Dienstag, 27. April 2010

Schröder

Gott ist immer menschenähnlich.

Der Mensch ist gar nicht in der Lage, sich etwas Göttliches vorzustellen, das nicht menschenähnlich ist. Anton Zeilinger hat einmal bei einer Podiumsdiskussion gesagt: „Gott spielt mit uns Verstecken.“ Ein Gott, der Verstecken spielt! Menschlicher und männlicher geht es ja kaum mehr! Platon hat einmal gesagt, würde man einen Esel fragen, wie Gott aussieht, dann würde er einem Esel gleichen. Die Unfähigkeit, dieses Etwas in einer nicht personifizierten Form darzustellen, führt für mich dazu, dass ich Götterbilder überhaupt ablehne. Ich finde es auch nicht gut, wenn man Kindern da etwas vormacht.



Als meine ältere Tochter vier war, hat sie ein Bilderbuch von Disneys „König der Löwen“ in die Hand bekommen. Da gibt es eine Seite, wo der alte Löwe auf einer Wolke sitzt, im Himmel sozusagen. Sie hat gemeint: Das will ich auch haben, wenn ich einmal sterbe. Da habe ich ihr eine Kinderbibel besorgt.

Ich glaube nicht, dass die Bibel die richtige Lektüre für Kinder ist: Die Arche Noah ist die Beschreibung eines Genozids! Das ist ja unglaublich grausam. Die Geschichte geht im Übrigen interessant weiter: Als Noah endlich gelandet ist, baut er Wein an. Er betrinkt sich und liegt dann entblößt im Zelt. In diesem Zustand findet ihn einer seiner drei Söhne – und erzählte es den anderen, die ihn dann zudecken. Und jetzt kommt das Wichtige: Als Noah aufwacht und erfährt, was dieser Sohn ihm „angetan“ hat, wird er zum Sklaven erklärt – und nicht nur er, sondern auch alle seine Nachkommen. Das ist genau das, was der Papst jetzt mit den Missbrauchsopfern auch macht: Betrunken und entblößt hat sich Noah. Aber der, der ihn dabei gesehen hat und es weitererzählt, wird bestraft. Das ist noch immer so! Täter-Opfer-Umkehrung. Da kann man doch nicht sagen, das sei ein tolles Buch, aus dem man einen Verhaltenskodex ableiten solle.

Viele Leute, auch Atheisten, meinen, die Bibel sei die Basis unserer Kultur.

Kultur ist für mich etwas anderes. Kultur bedeutet für mich, dass man zwar seine Triebe erkennt und auch versteht, warum sie vielleicht einmal evolutionär wichtig waren – aber dass man eine soziale Lebensform anstrebt und auf dem Weg dorthin gegen diese Triebe ankämpft. Die Angst vor Fremden zum Beispiel: Als mein Sohn zehn Monate alt war, sind wir auf einem Spaziergang einem Schwarzen begegnet – und er hat gebrüllt. Es war mir furchtbar peinlich, aber das ist eben in uns. Jetzt kann man das als evolutionäres Relikt verstehen und dagegen angehen – oder man kann die Ängste noch schüren, wie das die FPÖ macht. Und übrigens auch die Grünen, wenn sie vor den bösen fremden Genen warnen.



Ist es nicht etwas prinzipiell anderes, ob ich die Angst vor einem fremden Menschen schüre oder Angst vor einer neuen Technik?

Man soll keine Angst vor der Technik haben – man soll sie beherrschen lernen und sich fragen, ob sie sinnvoll ist oder nicht. Die Gentechnik ist nicht abzuwenden. Aus der Medizin ist sie nicht mehr wegzudenken. In Wirklichkeit ist sie fast überall akzeptiert: Tampons, Euroscheine – die bestehen aus gentechnisch veränderter Baumwolle. Die Falschinformationen werden bewusst politisch genützt – und daher rühren die Ängste. Es ist eben die Angst vor dem Fremden oder Unbekannten oder Neuen.



Es geht Ihnen also darum, dem überholten evolutionären Erbe so etwas wie Informationen entgegenzusetzen.

Es geht darum, Muster zu erkennen und aufzubrechen. Der Mensch neigt zum Beispiel dazu, kausale Verbindungen zwischen zwei Ereignissen herzustellen, die nur temporär verknüpft sind. Wie der pawlowsche Hund, der speichelt, sobald eine Glocke ertönt. Ein Arzt hat mir erzählt, dass Krebspatienten das, was sie am Beginn ihrer ersten Chemotherapie zu sich nehmen, nie wieder essen können. Der Körper merkt sich das. Auch wenn man weiß, dass die Nahrung nichts mit der Übelkeit zu tun hat! Das ist natürlich ein Extrem, aber es gibt viele solcher Muster. Auch die Angst vor Veränderungen kommt zum Teil daher. Die Menschen erinnern sich an einen Abschnitt ihres Lebens, der besonders glücklich war. Oft ist es die Kindheit.

Keine Kommentare: