Freitag, 30. April 2010

Prahalad

Ideen gegen Armut

Der Reichtum der Dritten Welt

Der Management-Vordenker C. K. Prahalad wollte die Armut mit betriebswirtschaftlichen Prinzipien bekämpfen. Statt Armen sah er preisbewusste Konsumenten. Innovative Produkte für ebendiese würden Unternehmen Profite und die Entwicklungsländer selbst voran bringen.
An der Basis der Wohlstandspyramide

Dass Coimbatore Krishnarao Prahalad dieses Buch überhaupt geschrieben hat, ist ein positives Zeichen. C. K. Prahalad lehrte bis zu seinem Tod am 16. April 2010 Unternehmensstrategien und internationalen Handel an der University of Michigan Business School. In den Strategien der meisten Unternehmen kommen die Armen dieser Welt überhaupt nicht vor, obwohl sie mit vier bis fünf Milliarden Menschen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung stellen.

Arme, so die Annahmen der meisten Manager, können sich ihre Produkte oder Dienstleistungen sowieso nicht leisten, sie haben keine Verwendung dafür, und die Märkte der Armen zu erschließen sei viel zu schwierig. Für die Armen der Welt, so die These von C. K. Prahalad, werden daher die Produkte oder Dienstleistungen, die ihnen zu mehr Wohlstand verhelfen könnten, überhaupt nicht angeboten.

Er hingegen ist davon überzeugt, dass die Armen dieser Welt über sehr viel Kaufkraft verfügen und bereitwillig neue Technologien annehmen. Er spricht daher auch gar nicht von den Armen, sondern von BOP-Konsumenten. BOP steht für "bottom of the pyramid" und bezeichnet die Menschen, die sich an der Basis der Wohlstandspyramide befinden.

Vier Milliarden Arme können der Antrieb für die nächste Welle globalen Handels und Wohlstands und für Innovationen werden. Die Vision dieses Buches lautet: Gemeinsam können wir das Problem der globalen Armut lösen. Es geht nur gemeinsam; Chancen, die sich uns an der Basis der Wohlstandspyramide eröffnen, können wir nicht nutzen, solange kleine und große Unternehmen, Regierungen, private Verbände und Organisationen, Entwicklungshelfer und die Armen selbst nicht in Form einer gemeinschaftlichen Agenda zusammenwirken. Unternehmertum auf breiter Basis wird der Schlüssel zum Ganzen sein.
Innovative Produkte als Schlüssel

Mit Analysen, warum die Armen - oder die BOP-Konsumenten, wie sie Prahalad etwas euphemistisch nennt, - arm sind, welche politischen oder geschichtlichen Ursachen der Armut zugrunde liegen, hält sich der Autor nicht lange auf. Er geht davon aus, dass arme Länder nicht etwa arm sind, weil ihnen Ressourcen fehlen, sondern weil sie kein entwickeltes Rechtssystem haben.

Diese Sicht der Dinge sieht Armut als ein in den meisten Teilen der Welt - zumindest zum Teil - selbst auferlegtes Problem. Die Bildung von Kapital und ein Funktionieren der Märkte werden durch das Fehlen institutioneller Klarheit im Keim erstickt.

Lieber konzentriert sich Prahalad auf sein Rezept zur Überwindung der Armut, und das lautet wie folgt: Die großen internationalen Unternehmen wie Banken, Mobilfunkbetreiber, Chemie und Saatgut-Konzerne sollen gemeinsam mit örtlichen Behörden innovative Produkte entwickeln und anbieten, die den Armen zu besserer Lebensqualität verhelfen.

Unter dem Strich ist unsere Botschaft ganz einfach: Man kann selber Erfolg haben, indem man Gutes für andere tut.
Nachteil Armutsprämie

Arme, so ein Ergebnis von Prahalads Forschung, sind nämlich auch deshalb arm, weil sie für die gleichen Produkte viel mehr bezahlen müssen als Reiche. Prahalad nennt das die Armutsprämie. So bezahlen zum Beispiel die Bewohner einer besseren Wohngegend in Bombay für einen Kredit pro Jahr 12 bis 18 Prozent Zinsen, die Bewohner eines Slums hingegen 600 bis 1.000 Prozent, also über 50 Mal mehr.

Ein Kubikmeter Wasser kostet im Reichenviertel 37 Mal weniger als im Slum. Auch für Telekommunikation, Medikamente und Lebensmittel bezahlen Arme mehr, weil der Vertrieb ineffizient ist und lokale Zwischenhändler hohe Aufschläge verlangen.

"Was liegt also näher", fragt sich Prahlad, "dass große Banken, Versorgungsunternehmen und Consumer-product-Konzerne ihr Management-Knowhow dafür verwenden, adäquate Angebote für die Armen zu machen?" Selbst wenn die Bank 25 Prozent Kreditzinsen pro Jahr verlangt, würde das für die Slumbewohner eine Verringerung der Kreditkosten von 600 auf 25 Prozent bedeuten und damit einen gewaltigen Vorteil, gleichzeitig könnte die Bank gut dabei verdienen.

Prahalads Konzept ähnelt dem Mikrokreditmodell der Grameen-Bank in Bangladesch, das längst weltweit auch von kommerziellen Banken kopiert wird - gemäß der Devise "Kleinvieh macht auch Mist". Prahalads Idee gegen die Armut ist also sehr simpel, doch scheint die Skepsis der Manager sehr groß zu sein. So muss der Autor 540 Seiten füllen, um Unternehmen davon zu überzeugen, die Konsumenten an der Basis der Wohlstandspyramide zur Chefsache zu machen.
Briefe und Fallstudien als Zeugnis

Ein großer Teil des Buches besteht aus Briefen von bereits überzeugten Managern und Fallstudien, die zeigen, dass man mit innovativen Produkten und Vertriebskonzepten die Bedürfnisse der Armen befriedigen kann und dass Unternehmen dabei gut verdienen.

Prahalad beschreibt Portionspackungen von Haarshampoo oder Ketchup für Tagelöhner, die sich keine ganze Flasche leisten können, Infoterminals, an welchen Kleinbauern der Dritten Welt sich über die Wetterprognose oder die Weltmarktpreise für Agrarprodukte informieren können. Er berichtet über den Erfolg von Sparplänen, mit welchen sich Arme das Material für ein Badezimmer ansparen können, von einer höchst effizienten Augenklinik, die Arme gratis behandelt, und von Windeln, die sich Arme leisten können, weil man sie nur zweimal am Tag wechseln muss.

Das bedeutet, dass Unternehmen Windelprodukte für BOP-Kunden technisch verbessern und die Produktqualität erhöhen müssen, im Vergleich zu den Fabrikaten, die sie zurzeit an die Bewohner reicher Länder verkaufen.

Fazit: Prahalad gelingt es, zu zeigen, dass marktwirtschaftliche Ansätze oft viel mehr zur Armutsbekämpfung beitragen als gut gemeinte Entwicklungszusammenarbeit, und er ermuntert Manager, das Potenzial und die Kaufkraft der Armen nicht weiter zu übersehen. Wer jedoch eine tiefergehende Analyse des Phänomens Armut sucht, ist bei Autoren wie dem indischen Nobelpreisträger Amartya Sen besser aufgehoben.

Donnerstag, 29. April 2010

Schleichende Staatswerdung gescheitert

Doch Frau Merkel sitzen nicht nur die deutschen Wähler im Nacken, die sich fragen, warum sie für den Schlendrian in Griechenland im Falle des Fälligwerdens von Kreditbürgschaften zahlen sollen. Sie hat auch mit dem Bundesverfassungsgericht zu rechnen, das mehrfach deutlich gemacht hat, dass eine schleichende Staatswerdung Europas (und dazu gehört auch eine Transferunion), welche die Kehrseite einer Entdemokratisierung des deutschen Nationalstaats wäre, mit ihm nicht zu machen ist.

Frau Merkel muss allerdings auch bedenken, welche europapolitischen und internationalen Folgen es hätte, wenn sich die EU nicht mehr nur mit selbsterzeugten Krisen à la europäische Verfassung herumzuschlagen hätte, sondern in eine wirkliche Existenzkrise geriete. Schon die währungspolitischen Konsequenzen der gegenwärtigen Lage sind kaum vorauszusehen: Ökonomische Rationalitätskalküle reichen nicht aus, wenn die Emotionen einmal hochgepeitscht sind. Allerdings helfen dann auch politische Wunschvorstellungen nicht mehr. Wenn schon die ökonomischen Folgen eines Scheiterns der Währungsunion – wie immer es aussähe – nicht vorauszuberechnen sind, so gilt das für die EU als Ganzes umso mehr. Niemand sollte sich Illusionen darüber machen, welche Nachwirkungen es für die gesamte Mechanik der europäischen Kompromissmaschine hätte.

Die Griechenland-Krise zeigt unbarmherzig, dass sich die EU in den vergangenen Jahrzehnten übernommen hat. Vertiefung lässt sich mit Erweiterung eben nicht kombinieren, wenn die Unterschiede zwischen den Mitgliedern immer größer werden, bis hin zu kultureller Fremdheit, mit der Folge, dass die Verpflichtung auf eine „immer engere Union“, also auf mehr Gemeinsamkeit, von vielen als äußerer Zwang empfunden wird. Europa braucht, wenn die gegenwärtigen Schwierigkeiten – auf die eine oder andere Art – gelöst sind, eine wirkliche Reflexionspause. Es darf nicht nur darüber nachdenken, was aus ihm werden soll, es muss sich auch die Frage stellen, was aus ihm werden kann.

Text: F.A.Z.

Mittwoch, 28. April 2010

Literatur gratis

http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=4797&kapitel=2&cHash=627c466065chap001#gb_found

Dienstag, 27. April 2010

Lernen lernen

http://www.dctp.tv/?ref=spiegel&/#/bildung/computer-neurowissenschaft-was-heisst-lernen

Schröder

Gott ist immer menschenähnlich.

Der Mensch ist gar nicht in der Lage, sich etwas Göttliches vorzustellen, das nicht menschenähnlich ist. Anton Zeilinger hat einmal bei einer Podiumsdiskussion gesagt: „Gott spielt mit uns Verstecken.“ Ein Gott, der Verstecken spielt! Menschlicher und männlicher geht es ja kaum mehr! Platon hat einmal gesagt, würde man einen Esel fragen, wie Gott aussieht, dann würde er einem Esel gleichen. Die Unfähigkeit, dieses Etwas in einer nicht personifizierten Form darzustellen, führt für mich dazu, dass ich Götterbilder überhaupt ablehne. Ich finde es auch nicht gut, wenn man Kindern da etwas vormacht.



Als meine ältere Tochter vier war, hat sie ein Bilderbuch von Disneys „König der Löwen“ in die Hand bekommen. Da gibt es eine Seite, wo der alte Löwe auf einer Wolke sitzt, im Himmel sozusagen. Sie hat gemeint: Das will ich auch haben, wenn ich einmal sterbe. Da habe ich ihr eine Kinderbibel besorgt.

Ich glaube nicht, dass die Bibel die richtige Lektüre für Kinder ist: Die Arche Noah ist die Beschreibung eines Genozids! Das ist ja unglaublich grausam. Die Geschichte geht im Übrigen interessant weiter: Als Noah endlich gelandet ist, baut er Wein an. Er betrinkt sich und liegt dann entblößt im Zelt. In diesem Zustand findet ihn einer seiner drei Söhne – und erzählte es den anderen, die ihn dann zudecken. Und jetzt kommt das Wichtige: Als Noah aufwacht und erfährt, was dieser Sohn ihm „angetan“ hat, wird er zum Sklaven erklärt – und nicht nur er, sondern auch alle seine Nachkommen. Das ist genau das, was der Papst jetzt mit den Missbrauchsopfern auch macht: Betrunken und entblößt hat sich Noah. Aber der, der ihn dabei gesehen hat und es weitererzählt, wird bestraft. Das ist noch immer so! Täter-Opfer-Umkehrung. Da kann man doch nicht sagen, das sei ein tolles Buch, aus dem man einen Verhaltenskodex ableiten solle.

Viele Leute, auch Atheisten, meinen, die Bibel sei die Basis unserer Kultur.

Kultur ist für mich etwas anderes. Kultur bedeutet für mich, dass man zwar seine Triebe erkennt und auch versteht, warum sie vielleicht einmal evolutionär wichtig waren – aber dass man eine soziale Lebensform anstrebt und auf dem Weg dorthin gegen diese Triebe ankämpft. Die Angst vor Fremden zum Beispiel: Als mein Sohn zehn Monate alt war, sind wir auf einem Spaziergang einem Schwarzen begegnet – und er hat gebrüllt. Es war mir furchtbar peinlich, aber das ist eben in uns. Jetzt kann man das als evolutionäres Relikt verstehen und dagegen angehen – oder man kann die Ängste noch schüren, wie das die FPÖ macht. Und übrigens auch die Grünen, wenn sie vor den bösen fremden Genen warnen.



