Ein Buch auf Papier über das
Internet, geschrieben vom Erfinder der virtuellen Realität, das wirkt
auf den ersten Blick paradox. Aber Jaron Laniers Text ist schon ganz
richtig gelandet in dieser Form, denn er richtet sich an uns.
"Wem gehört die Zukunft?" hat Lanier 2013 geschrieben, allerdings
bevor Edward Snowden die Zusammenarbeit zwischen den großen Serverfirmen
und dem amerikanischen Geheimdienst enthüllte. Umso drängender ist nun
Laniers Frage: "Wem gehört die Zukunft?"
Ausspioniert!
Ja, er habe maßgeblich daran mitgewirkt, die Internet-Strukturen
aufzubauen, die heute bestehen, und die seines Erachtens gerade dabei
seien zu entgleisen, gesteht Jaron Lanier in seinem Buch "Wem gehört die
Zukunft?" - eine Entgleisung mit schlimmen Folgen für Leben und
Auskommen der Menschen.
Zitat
Gängige digitale Konzepte behandeln Menschen nicht als etwas
Besonderes. Wir werden vielmehr als kleine Rädchen in einer gigantischen
Informationsmaschine betrachtet. Dabei sind wir die einzigen
Lieferanten der Informationen und gleichzeitig ihr Bestimmungsort. Das
heißt, wir geben der Maschine überhaupt erst ihren Sinn.
Das Netz ist weder offen noch frei, stellt Lanier eingangs klar. Es
sei der ideale Raum, um Daten zu kopieren, Menschen auszuspionieren,
ihre Äußerungen zu verfolgen und sie zu beurteilen. Megafirmen wie
Google, Amazon, Facebook und Apple täten es und verdienten damit ihr
Geld. Über Werbung, Verknüpfung der Daten und Weitergabe an
Versicherungen, Parteien, Kreditinstitute. Wer sich davor schützen
wolle, dürfe das Internet nicht benutzen. Aber das sei nur noch für
wenige eine Option. Die meisten Menschen seien unfreiwillig abhängig von
Netzdiensten, die - sobald sie eine kritische Größe erreichten - quasi
ein Monopol hätten. Wer mit möglichst vielen Leuten in Kontakt kommen
wolle, dem bliebe nur Facebook, das mit 1,2 Milliarden Nutzern größte
soziale Netzwerk.
Mit den eigenen Waffen schlagen
Zitat
In einer Welt der digitalen Würde wäre jeder einzelne Mensch der
kommerzielle Eigentümer aller seiner Daten, die sich aus seiner
Situation oder seinem Verhalten ermitteln lassen.
Lanier schlägt vor, das Internet mit seinen eigenen Waffen zu
schlagen. Kopieren von Daten nur noch mit Angabe der Quelle, wie es
Wikipedia bereits vormacht, wo jeder Artikel seine Versionsgeschichte
angibt - damit am Ende jeder Nutzer für die Eingabe seiner
Informationen, Filme und Fotos entlohnt werden könne - mit
Mikropayments. Denn die großen Serverfirmen verdienten viel mehr an den
Daten ihrer Nutzer, als der Gegenwert des kostenlosen Zugangs
beispielsweise zu Suchergebnissen betrage. Big Data mache es außerdem
möglich, dass die Besitzer der leistungsstärksten Computer sich immer
größere Teile des bisher analogen Marktes einverleibten.
Bislang waren die meisten Menschen, die sich von ihrer Arbeit ernähren
konnten, auf lokaler Ebene erfolgreich, erklärt Lanier: Ein Bäcker hatte
die knackigsten Brötchen, ein Bankberater kannte seine Kunden und
wusste, welcher davon seinen Kredit zurückzahlen würde, ein Buchhändler
bot seiner Kundschaft nebenbei auch Gesprächskreise über neue Bücher an.
Die großen Server wilderten genau auf dieser lokalen Ebene und
vernichteten die Existenz der Mittelschicht, schreibt Lanier. Das
Argument der großen Anbieter sei: Wir sind billiger, effizienter und wir
sind gut, denn das Netz steht für Freiheit und Emanzipation.
Null Verantwortung
Lanier, der unter anderem als Berater der Firma Microsoft arbeitet,
hält das für Heuchelei. Er weist darauf hin, dass Online-Imperien auch
deshalb so rasant wachsen, weil sie keine Verantwortung für das
übernehmen, was sich auf ihren Plattformen abspielt. Der Zimmermakler
Airbnb haftet nicht, wenn ein Gast die Wohnung seines Gastgebers
zerstört.
Zitat
Im Grunde wurde ein globaler Risikopool geschaffen, bei dem alle für
das Risiko aufkommen müssen, doch der Server, der im Pool die Erfolge
herausfiltert, befindet sich in Privatbesitz. Die Gewinne werden
privatisiert, die Risiken sozialisiert. Das Erfolgsmuster der vernetzten
Finanzwelt.
Jaron Lanier geht von einer massenhaften Vernichtung von
Arbeitsplätzen durch Big Data, Künstliche Intelligenz und die großen
Serverfirmen aus. Er schreibt, so viel könne man im Netz gar nicht
sparen wie dort Einkommen vernichtet werde. Der Kapitalismus sei
ernsthaft bedroht, wenn sich ein feudalistisches System ausbreite, das
die Märkte schrumpfen ließe. Und dann führt er das Beispiel Kodak an,
100 000 Mitarbeiter wurden arbeitslos, als die User massenhaft den
Internetfotodienst Instagram benutzten - Instagram hatte 13 Mitarbeiter,
als es von Facebook übernommen wurde.
Mehr Überblick
Das Buch "Wem gehört die Zukunft" von Jaron Lanier ist so wichtig wie
das nur wenige Sachbücher von sich behaupten können, denn im Moment
eines großen Wandels verstehen die wenigsten, was eigentlich vor sich
geht. Jaron Lanier nutzt seinen weiten Horizont - er ist Erfinder,
Informatiker, Musiker - um uns ein wenig mehr Überblick zu verschaffen.
Nun ist das Buch keine leichte Lektüre. Außerdem strotzt es vor
Wiederholungen, was daran liegen mag, dass es eine Ansammlung von Reden
und Referaten ist, in denen Lanier sein Thema immer wieder von vorne
durchdeklinieren musste. Ein kompetentes Lektorat wäre da hilfreich
gewesen. Trotzdem: Jaron Lanier, der bekennende Netzeuphoriker, der
Außenseiter unter den Denkern in Silicon Valley, tut etwas Wichtiges: Er
fragt nach den gesellschaftlichen Kosten des technologischen
Fortschritts. Wer gewinnt, womit und wer verliert? Welches Menschenbild
haben die Chefs der großen Server-Firmen? Was treibt sie an? Wieso
kooperieren Politik und Netz-Wirtschaft in den USA so harmonisch?
Von den alten Griechen haben wir gelernt, die Welt zu analysieren und zu
diskutieren. Und es gibt wirklich keinen Grund, ausgerechnet jetzt
damit aufzuhören.
Jaron Lanier, "Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde
der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt", aus dem amerikanischen
Englisch von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer, Hoffmann und Campe
Dienstag, 7. Januar 2014
Gesundheitsforschung„Die Masse weiß mehr als der Spezialist“
03.01.2014, 15:44 Uhr
Internetnutzer
diagnostizieren seltene Krankheiten, Patienten werten ihre
Gesundheitsdaten selbst aus, Start-Ups forschen Seite an Seite mit
Pharmakonzernen: Wie das Silicon Valley die Gesundheitsbranche
revolutioniert.
Hinter dem Vorsitzenden der
fünf "Wirtschaftsweisen" liegen harte Wochen. Erst hat der
Sachverständigenrat nach wochenlanger Arbeit im November sein
Jahresgutachten vorgestellt. Dann ist Schmidt kreuz und quer durchs Land
gereist, um die Reformvorschläge des Gremiums zu präsentieren. Schmidt
bekam viel positive Resonanz. Nur die Bundesregierung, der die
Sachverständigen beratend zur Seite stehen sollen, ignorierte die
Vorschläge.
Die Welt:Herr
Schmidt, die neue Bundesregierung hat Ihr Gutachten in diesem Jahr
offenbar besonders gründlich gelesen. Sie hat in fast allen Bereichen
das genaue Gegenteil von dem getan, was der Sachverständigenrat
vorgeschlagen hat. Wie konnte es dazu kommen?
