbereiche entscheidend
beeinflussen. Das betrifft Heizung, Stromversorgung, Transport – und all
das fällt in der Isolierung im Einfamilienhaus am Stadtrand viel mehr
ins Gewicht als im Stadtzentrum. Und ältere Menschen benötigen viele
energieaufwendige Serviceleistungen, die bei Preiserhöhungen sehr teuer
werden. Dabei denke ich nicht nur an »Essen auf Rädern« oder ähnliche
Angebote. Je zersiedelter die Menschen wohnen, desto mehr Energie ist
erforderlich. Und das werden wir uns bald nicht mehr leisten können. Das
heißt, wir müssen schon jetzt nachhaltige städtische Strukturen
schaffen, um die Zukunft finanzieren zu können. Denn die jetzigen Städte
mit ihren Randsiedlungen sind das definitiv nicht.
ZEIT:
Stimmt das Argument, dass die gesellschaftlichen Folgekosten der
Mobilisierung höher sind als deren Gewinne, zu denen ja auch die
Arbeitsplätze in der Autoindustrie gehören?
Knoflacher:
Das stimmt absolut. Und die Rechnung wird sich für die Konsumenten
noch verschlimmern, denn momentan ist Mobilität ja mehr oder weniger
gratis, und das wird sich demnächst stark ändern.
ZEIT:
Warum werden in Bezug auf Mobilität und Klimaschutz jetzt plötzlich die Flugreisenden kritisiert und nicht die Autofahrer?
Knoflacher:
Erstens ist die schädliche Wirkung des Flugverkehrs nicht
unerheblich und die Kritik berechtigt. Das liegt auch daran, dass die
Billigfluglinien Passagiergruppen aktivieren, die sonst nicht im
Flugverkehr anzutreffen wären. Grundsätzlich ist Fliegen die
entwürdigendste Art des Transports überhaupt. Fliegen erinnert mich
immer an Massentierhaltung: Hühner in einer Legebatterie, die
abgefüttert werden. Im Unterschied zu den Menschen im Flugzeug sind die
Hühner zumindest nicht angeschnallt.
Das Gespräch führten
Martin Hablesreiter
und
Sonja Stummerer
Professor Hermann Knoflacher lehrt seit mehr als 30 Jahren am
Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen
Universität Wien. Der 67-Jährige wurde durch seine Konzepte für Wien
bekannt. Er entwickelte Fußgängerzonen, legte die Straßenbahn auf
Trassen und schlug ein Radwegenetz vor.
Freitag, 3. Mai 2013
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