Ist es nicht etwas prinzipiell anderes, ob ich die Angst vor einem fremden Menschen schüre oder Angst vor einer neuen Technik?

Man soll keine Angst vor der Technik haben – man soll sie beherrschen lernen und sich fragen, ob sie sinnvoll ist oder nicht. Die Gentechnik ist nicht abzuwenden. Aus der Medizin ist sie nicht mehr wegzudenken. In Wirklichkeit ist sie fast überall akzeptiert: Tampons, Euroscheine – die bestehen aus gentechnisch veränderter Baumwolle. Die Falschinformationen werden bewusst politisch genützt – und daher rühren die Ängste. Es ist eben die Angst vor dem Fremden oder Unbekannten oder Neuen.



Es geht Ihnen also darum, dem überholten evolutionären Erbe so etwas wie Informationen entgegenzusetzen.

Es geht darum, Muster zu erkennen und aufzubrechen. Der Mensch neigt zum Beispiel dazu, kausale Verbindungen zwischen zwei Ereignissen herzustellen, die nur temporär verknüpft sind. Wie der pawlowsche Hund, der speichelt, sobald eine Glocke ertönt. Ein Arzt hat mir erzählt, dass Krebspatienten das, was sie am Beginn ihrer ersten Chemotherapie zu sich nehmen, nie wieder essen können. Der Körper merkt sich das. Auch wenn man weiß, dass die Nahrung nichts mit der Übelkeit zu tun hat! Das ist natürlich ein Extrem, aber es gibt viele solcher Muster. Auch die Angst vor Veränderungen kommt zum Teil daher. Die Menschen erinnern sich an einen Abschnitt ihres Lebens, der besonders glücklich war. Oft ist es die Kindheit.

Montag, 26. April 2010

IWF und Weltbank

http://digbib.ubka.uni-karlsruhe.de/diva/2004-349/

Sonntag, 25. April 2010

Sinn 2

Sinn: Die internationalen Investoren, die Gläubiger, auch deutsche Banken müssten einen Teil ihrer Kredite abschreiben. Für die Menschen in Griechenland aber wäre die Anpassung mit viel weniger Schmerzen verbunden als eine Depression mit einer Senkung von Löhnen und Preisen im Euroverbund. Soziale Unruhen ließen sich vermeiden. Man muss allerdings schnell und überraschend handeln, auf der Basis von Bilanz- und Vermögenspositionen eines bereits zurückliegenden Zeitpunktes. Der Internationale Währungsfonds (IWF), dem ich die akute Rettung Griechenlands anvertrauen würde, hat viel praktische Erfahrung, wie so etwas zu geschehen hat.

FOCUS Online: Was spricht für den IWF?

Sinn: Der IWF verfügt über einen Topf von 500 Milliarden Dollar zur Rettung bedrängter Länder. Der IWF würde gegen Auflagen helfen – und den griechischen Politikern die Alternativen drastisch vor Augen führen: Depression oder temporärer Austritt. Der IWF ist die Instanz, die jetzt gefragt ist. Auch wir Deutschen haben Geld nach Washington überwiesen, damit der IWF bei Schuldenkrisen eingreift. Schon deshalb ist es nicht einzusehen, dass die EU ein eigenes Hilfspaket schnürt – wir würden doppelt zahlen. Für den IWF spricht auch, dass es so oder so erhebliche Proteste in Griechenland geben wird, wenn man dem Land nicht immer wieder mit Geschenken hilft. Es ist besser, wenn sich der Zorn gegen den IWF richtet als gegen uns. Der Währungsfonds ist weit weg und kann damit leben. Was immer die europäische Hilfen sind, die Griechen werden sie als unzureichend empfinden und ihren Zorn gegen die Geberländer richten, wenn mit den Hilfen schmerzliche Auflagen verbunden sind. Es wäre eine große Fehlentscheidung der deutschen Politik, wenn wir uns da hineinziehen ließen. Gerade wir Deutschen sind erpressbar, wie griechische Politiker in den letzten Wochen überdeutlich klar gemacht haben.

FOCUS Online: Griechenland ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Länder der Eurozone driften auseinander. Südeuropa häuft Außenhandelsdefizite an, während Deutschland als Exportgigant glänzt. Müssen wir unser Geschäftsmodell ändern, damit die Statik der Eurozone nicht wegbricht?

Sinn: Ja. Wenn ein Land sich verschuldet, sind daran zwar nicht die Gläubiger schuld. Andererseits ist bekannt, dass ich seit Jahren den pathologischen Exportboom in Deutschland kritisiere, der sich als Gefahr für die Eurozone erwiesen hat. Überspitzt gesagt, bestand das deutsche Geschäftsmodell darin, Autos und Werkzeugmaschinen gegen Lehman Brothers und griechische Staatsanleihen zu verkaufen. Man sollte sich überlegen, ob man damit wirklich so weitermachen will. Wir haben unsere Exporte großenteils verschenkt, denn weder die Amerikaner noch die Griechen werden ihre Schulden bezahlen. Was nützt es uns, wenn wir Weltmeister im Verschenken von Industrieartikeln sind und uns dann gegenseitig auf die Schultern klopfen? Das muss sich ändern.

FOCUS Online: Frankreichs Finanzministerin Lagarde fordert, Deutschland solle die Binnennachfrage stärken – und empfiehlt sinkende Steuern.

Sinn: Steuersenkungen werden mit jedem Tag schwieriger. Am wichtigsten ist es, die Investitionen anzukurbeln, nicht den Konsum. Deutschland produziert zu wenig im Inland, auch weil die Löhne für gering Qualifizierte zu hoch und die Standortbedingungen zu schlecht sind. Deutschland hatte in den Jahren vor der Krise die kleinste Investitionsquote aller OECD-Länder. Auch das muss sich ändern. Wenn mehr Unternehmen in der Heimat investieren, brauchen sie dafür auch mehr Importe, und absorbieren einen Teil der Maschinen, die sonst exportiert worden wären. Der Maschinenbau könnte seine Waren wieder verstärkt in Deutschland verkaufen, und bei den Investoren entstünden Arbeitsplätze. Mehr gebaut würde auch. Die Bauindustrie würde boomen. Es wäre auch besser, wenn die Banken ihre Ersparnisse den deutschen Investoren als Kredit geben, denn die würden das Geld zurück zahlen. Exporte und Importe kämen wieder besser ins Gleichgewicht, und der Kapitalexport nähme ab.

FOCUS: Muss man nicht die Löhne erhöhen, um die Binnennachfrage zu stärken?

Sinn: Nein, je höher die Löhne pro Arbeitnehmer sind, desto kleiner ist die Zahl der rentablen Jobs, desto kleiner das Volkseinkommen, desto kleiner die Summe aus Konsum- und Investitionsgüternachfrage, die daraus gespeist werden kann. Es ist noch nicht einmal klar, ob die Lohnsumme, die wichtiger Teil des Volkseinkommens ist, steigt, wenn man die Lohnsätze erhöht. Es ist leider alles genau andersherum, als uns manche Politiker weismachen wollen.

Wie lassen sich Investitionen sonst noch ankurbeln?

Sinn: Die Regierung müsste die Banken strenger regulieren, sie mit neuem Kapital ausstatten, den Arbeitsmarkt deregulieren, den Sozialstaat in die Richtung einer aktivierenden Sozialpolitik ausweiten, wie sie mit der Agenda 2010 begonnen wurde. Die Liste der notwendigen Maßnahmen ist lang. Schnell würden Abschreibungsvergünstigungen wirken, weil sie deutsche Investitionen im Vergleich zu ausländischen fördern. Allgemeine Steuersenkungen sind indes nicht sonderlich wirksam, weil sie ja auch die im Ausland verdienten Zinserträge entlasten. Die Vorteile solcher Steuersenkungen liegen anderswo. Am wichtigsten ist es, einen Weg zu finden, die gewaltigen Verluste der Staatsbanken aufzufangen und das Bankensystem insgesamt wieder funktionsfähig zu machen. Banken sollen Kredite vergeben – und nicht an den Finanzmärkten das Geld der Steuerzahler verspielen.

Sinn

Die Griechen sind bis zur Halskrause verschuldet – und suchen händeringend Geldgeber. Die Euro-Nachbarn zögern. Im Interview erklärt Hans-Werner Sinn, Präsident des renommierten Ifo-Instituts, was jetzt passieren muss. Warum Athen den Euro eine zeitlang abgeben sollte. Woher Hilfe kommen kann. Und warum Deutschland erpressbar ist.

FOCUS Online: Die Chefs der Euroländer lassen seit Wochen durchblicken, dass sie Griechenland helfen wollen. Beschlossen aber ist noch nichts. Ein Ausdruck von Hilflosigkeit?

Hans-Werner Sinn: Zum Glück gibt es keine konkreten Versprechen. Griechenland hat sich in die Eurozone gemogelt und mit seiner Schuldenpolitik bewusst gegen die Spielregeln verstoßen. Wenn die EU die Rechnung begleicht, würde der Druck auf Athen sinken, den Haushalt in Ordnung zu bringen. Dass es den Druck überhaupt gibt, ist den Investoren am Finanzmarkt zu verdanken, die auf höhere Zinsen pochen. Der Fall Griechenland zeigt, dass die EU selbst leider keine Handhabe besitzt, Schuldensünder zu bestrafen.

FOCUS Online: Kann Griechenland auf Dauer ohne Finanzspritzen aus der Krise finden?

Sinn: Die Lage ist dramatisch. Selbst wenn die EU das Minus im Staatshaushalt ausgleicht, bleibt noch immer ein horrendes Defizit im Außenhandel. Die Griechen kaufen viel mehr im Ausland ein, als sie dorthin verkaufen. Im Jahr 2008, dem aktuellsten Jahr, für das wir Zahlen haben, lag das Defizit bei 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder 38 Milliarden Euro. Selbst wenn das Staatsdefizit vollständig beseitigt würde und der Rest der Ökonomie vor einer Rezession geschützt bliebe, wären es immer noch zwölf Prozent. Die EU müsste auf Dauer Geschenke nach Athen tragen, um den Löwenanteil hiervon zu finanzieren. Das aber lässt sich nicht durchsetzen, die Gemeinschaft würde zur Transfergesellschaft verkommen. Otmar Issing, der langjährige Chefökonom der EZB und „Vater“ des Euro hat dazu gesagt, dass die Vorstellung, hierdurch könne der Euro gestärkt werden, „geradezu grotesk“ sei.

FOCUS Online: Was muss passieren?

Sinn: Es handelt sich um eine griechische Tragödie, das Ende ist in jedem Fall schrecklich. Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens, wir schenken Griechenland das Geld. Zweitens, Griechenland geht in eine scharfe Depression mit sinkenden Preisen und Löhnen, bis es seine Wettbewerbsfähigkeit wieder erhöht hat. Drittens, Griechenland tritt aus dem Euro aus und wertet ab, wobei gleichzeitig ein Schuldenmoratorium erklärt wird. Die erste Möglichkeit ist schrecklich, weil es dann viele Nachahmer in der EU gäbe, die wir in den kommenden Jahren auch noch finanzieren müssten. Die zweite ist schrecklich, weil Griechenland an den Rand des Bürgerkriegs getrieben würde. Jede Gruppe, bei er man mit der Kürzung beginnt, würde radikalisiert. Die dritte Möglichkeit ist schrecklich, weil der Euro ein Mitglied verlöre, die Spekulanten sich auf das nächste Opfer stürzen würden und die deutschen Banken einen Teil der 32 Milliarden Euro an griechischen Staatspapieren, die sie in ihren Büchern haben, verlieren würden.

FOCUS Online: Was ist die am wenigsten schreckliche Alternative?

Sinn: Die erste Möglichkeit ist die beste für Griechenland, aber nicht akzeptabel für Deutschland und andere Nettozahler. Ich teile die Meinung von Otmar Issing. Die zweite Möglichkeit, also die Depression, nützt niemandem und führt zur Destabilisierung des östlichen Mittelmeerraumes. Ich halte sie für völlig inakzeptabel, sowohl für Griechenland als auch für die EU. Die dritte Möglichkeit ist die zweitbeste für Griechenland und die beste für uns, trotz des möglichen Dominoeffekts. Wenn man den Märkten klarmacht, dass Griechenland sich in einer Ausnahmesituation befindet, weil es sich in den Euro hineingemogelt hat, mag es sogar gelingen, den Euro besser zu stabilisieren, als wenn Griechenland drin bliebe.