Christoph Schmidt:(lacht) Nun
ja, wir schreiben unser Gutachten ja nicht auf Koalitionsverhandlungen
oder -verträge hin, sondern legen darin eine Bestandsaufnahme der
gesamtwirtschaftlichen Lage und der Wirtschaftspolitik vor. Es hat sich
schon im Wahlkampf abgezeichnet, dass in Deutschland vor allem über
Verteilungsfragen gesprochen wird und weniger darüber, wie sich das Land
für die Zukunft aufstellen kann. Das haben wir kritisiert.
Die Welt:
Der Titel Ihres diesjährigen Gutachtens lautet "Gegen eine
rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik". Das kann man schon als
Kampfansage an Schwarz-Rot verstehen. Manche sagen, Sie übertreiben,
schließlich soll der Rat unabhängig agieren.
Christoph Schmidt:
Das sehe ich nicht so. Als Rat sind wir so etwas wie das
ordnungspolitische Gewissen Deutschlands, in unserer Meinungsbildung
unabhängig vor allem auch von der aktuellen Regierung. Wir beziehen
daher typischerweise keine Stellung zu Fragen der
Verteilungsgerechtigkeit, sind aber durchaus aufgerufen zu bewerten, was
effizient ist und was nicht.
Foto: picture alliance / dpa
Der Vorsitzende der fünf Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt versteht sich als Anwalt der Bürger
Die Welt: Was ist denn nicht effizient an den Plänen von Schwarz-Rot?
Christoph Schmidt:
Beispielsweise die Sozialleistungen ohne eine dauerhaft solide
Gegenfinanzierung auszuweiten. Die geplanten Mehrausgaben sollen
komplett über die gut laufende Konjunktur finanziert werden. Mit einer
solchen Planung kommt die Regierung vielleicht bis Ende der Wahlperiode
2017 über die Runden. Aber spätestens dann wird es eng, und die Steuern
und Sozialbeiträge werden wohl steigen müssen.
Die Welt:
Die neue Regierung sagt: Nach Jahren des Sparens muss wieder mehr für
den sozialen Ausgleich getan werden. Deswegen erhöht sie die Renten,
deswegen stärkt sie die Rechte von Arbeitnehmern.
Christoph Schmidt:
Aber dafür gibt es doch überhaupt keine Notwendigkeit. Die Ungleichheit
der verfügbaren Einkommen in Deutschland hat ihren Höhepunkt im Jahr
2005 erreicht. Seitdem ist die Schere zwischen Arm und Reich nicht
weiter auseinandergegangen. Das ständige öffentliche Klagen über die
angeblich gestiegene Ungleichheit führt in die Irre.
Die Welt: Sind die teuren Rentenpläne von Schwarz-Rot ein "Verbrechen an der jungen Generation", wie Wirtschaftsvertreter kritisieren?
Christoph Schmidt:
So eine Wortwahl liegt mir als Wissenschaftler fern. Aber die
Rentenpläne greifen die Demografiefestigkeit unserer sozialen
Sicherungssysteme an, die wir uns in den vergangenen Jahren mühsam
erarbeitet haben. Die Rente mit 63 werden viele in Anspruch nehmen
können, die mit 17, 18 Jahren ihre Berufskarriere starteten. Das wird
viel Geld kosten, und die älteren Arbeitskräfte werden auf dem
Arbeitsmarkt fehlen. Die Rente mit 63 ist daher in doppelter Hinsicht
fatal.
Die Welt: Die Regierung will einen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro einführen. Warum kämpfen Sie so vehement dagegen?
Christoph Schmidt:
Der Mindestlohn ist ein gutes Beispiel dafür, dass man Wohltaten nicht
einfach per Gesetz beschließen kann. Denn ohne gleichzeitig eine
Beschäftigungsgarantie für die betroffenen Arbeitnehmer abzugeben, kann
man eigentlich keinen Mindestlohn einführen.
Die Welt: Einen Mindestlohn gibt es in fast allen anderen EU-Staaten, etwa in Großbritannien. Und dort ist die Welt nicht untergegangen.
Christoph Schmidt:
Die vermeintlich guten Beispiele aus dem Ausland muss man alle
relativieren. Wenn man einen einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro
Stunde in Deutschland einführt, gefährdet das nach den vorliegenden
Berechnungen bis zu 20 Prozent der Arbeitsplätze – also jeden fünften.