FOCUS Online: Die Griechen wollen den Euro nicht abgeben, ein Rauswurf ist rechtlich nicht möglich.

Sinn: Niemand will die Griechen vor die Tür setzen. Ein temporärer, freiwilliger Austritt aus der Eurozone aber wäre der Weg mit dem geringsten Schrecken. Die Griechen würden die Drachme einführen, im Verhältnis eins zu eins zum Euro, dann können sie alle Preislisten und Lohnkontrakte behalten. Gleichzeitig müsste die neue Währung abwerten. Am besten wäre es, alles würde schnell und überraschend passieren. Es würde für die Menschen teurer, im Ausland einzukaufen. Die Importe würden sinken. Und die Exporte würden steigen, insbesondere der Export touristischer Dienstleistungen. Aber ansonsten gäbe es im Inneren keine Verwerfungen, die Ähnlichkeiten mit einer Senkung der Preise und Löhne im Euroverbund hätte. Die meisten Löhne und Preise fallen im Gleichklang, ohne dass es die Leute überhaupt merken. Sobald die Außenhandelsbilanz wieder im Gleichgewicht ist, könnte die Regierung erneut die Aufnahme in die Eurozone beantragen.

FOCUS Online: Wie lange wäre Griechenland draußen?

Sinn: Das lässt sich nicht abschätzen. Das hängt von dem Verhalten der Griechen ab.

Samstag, 24. April 2010

Rudas 2020

Ihre Politbasis liegt im 15. Wiener Bezirk, wo sie eine Gruppe der SJ gründete und deren Vorsitzende wurde, ihren Aufstieg verdankt sie der eigens geschaffenen Organisation der „Jungen Roten“. Wer dort beitrat, erhielt Ermäßigungen in der Disco, Rudas wich als Vorzeige-Partygirl der Parteispitze nicht von der Seite und übte sich darin, die Parteimeinung wiederzugeben. Als Alfred Gusenbauer Kanzler wurde und die Studiengebühren nicht abschaffte, demonstrierten SJ und Hochschülerschaft, deren Vorsitzende Barbara Blaha trat aus der SPÖ aus. Rudas wurde krank. Dafür sorgte sie bei Wahlveranstaltungen verlässlich für jubelwillige Junge.

Rudas ist es leid, sich gegen den Vorwurf der Angepasstheit zu wehren. Sie möchte „über Politik diskutieren“, nicht über ihre Person. Ihr Alter ist dennoch ständig Thema, bei Kritikern wie Unterstützern. Nikolaus Pelinka ist eindeutig im Fansektor zu finden. Der 23-Jährige verteidigt Rudas so: „Ambitionierte Junge haben es überall schwer, wenn sie Veränderungen wollen.“ Pelinka selbst ist Bestandteil der Erneuerung, er wurde mit Rudas’ Hilfe als ORF-Stiftungsrat installiert, der erfahrene Karl Krammer musste weichen. Krammer ist kein Einzelfall: Nach und nach holt Rudas alte Vertraute aus der Jugendorganisation im 15. Bezirk in die Löwelstraße. Sie findet daran nichts Anrüchiges, schließlich war ein niedriger Altersschnitt bisher wirklich nicht das Hauptproblem der SPÖ.

In der Kritik an Rudas schwingt die unausgesprochene Sehnsucht nach alten Verhältnissen mit, als in der Parteizentrale gestandene Mannsbilder wie Fritz Marsch oder Karl Blecha saßen und die ÖVP in Schrecken versetzten. Deren Aufgabe war leichter, seither hat sich die SPÖ verändert. Bis in die achtziger Jahre war sie eine zentralistische Partei, alle Macht war rund um Wien gebündelt, und die heutige Bundesgeschäftsführung hieß damals stimmigerweise Zen­tralsekretariat. Mit den roten Landeshauptleuten im Westen, die neuerdings mitreden, ist auch die Parteizentrale entmachtet. Josef Kalina, der von Gusenbauer geschasste Vorgänger von Rudas: „Die SPÖ hat mehr Machtzentren, das macht die Rolle des Bundesgeschäftsführers noch undankbarer.“ Kalina ist überzeugt, dass die Erwartungen an Rudas überhöht sind: „Man kann nicht verlangen, dass sie frischen Wind hineinbringt und gleichzeitig alles kann, was ein alter Hase beherrscht.“

Den Part des Erfahrenen sollte eigentlich Rudas Co-Geschäftsführer Günther Kräuter, 53, spielen. Selten hat ein Duo weniger harmoniert: Kräuter und Rudas sitzen auf verschiedenen Stockwerken, gestritten wird sogar über Petitessen wie die Frage, ob in der Löwelstraße nur Mineralwasser oder auch Fruchtsaft getrunken werden darf. Das bindet Energie, die Reibungsverluste werden aber vor allem Rudas angelastet.
„Mit zwei Bundesgeschäftsführern funktioniert es nicht“, bilanziert der Nationalratsabgeordnete Josef Muchitsch. Er hält Rudas zugute, dass sie die Kommunikation forciert: Die Abgeordneten erhalten nun wöchentlich E-Mails mit Positionen der SPÖ. Das letzte listet etwa auf sieben Seiten auf, warum die „Ökosteuern“ der ÖVP pfui und die Bankenabgabe der SPÖ hui ist.

Muchitsch ist als erdiger Gewerkschafter das personifizierte Gegenbild zur stylishen Rudas und weiß über sie zu sagen: „Sie ist lernfähig, das ist ihre große Stärke.“ Zusatz: „Natürlich ist die Bundesgeschäftsführung ein Schleudersitz.“

Grasser

Wie glaubwürdig ist ein Lobbyist, der auf den Zufall vertraut? Es dürfte denn auch nicht weiter überraschen, dass Meischberger Hocheggers Anwürfe im Verlauf dieser Vernehmung nicht einfach so auf sich sitzen lassen wollte: „Wenn mir gesagt wird, dass meine Angaben mit denen von Hochegger nicht übereinstimmen, dann gebe ich an: Hochegger hat wahrscheinlich ein Wahrnehmungsproblem, ich aber nicht. Alles, was ich gesagt habe, stimmt. Ich weiß nicht, ob Hochegger mit jemandem … gesprochen hat. Ich habe bis gestern davon nichts gewusst. Wenn mir die Aussage von Hochegger bekannt gegeben hat (sic!), wonach er von mir die Information bekommen hätte, dass die Immofinanz jedenfalls über EUR 960 Mio. bieten solle: Das widerspricht komplett allem, was ich gesagt habe. Es ist mir unerklärlich, warum er das macht.“