Die Höhe dieser Lohnuntergrenze im Vergleich zum Medianlohn wäre somit
ähnlich hoch wie in Frankreich, wo der Mindestlohn nachweislich zu
Beschäftigungsverlusten geführt hat. In vielen anderen Ländern fällt der
Mindestlohn deutlich niedriger aus. Dann ist natürlich auch der Schaden
geringer, den er anrichten kann.
Die Welt: Wäre es besser, man führt den Mindestlohn erst regional ein?
Christoph Schmidt:
Auch das würde wenig bringen. Nur weil ein Mindestlohn von 8,50 Euro in
Baden-Württemberg keine negativen Folgen auf die Beschäftigung hätte,
muss dies nicht auch für Mecklenburg-Vorpommern gelten. Man sollte den
Mindestlohn einfach lassen.
Die Welt: Aber ein Expertenrat soll doch bei der Festsetzung der Höhe mitreden.
Christoph Schmidt:
Ich begrüße, dass wissenschaftlicher Rat eingeholt werden soll. Aber
ich bezweifle, dass die Wissenschaft viel ausrichten kann, wenn sie kein
Stimmrecht hat und es bei der Höhe des Mindestlohns nur nach oben gehen
soll.
Die Welt: Erleben wir gerade die Rückabwicklung der Agenda-Reformen?
Christoph Schmidt:
Es ist jedenfalls ein Irrwitz, dass einige in Deutschland auf angeblich
bessere Regelungen für Arbeitnehmer in Frankreich verweisen. Ein Land,
das die Krise bekanntermaßen weit weniger gut überstanden hat als wir.
Die Welt:
Wird man einmal auf 2013 zurückblicken und sagen: Das war das Jahr, in
dem Deutschland begonnen hat, seine Zukunft zu verspielen?
Christoph Schmidt:
2013 könnte im Negativen tatsächlich das Wendejahr für Deutschland
gewesen sein. Mitte des vergangenen Jahrzehnts galt Deutschland noch als
kranker Mann Europas. Dann wurde die Bundesrepublik – nicht nur, aber
auch dank mutiger Reformen – zur Wachstumslokomotive. Zehn Jahre später
schlagen wir einen Weg ein, durch den Deutschland wieder zum kranken
Mann Europas werden könnte. Diese Gefahr birgt der Koalitionsvertrag.
Und er birgt das Risiko, dass die Euro-Länder den Eindruck gewinnen, wir
erwarteten von ihnen harte Reformen, drehen aber gleichzeitig im
eigenen Land das Rad zurück. Dadurch mindert Deutschland seine
Überzeugungskraft in Europa.
Die Welt:
Seit vielen Jahren investieren deutsche Unternehmen trotz der recht
guten Wirtschaftslage daheim überraschend wenig im Inland. Ist das ein
Problem?
Christoph Schmidt:
Das stimmt, die Investitionstätigkeit ist in der Tat zu niedrig. Statt
vor der Haustür zu investieren, fließt seit vielen Jahren viel Geld ins
europäische Ausland ab. Dort mögen die Deutschen die Anlagemöglichkeiten
zwar überschätzt haben. Aber Fakt ist: Viele europäische Länder waren
und sind als Investitionsstandort offensichtlich attraktiver als
Deutschland.
Die Welt: Wie lässt sich das ändern?
Christoph Schmidt:
Deutschland muss als Standort attraktiver werden. Warum gehen so viele
Forscher ins Ausland? Weil wir hier nicht genug Freiheit für Forschung
haben. Wir müssen in Forschung und Bildung investieren, in eine gute
Infrastruktur, wenn wir als alternde Gesellschaft für junge Menschen
attraktiv sein wollen. Da hat die Bundesregierung zwar ein bisschen was
getan. Doch die vielen Milliarden, die sie für soziale Wohltaten
ausgibt, sollte sie besser in Forschung und Entwicklung stecken.
Die Welt: Sehen Sie die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auch durch die Energiewende gefährdet?
Christoph Schmidt:
Die Energiewende ist ein Projekt, das in der Bevölkerung breit
unterstützt wird. Das System der Energieversorgung soll bis Mitte des
Jahrhunderts so umgestellt werden, dass ein sehr großer Teil von
erneuerbaren Energien getragen wird. So weit, so gut. Die große Frage
ist aber, wie schnell diese Umstellung vonstattengehen muss. Denn sie
führt zunächst unweigerlich zu erhöhten Kostenbelastungen. Die
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen ist so lange erheblich
gefährdet, wie es nicht gelingt, die Weltgemeinschaft ebenfalls zum
Umschwenken zu bewegen. Eine rein deutsche Energiewende ergibt keinen
Sinn.
Die Welt: Was raten Sie?
Christoph Schmidt:
Wir sollten einmal durchschnaufen und die EEG-Förderung zum 1. Januar
stoppen. Die Politik sollte sich die Zeit nehmen und sich fragen, wie
genau der Energiemarkt in Zukunft aussehen soll und welche europäischen
Instrumente es gibt, um die Energiewende zu einer europäischen
Gemeinschaftsaufgabe zu machen. Unserer Meinung nach muss der
europäische Emissionshandel funktionsfähig gemacht werden, anstatt blind
weiteres Geld in ineffiziente Solaranlagen in Deutschland zu stecken.
Eine Förderung der erneuerbaren Energien ist notwendig, aber sie darf
nur Zusatz, nicht Kernelement der Energiewende sein.
Die Welt: Was hätten Sie sich in der Steuerpolitik gewünscht?
Christoph Schmidt:
Sinnvoll wäre eine Abminderung der kalten Progression gewesen, um die
Mittelschicht etwas zu entlasten. Auch hätte Schwarz-Rot klarere
Vorgaben für eine Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen machen
können. Länder und Kommunen brauchen mehr Freiheiten in ihrer
Finanzpolitik, etwa ein eigenes Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer. Dann
wären sie gezwungen, stärker Verantwortung für ihre Finanzpolitik zu
übernehmen, und könnten nicht mehr ständig mehr Geld vom Bund fordern.
Die Welt:
Die Regierungschefs haben vor Weihnachten die europäische Bankenunion
beschlossen, die die europäische Währungsunion stabilisieren soll.
Könnte die Euro-Krise im neuen Jahr dennoch neu aufflammen?
Christoph Schmidt:
Die Situation hat sich beruhigt, die Haushalts- und Handelsdefizite
sind in vielen Krisenstaaten zurückgegangen. Aber die Euro-Krise ist
nicht vorbei, wir haben wieder einmal lediglich Zeit gekauft. Die
Staaten profitieren von der Ankündigung der Europäischen Zentralbank
(EZB), notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen. Die entscheidende
Frage lautet: Pauken die Länder ihre Reformen auch in dieser neuen Welt
durch, in der die Anreize dafür deutlich gesunken sind? Da sind Zweifel
angebracht.
Die Welt: Wie groß ist die Gefahr, die von Frankreich für die Euro-Zone ausgeht?
Christoph Schmidt:
Die Situation in Frankreich ist mit das größte Risiko für den Euro.
Frankreich muss endlich Reformen auf den Weg bringen, um
wettbewerbsfähiger zu werden. Und Italien muss dringend seine
politischen Probleme lösen.
Die Welt: Wird die EZB die Märkte mit noch mehr Geld fluten müssen, so, wie es etliche südeuropäische Länder fordern?
Christoph Schmidt:
Die EZB hat im Lauf der Krise die Grenzen zwischen Geld- und
Finanzpolitik verwischt und damit einen Teil ihrer Unabhängigkeit
riskiert. Sie hat sich in einen Grenzbereich begeben, in dem wir als Rat
sie nie sehen wollten. Klar wünschen sich einige Länder immer, dass die
EZB mehr tun sollte. Aber die Notenbank kann nicht für die Lösung aller
Probleme zuständig sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB zu
weiteren Schritten greift, ist durch die zuletzt einsetzende Erholung im
Euro-Raum jedoch gesunken.
Die Welt: Wie teuer wird am Ende die Krise der Währungsunion für Deutschland?
Christoph Schmidt:
Deutschland hat im Grunde genommen nur die Wahl zwischen zwei
kostenträchtigen Optionen. Alternative eins: Man hält den Euro mit
langem Atem zusammen. Deutschland wird dabei viele Risiken eingehen
müssen, und es wird Geld kosten. Alternative zwei wäre die Abwicklung
der Währungsunion. Sie wäre für Deutschland viel teurer, als den Euro
zusammenzuhalten.