Schuldzuweisungen. Hochegger belastet Meischberger, Meischberger belastet Hochegger. Dass Beschuldigte in Strafverfahren sich in Widersprüchen verlieren, ist nicht weiter ungewöhnlich. Im Ergebnis macht es keinen Unterschied, wer wem den entscheidenden Hinweis lieferte. Tatsache bleibt, dass die Immofinanz-Gruppe dank Peter Hocheggers Insiderinformationen das Rennen machte. Da aber der gesamte Verkaufsprozess strengster Vertraulichkeit unterlag, muss jemand das Amtsgeheimnis verletzt haben. Walter Meischberger lieferte der Staatsanwaltschaft Wien, darauf angesprochen, eine bemerkenswerte Erklärung: „Befragt nach meiner Einschätzung, wie die Angaben Hocheggers über die Weitergabe von EUR 961 Mio. an KPE (Ex-Immofinanz-Chef Petrikovics, Anm.) zu bewerten seien, ob es sich ebenfalls um eine legale Lobbyinginformation handle, gebe ich an: Es kommt ausschließlich dar­auf an, wie er zu dieser Information gekommen ist. Das Weitergeben ist Auftrag und Aufgabe.“

So diametral die Erinnerungen der Lobbyisten hier auseinandergehen mögen – in einem Punkt sind sich die beiden einig: Mit Karl-Heinz Grasser selbst wollen sie zu keinem Zeitpunkt über die Buwog-Privatisierung gesprochen haben. Das kann man so glauben oder nicht – entlastet ist Grasser damit keinesfalls. Er war als Finanzminister nicht nur verantwortlich für die saubere Abwicklung des Geschäfts. Der Zuschlag an den vermeintlichen „Bestbieter“ Immofinanz war obendrein seine alleinige Entscheidung. Grasser hat sich wiederholt damit zu rechtfertigen versucht, eine „unabhängige Experten­kommission“ habe den Buwog-Verkauf verantwortet.

Eine glatte Irreführung. Die Kommission, in der unter anderem Grassers damaliger Kabinettschef Heinrich Traumüller, das frühere ÖIAG-Führungsduo Peter Michaelis und Rainer Wieltsch sowie die Juristen Rudolf Lessiak und Josef Aicher wirkten, hatte keinerlei Entscheidungsbefugnis. Sie war laut dem so genannten Bundesministeriengesetz lediglich beratend tätig. Und diente offenbar nur dem Zweck, der Privatisierung den Schein der Objektivität zu verleihen (profil 11/10).

Geschäfte und Geschenke unter Freunden, Widersprüche und Dementis unter Geschäftspartnern: In sieben Jahren Amtszeit verbuchte Karl-Heinz Grasser eine beispiellose Fülle an Affären auf der Habenseite. Kaum ein Regierungsmitglied der Zweiten Republik, das so unscharf zwischen Beruflichem und Persönlichem getrennt hätte. Mit weit reichenden Konsequenzen. Neben der Buwog-­Privatisierung verantwortete KHG die ­skandalumwitterte Anschaffung der Eurofighter-Jets. Er ließ eine private Homepage von der Industriellenvereinigung sponsern; kassierte Vortragshonorare von Banken; versuchte, die Voest unter der Hand seinem Spezi und früheren ­Arbeitgeber Frank Stronach zu verticken; schaffte sich den teuersten Dienstwagen der schwarz-blauen Regierungsmannschaft an; genoss bei einem privaten Malediven-Trip auf AUA-Kosten ein „Upgrading“ in die Business Class; sonnte sich mit Wolfgang Flöttl und Julius Meinl auf den Planken von Meinls Yacht.

Dabei vergaß er nie auf die Entourage: Lebensgefährtin Corrales-Díez schaffte es als „Staatskommissärin“ in den Aufsichtsrat der Immorent Bank, Sprecher Manfred Lepuschitz in das Kontrollorgan einer Meinl-Bank-Tochter. Investmentbanker Karlheinz Muhr durfte es sich vorübergehend im Aufsichtsrat der Austrian Airlines bequem machen, Immobilienmakler Ernst Karl Plech an der Spitze des Buwog-Aufsichtsrats. Jener Ernst Karl Plech, der nach Grassers Ausscheiden aus der Politik zu einem Kompagnon avancierte. Grasser und Plech sind heute an der Wiener GPS Immobilien GmbH beteiligt.

Nicht zu vergessen Grassers langjährige Weggefährten und Geschäftspartner Peter Hochegger und Walter Meischberger, mit denen er 2007 die gemeinsame „Beratungsgesellschaft“ Valora Solutions Projektbegleitung GmbH gründete (mittlerweile gehört diese Meischberger allein).

Wie eng und zugleich gedeihlich die wechselseitigen Beziehungen waren, dokumentieren die Aussagen der Lobbyisten vor der Staatsanwaltschaft Wien. Hochegger bei seiner vierten Einvernahme am 3. November: „Befragt zu meinem Verhältnis zu Karl-Heinz Grasser: Ich habe ihn kennen gelernt, wie er bei Magna war … Das war etwa 1998 oder 1999 … Es hat sich eine gute Bekanntschaft entwickelt, auch privat. Wir sind ein paar Mal Abendessen gewesen. Er hat mir dann einen Vorführwagen (einen Jaguar, Anm.) verkauft. Alle zwei, drei Monate haben wir uns dann gemeinsam mit Herrn Meischberger getroffen. Ich bin sicher, dass auch Plech das eine oder andere Mal dabei war. Dann kam es zur Regierungsbildung. Das BMF hat ein Kommunikationsprojekt ausgeschrieben. Dieses hat die Hochegger COM gewonnen (siehe Kasten links, Anm.). Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung 2007 waren wir in der Valora Solutions GmbH gemeinsam als Gesellschafter tätig.“