Die Welt:
Gibt es trotz der besser laufenden Wirtschaft in Europa die Gefahr,
dass Deutschland im kommenden Jahr in einen konjunkturellen Abschwung
rutschen könnte?
Christoph Schmidt:
Das Wachstum wird 2014 fast nur von der Binnennachfrage getragen. Die
Investitionen dürften zulegen, der Konsum ist stabil. Trotzdem kann die
deutsche Wirtschaft natürlich Dämpfer erhalten, wenn es in Europa
schlechter läuft als erwartet.
Die Welt: Was ist Ihr größter Wunsch für 2014?
Christoph Schmidt:
Dass wir in Deutschland endlich eine Diskussion darüber bekommen, warum
wir im Moment so erfolgreich sind – und was wir tun müssen, damit es so
bleibt.
Hofers "Dentofit" (0,76 Euro pro 100 Milliliter) erzielt genauso gute
Erfolge wie "Fluorid" von Sensodyne (4,80 Euro pro 100 Milliliter).
Beide bieten eine gute Kariesprophylaxe und schützen vor
Schmerzempfindlichkeit. Ebenso gut erwiesen sich "Sensitiv" von der
Müller/Sensident (0,68 Euro pro 100 Milliliter) und die teure "Sensitiv
mit Aminfluorid" von Elmex (4,80 Euro pro 100 Milliliter.
Meist
werden bei den Produkten Kaliumverbindungen eingesetzt, die eine
Weiterleitung der schmerzauslösenden Reize zum Nerv verhindern sollen.
Gelegentlich werden auch Strontiumsalze oder Aminfluorid zugesetzt.
Diese Verbindungen sollen die feinen Kanäle im Dentin verschließen.
Sensitiv-Zahnpasten sollten zudem einen niedrigen Abrieb aufweisen.
Engel des Vergessens - Von Maja Haderlap
Maja Haderlaps autobiografischer Roman
beginnt in kleinen, wunderbaren Bilder und endet als verstörendes
Kriegsgemälde.
Maja Haderlaps 2011
erschienenes Romandebut ist ein besonderer Text. Einer, der als Buch der
kleinen, wunderbaren Bilder beginnt und als verstörendes Kriegsgemälde
endet. Die 1961 in Bad Eisenkappel geborene Autorin beschreibt Kindheit
und Jugend ihrer Protagonistin Kokica in einem Gebirgsdorf Kärntens
unmittelbar an der slowenischen Grenze. Hier wächst das Mädchen in den
1960er und 70er Jahren auf, hier lernt es die zerrissenen Weisheiten
ihrer Großmutter und die Trauer ihres Vaters Stück für Stück kennen.
Nur in brüchigen Teilen erfährt die junge Kokica die Geschichte ihrer
Familie, nur langsam schält sich aus den einzelnen, grandios
komponierten Erzähl-Miniaturen der Hintergrund heraus: Die Familie
gehört zur slowenischen Minderheit Österreichs, die Großmutter wurde im
KZ Ravensbrück interniert, der Vater als Zwölfjähriger von den Nazis mit
Schein-Exekutionen gefoltert – als jüngstes Mitglied schloss er sich
den Partisanen an.
Zeigen die ersten Szenen des Romans noch ein naturnahes Bergidyll –
frisch gebackenes Brot, selbst geschleuderter Honig, blühende Natur –,
verändert das wachsende Bewusstsein des Mädchens auch seine Wahrnehmung.
Die Bienen beginnen zu stechen, der Wald wird nicht mehr nur ein Ort
zum Pilze sammeln und Jagen, sondern zu einem, an dessen Bäumen im
Zweiten Weltkrieg Menschen erhängt und in dessen Dickicht sich die
Partisanen des Widerstandes versteckt haben. Kokica ertrinkt fast in
einem Weiher, der Todeshauch führt dazu, dass ihre Großmutter mehr von
ihrem Leben im Lager erzählt – der Schmerz älterer Generationen
verändert auch Kokicas Gegenwart.
Johanna Rachinger: Die Generaldirektorin der
Nationalbibliothek beschreibt die besten 100 Bücher der letzten 100
Jahre.
-
Foto: Kurier
Maja Haderlap schreibt "Engel des Vergessens" in der Gegenwart und
nutzt die Ich-Perspektive. Aber der in den Buchseiten versteckte Blick
ist nie nur der eines jungen Mädchens – stets blitzt die erwachsene und
reflektierte Frau der Gegenwart hervor. Bis in das Jahr 1991 begleiten
wir Kokica, die in Klagenfurt ein Internat besuchen und schließlich in
Wien Theaterwissenschaften studieren wird – auch die Autorin arbeitete
erfolgreich als Dramaturgin. Maja Haderlap gewann mit einem Auszug von
"Engel des Vergessens" im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis – sie
habe den slowenischen Opfern eine Stimme gegeben, heißt es ausdrücklich
in der Laudatio. Und diese Stimme ist wahrlich kreativ und stark. Wie
nebenbei lässt die in Klagenfurt lebende Autorin außerdem die
verschiedensten Literaturgattungen hinter sich: Heimat-, Familien- und
Bildungsroman werden jeweils aufgegriffen, ein Stück weit genutzt und
wieder hinter sich gelassen – der Text ist auch ein stilistisch vielfach
gebrochener.
Haderlap schrieb ihren autobiografischen Roman auf Deutsch. Bis dahin
veröffentlichte sie eindringliche, stets auf Slowenisch verfasste
Lyrik. Die Bilder und Geschichten dagegen, die in "Engel des Vergessens"
verarbeitet werden, hätten sie Zeit ihres Lebens begleitet, erklärt
Haderlap in einem Interview. Der Text sei lange gereift und nicht in
ihrer Muttersprache geschrieben, "weil mir in dem Fall die deutsche
Sprache geholfen hat, Distanz zum Thema zu halten." Und dieses Thema ist
so wichtig wie überfällig, wurde das Schicksal der Slowenen während der
Nazizeit doch lange tabuisiert oder zumindest ignoriert.
Ja, Maja Haderlap hat eine starke Stimme. Eine zu gleichen Teilen
literarische wie politische, eine Stimme, die durch "Engel des
Vergessens" zu den wichtigsten unserer Literaturlandschaft gehört.
Die Protagonistin Maria Beerenberger, Ende vierzig, verliert als
älteste Verkäuferin eines Modeladens ihren Job und sieht sich der
erbarmungslosen Wirklichkeit des Arbeitsmarktes ausgeliefert. Aber nicht
die Kündigung, sondern die Streichung des Arbeitslosengeldes der
fortdauernd beschäftigungslosen Maria markiert den Beginn des Romans,
für den Anna Weidenholzer eine besondere Erzählform gefunden hat, denn
die Biografie der Protagonistin wird rückwärts erzählt.
Kapitelweise erfährt der Leser so mehr von dem Leben der Hauptfigur, das
sich Schritt für Schritt zu einem Gesamtbild fügt - Maria als Witwe,
Maria als Ehefrau, als Schwester oder zum ersten Mal verliebt. Wie die
1984 in Linz geborene Autorin zu dieser literarischen Form gefunden hat,
erzählt sie im Interview:
"Ich hab für das Buch mit arbeitslosen Frauen gesprochen und es war
jedes Mal dieselbe Ausgangssituation. Ich hab mich mit einer Frau
getroffen, von der ich gewusst habe, sie ist arbeitslos, wie sie heißt,
vielleicht noch, als was sie gearbeitet hat, und sonst nichts. Und man
trifft sich dann und spricht und das waren dann immer so kleine Mosaike,
die am Schluss ein Ganzes zusammengesetzt haben und am Ende war's dann
immer ein anderes Bild von dieser Person und nicht nur dieses Bild von
der arbeitslosen Frau, sondern weit mehr."
Ausgestoßen
Diese Gesprächssituation nachzeichnend, beschreibt Weidenholzer die
alltägliche Geschichte einer schlichten Frau im kleinstädtischen Milieu,
die nun durch den Verlust des Arbeitsplatzes zur gesellschaftlichen
Außenseiterin und als Sozialschmarotzerin gebrandmarkt wird. Aufgrund
ihres Alters ist sie auf dem Arbeitsmarkt so gut wie wertlos. Die
zynischen Floskeln von AMS-Trainern rufen in Maria Schuld und Scham
hervor.