Gebrauchte Golfschläger. Auch Walter Meischberger gewährte den Ermittlern Einblicke in die Freundschaft zu jenem Mann, dem er im Oktober 2005 als Trauzeuge zur Seite stand. So etwa bei seiner zweiten Vernehmung am 9. Oktober: „Zu meinem Verhältnis zu Grasser: Dieser ist einer meiner besten Freunde, das hoffe ich noch … Meine Nähe zum BMF war sicher von Vorteil für die Auftragserlangung (als Immofinanz-Lobbyist, Anm.), weil sich im Lobbyistengeschäft die Beratenen schon jene Leute aussuchen, die sich im richtigen Informationsbiotop aufhalten … Befragt, warum meine Nähe zum Grasser-Kreis ein Vorteil bei der Auftragsvergabe war und ich aber andererseits meine Handlungsmaxime so gestalte, dass ich dieses Netzwerk nicht missbrauche oder illegal nutze, und wie das zusammenpasst: Das ist ein automatisches, nicht von mir initiiertes, aber beim Kunden automatisch vorhandenes Auswahlkriterium. Ich habe von Grasser nie Informationen verlangt.“

Was Meischberger mit dieser Satzkaskade verklickern wollte – ja, er sei Grassers Freund, aber nein, er habe diese Nähe geschäftlich nie ausgenutzt. Die Ermittler wollten es freilich genauer wissen: „Befragt, ob ich oder eine Gesellschaft, welche wirtschaftlich mir zuzurechnen ist, seit 2000 Rechnungen für Karl-Heinz GRASSER bezahlten: Es kann sein, dass er in der gemeinsamen Valora Solutions GmbH Spesen abgerechnet hat. Sogar sicher hat er das gemacht. Mir sind keine Beträge über EUR 1000 in Erinnerung. Ich schließe aus, ihm irgendetwas gegeben zu haben, was über eine Freundschaftsgeschichte hinausgeht. Ich werde ihm einmal ein Geschenk gemacht haben, und er wird mir auch einmal ein Geschenk gemacht haben. Als Geschenke fallen mir ein: eine gute Flasche Wein, ein Aschenbecher. Mehrmals habe ich ihm einen gebrauchten Golfschläger geschenkt. Wir sind seit 15 oder 20 Jahren befreundet, und ich weiß nicht mehr, was wir uns alles geschenkt haben.“

Blöd nur: Meischberger vergaß bei der Aufzählung die bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmte Seychellen-Rechnung über 4600 Euro zu erwähnen. Auf Nachfrage der Ermittler fiel ihm, wie ausführlich berichtet, nicht wirklich Lichtvolles ein: „Vielleicht habe ich einen billigeren Preis bekommen … Es kann sein, dass ich mit diesem Resort ein Gegengeschäft habe … Ich glaube, dass ich mir vom GRASSER das Geld geholt habe. Ich bin sogar sicher.“

Zweifelsohne dürfte allen Beteiligten die Tragweite ihres Handelns bewusst gewesen sein. In den Worten Hocheggers: „IF (Immofinanz, Anm.) … wollte keine Rechnung …, weil meine Nähe zu GRASSER und der knappe Preisunterschied vielleicht Diskussionen ausgelöst hätte. Das wurde zwar nicht so direkt ausgesprochen, aber es wurde gesagt, dass man eine Diskussion zur Vergabe nicht brauchen kann.“

Die Staatsanwaltschaft Wien hat von all dem seit mehr als einem halben Jahr Kenntnis. Sie weiß also, dass Peter Hochegger der Immofinanz auf die Million genau das Angebot des Buwog-Mitbewerbers CA Immo nannte; sie weiß, dass diese Information der Immofinanz im Juni 2004 den Zuschlag brachte; und sie weiß auch, dass Walter Meischberger Karl-Heinz Grasser und Freundin nur zwei Monate zuvor einen Urlaub auf den Seychellen zahlte.

Und trotzdem wurde Karl-Heinz Grasser von der Justiz bis heute noch nicht einmal zu einem Gespräch geladen. „Es scheint, als stehe Grasser unter dem Schutzmantel höchster Instanzen“, mutmaßt die grüne Abgeordnete Gabriela Moser. Sie will nun von Justizministerin Claudia Bandion-Ortner wissen, warum Grasser „bis dato nicht einvernommen wurde“ und „wer dies verhindert hat“.

Freitag, 23. April 2010

Money & Politics

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Samstag, 17. April 2010

Genetik

Penninger: Die Sequenzierung des menschlichen Genoms hat 13 Jahre gedauert, 18 Länder waren beteiligt, zwei Milliarden Dollar hat sie gekostet. Im Vergleich: Heute kostet die Sequenzierung eines Genoms zwischen 20.000 und 30.000 Dollar, und in der nahen Zukunft soll es noch viel billiger werden. Es gab eine wahre Technologie-Explosion. Dadurch entstanden auch vollkommen neue Möglichkeiten für Grundlagenforschung und medizinisch-angewandte Forschung. Ich persönlich konnte das wirklich nicht absehen, was da auf uns zukommt.

Standard: Wissenschaftlich oder kommerziell?

Penninger: Kommerziell war es absehbar. Zum Beispiel hat Anfang der 1990er-Jahre das Lebenswerk eines Top-Genetikers darin bestanden, dass er 200.000 Sequenzen lesen konnte. Das kann eine Maschine heute in fünf bis zehn Sekunden. Das ist kommerziell gesehen ein ungeheurer Fortschritt. Auf der anderen Seite bringt uns die Möglichkeit, Genome zu vergleichen, auf eine neue Ebene der Wissenschaft.

Standard: Wie weit ist der Weg von einer wissenschaftlichen Erkenntnis bis zur Anwendung?

Penninger: Wir haben '99 den ersten genetischen Beweis für das Knochenschwund-Gen RANKL geliefert. Nun, elf Jahre später, wird ein darauf basierendes Medikament auf den Markt kommen - falls die Behörden es zulassen. Bei diesen Dingen kommt es immer auf die Erkrankung an. Man muss sich auf solide Erkenntnisse stützen - alles andere ist ein leerer Hype.

Standard: Wo entstehen Innovationen?

Penninger: Die großen Firmen sind sehr innovationsresistent. Die agieren meistens spät. Die wirklichen Innovationen kommen von kleinen Biotech-Unternehmen, die ein Risiko eingehen, und akademischen Gruppen. Deswegen ist die Förderung der Grundlagenforschung und kleiner Start-ups essenziell.

Standard: Jeder will der Erste sein. Können Sie offen mit Information sein, wenn Sie riskieren, dass diese an jemanden gerät, der zwar nicht die Idee, aber im Augenblick die bessere Technologie hat?

Penninger: Absolut. Der Grund ist einfach. Wenn man mit zehn Leuten redet und ihnen alles sagt, dann stehlen zwei davon die Idee. Aber die anderen acht sagen einem ihre Idee, die vielleicht besser ist. Da ist Altruismus sinnvoll. Jedes Mal, wenn ich zu anderen Forschern nett war und ich etwas von denen fünf Jahre später brauche, genügt eine E-Mail. Meiner Meinung nach bringt Ultra-Competetiveness, die von manchen Leuten auch in Wien gepflogen wird, überhaupt nichts. Wie beim Fußball. Wir spielen, so hart wir können, wir wollen alle gewinnen. Aber nachher setzen wir uns zusammen und trinken ein Bier.

Standard: Jede Woche wird irgendein neues Gen entschlüsselt. Hauskatze, Sojabohne etc. Wozu?

Penninger: Man lernt sehr viel, wenn man Genome vergleicht. Das ist erstens sehr spannend, und zweitens ist man erst dadurch in der Lage, die essenziellen evolutionären Fragen zu stellen. Woher kommen wir? Wie funktionieren unsere Moleküle? Man kann sogar Fragen stellen, wie etwa Sprache entstanden ist oder welche Gene Altern, Leben, oder Tod regulieren?

Standard: Was kann man von der Gentechnik erwarten? Kann sie etwa das Welternährungsproblem lösen?

Penninger: Man muss es sich seriös anschauen, was genetisch veränderte Pflanzen hier beitragen können. Wenn man Pflanzen machen kann, die mit sehr wenig Wasser auskommen und sehr viel Ertrag haben, da wird's natürlich interessant, auch um die Umwelt zu schützen. Oder man denke nur an die Möglichkeiten, dass genetisch veränderte Pflanzen wie etwa Algen die zukünftigen Treibstoffe für unsere Autos machen werden. Es geht um eine kritische Beurteilung. Grundsätzliche Ablehnung bringt sicher niemanden weiter.

Standard: Kann Genetik Krankheiten beseitigen und uns sehr gesund sehr alt werden lassen?

Penninger: Gentechnik hat uns erlaubt, viele Krankheitsgene zu entdecken. Es gibt auch bereits wunderbare neue Therapien, die auf Gentechnik basieren, etwa Insulin für Diabetiker, Epo bei Blutarmut, neue Therapien für Krebs, oder diese neue Therapie gegen Knochenschwund, eine Erkrankung, die hunderte Millionen Leute betrifft - und wo wir mit unserer RANKL-mutierten Maus den ersten genetischen Beweis für das Wirkprinzip geliefert haben. Wenn man alt und gesund werden will, dann braucht man auch gesunde Knochen, und dies könnte bald Wirklichkeit werden. Jedoch muss man auch dazusagen, dass die häufigsten Erkrankungen wie Krebs, Fettsucht, Herzerkrankungen oder Diabetes in den meisten Fällen nicht durch ein Gen erklärt werden können, sondern diese Erkrankungen oft als ein Pingpongspiel unserer Gene mit der Umwelt, etwa unserer Ernährung oder Rauchen, entstehen.

Standard: Sind Gentests, die Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten beziffern, aussagekräftig?

Penninger: Es gibt sehr gute Forschungsprojekte, die genetische "Landkarten" für Anfälligkeiten zu bestimmten Erkrankungen bei Menschen machen. Wie etwa in Island, wo man festgestellt hat, dass in manchen Familien, deren Stammbäume man hunderte Jahre zurückverfolgen kann, Herzerkrankungen oder Asthma vorliegen. Da kann man zwanzig, dreißig Gene bestimmen, die eine Anfälligkeit voraussagen.

Standard: Kann man durch die Wissenschaft der Genetik gesündere, schönere, intelligentere Kinder bekommen?

Penninger: Kinder macht man am besten zu zweit und überlässt das Ergebnis dem Zufall. Es gibt zum Beispiel Studien über den Faktor Körpergröße. Jeder weiß, dass, wenn große Eltern Kinder kriegen, diese auch groß werden. Es muss also in den Genen "liegen" . Die Er-gebnisse waren ernüchternd: Kör-pergröße muss von multiplen Gene reguliert werden. Die Komplexität, die ein genetisches Eingreifen bedeuten würde, wäre zum möglichen Resultat von einem Zentimeter plus völlig unverhältnismäßig. Wenn es dann um Dinge wie höhere Intelligenz oder Symmetrien von Körperpartien (Schönheit?) geht, steigt die Komplexität ins Unermessliche. Was wir in fünfzig Jahren können, ist aber natürlich nicht abschätzbar.

Standard: Hat die Entschlüsselung des menschlichen Genoms mehr Fragen beantwortet oder aufgeworfen?

Penninger: Biologie war eigentlich wie Astrophysik. Wir arbeiteten an fünf Prozent des Genoms - den sogenannten exprimierten oder Protein-codierenden Genen -, alles andere ist "dark matter" oder "Junk-DNA" . Jedoch sind die anderen 95 Prozent des Genoms auch höchst relevant, wie etwa MicroRNA oder sogenannte PiWi RNA. Dabei hat man etwa ein völlig neues Immunsystem entdeckt oder dass Springende Gene (Transposons) Entwicklung von Spezies regulieren könnten. Was in den letzten Jahren an genetischer Information bekannt geworden ist, versetzt uns in einen riesigen Ozean aus Möglichkeiten und völlig neuer Biologie. Wir schauen zurzeit nur auf die Oberfläche und zählen die Wellen. Es gibt unendlich viel zu entdecken, was es alles unter der Wasseroberfläche gibt. Was Physik für das 20. Jahrhundert war, ist moderne Genetik für das neue Jahrtausend.

Standard: Werden wir von Viren und Bakterien gesteuert?

Penninger: Ein Nobelpreisträger hat einmal als Bonmot gemeint, dass Viren und Bakterien uns lenken: Sie essen mit uns, brauchen sich um nicht viel kümmern und haben Sex erfunden, damit sie mal woanders hinkommen. Douglas Adams hatte also doch recht - nur die Spezies war wahrscheinlich die Falsche. (Bettina Stimeder/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 4. 2010)

Zur Person
Josef Penninger, geb. 1964 in Gurten/Oberösterreich. Studium der Medizin und Kunstgeschichte in Innsbruck. Promotion 1990. Von 1990 bis 1994 Postdoc am Ontario Cancer Institute, danach bis 2003 "Principal Investigator" für Amgen an der Uni Toronto. Seit 2003 ist er wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der ÖAW in Wien. Jüngste Entdeckung: Identifizierung des für Osteoporose verantwortlichen Gens.