Zitat
"Ab fünfundvierzig wird es zunehmend schwierig, warum sollte sich
ein Arbeitgeber für Sie entscheiden, wenn hinter Ihnen eine ganze Reihe
junger attraktiver Verkäuferinnen steht. Warum, Frau Beerenberger.
Überlegen Sie sich Argumente, Sie müssen überzeugend auftreten. Es gibt
nur wenige Stellen, man muss ein Bewerbungsprofi sein, damit einen die
Personalberater nicht am linken Fuß erwischen."
Einsam
An den Rand der Gesellschaft gedrängt, verliert Maria nach und nach
ihre sozialen Kontakte. Am liebsten schlägt sie ihre leeren Stunden auf
einer Bank am Kirchplatz tot, dazwischen hagelt es Bewerbungsabsagen.
Bald wird klar, dass die Protagonistin weit mehr als nur ihre Arbeit
verloren hat.
"Es ist ja oft die erste Frage, wenn man jemanden kennenlernt: Was
arbeitest du? Und ich glaube, dass das sehr entscheidend ist im Leben,
was man wo arbeitet", meint Anna Weidenholzer. "Und wenn man dann diesen
Arbeitsplatz verliert, dass man nicht nur sein soziales Umfeld
verliert, sondern auch ein Stück Identität und Tagesstruktur.
Um der Leere entgegenzuwirken, entwirft die Protagonistin Tagespläne, in
denen sie ihre Stunden mit Tätigkeiten füllt. Und Maria setzt sich ein
Ziel: Sie will eine Kaulquappe, der sie den Namen Otto gibt, aufziehen
und, bis diese ein Frosch ist, wieder Arbeit gefunden haben. Doch der
Leser hat schon zuvor von Ottos Tod erfahren und kennt daher die
Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens.
Gescheitert
"Ja, es ist einer dieser Versuche von Maria", so Weidenholzer. "Auch
mit den Selbstoptimierungsbüchern in diese Richtung. Sie verfällt ja
auch immer mehr in dieses Selbstoptimierungsdenken und da spielt Otto
halt auch diese Rolle, dass man sich Ziele setzen soll, das ist einer
dieser klassischen Ratgebersätze und Maria scheitert immer mehr an
diesen Zielen oder an diesen Ratgebersätzen. Das Blöde ist, wenn sie
daran scheitert, dass es immer auf sie zurückfällt und sie dann die
Schuld trägt oder sich selbst die Schuld gibt. Das ist auch das Schlimme
an der Selbstoptimierungsliteratur."
Solche Szenen sind durchdrungen von Traurigkeit, der dumpfen Ahnung von
der Unfreiheit des Menschen, gleichzeitig aber wird die Schwere des
Stoffes durch die ihm anhaftende Skurrilität konterkariert. Mit einer
Sprache, die so einfach wie das Gemüt der Protagonistin ist, gelingt es
der Autorin, ihre Geschichte einfühlsam und ohne Arroganz zu erzählen.
Nur folgerichtig scheint es, dass Weidenholzer ihre Heldin letztendlich
nicht aufgibt, sondern auf das Prinzip Hoffnung setzt:
"Mir war's auch wichtig, dass auch die Arbeitslosigkeit nicht das Ende
von dem Buch ist, also dass es nicht der Schlusspunkt ist. Ich glaube,
dass Hoffnung da ist zum einen dadurch, dass es ja mit dem Ende beginnt.
Und ich glaube solange Maria da ist, ist immer irgendwo Hoffnung da,
und Marias Hoffnung wäre vielleicht, dass wer kommt und ihr zuhört und
dass sie vor allem ernst genommen wird und das ist diese Hoffnung, die
Maria noch hat."
Anna Weidenholzer hat den Verlierern der Leistungsgesellschaft zugehört -
und noch mehr: Sie hat ihnen eine authentische Stimme gegeben.
Tripolar effective hedonist,
I. Vöcklabruck "Migrants Welcome Service"(Language drill,Cross-cultural musical improvisation,Word-, EXCEL-, Web-classes;
Unsecured Microcredits;
Joint joggings);
II: "So viel Sprachen du sprichst, so oft mal bist du Mensch" (E. Seidenbusch)
III: "Fiddle on the Roof and elsewhere"
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