In
diesem Buch geht es besonders um die Konstruktion des „Schwarzseins“ durch
den kolonialistischen Blick und die sozialen und psychischen Auswirkungen auf
die Farbigen. Der Ausgangspunkt sind Literaturanalysen und die eigene Erfahrung
als Farbiger in Martinique und in Frankreich. Fanon zeigt auf, daß die Rolle
und das Verhalten des „Negers“ durch die Diskurse der KolonialistInnen
erzeugt werden und sich auf die eigene Psyche und Selbsteinschätzung auswirken.
Er
untersucht die Rolle der Sprache für die Kolonisierung: das ist das als
minderwertig betrachtete Kreolische von Martinique, das eigentlich die
Muttersprache der Schwarzen und Farbigen ist und die Hochschätzung des Französischen.
Weiters ist es minderwertige Behandlung durch die Weißen in Frankreich, die mit
einem „Neger“ petit-nègre [i]
sprechen. Der Wunsch der
Kolonisierten ist die sprachliche Anpassung an das Französische, was aber
nichts an der geringen Wertschätzung durch die FranzösInnen ändert.
Ein
weiteres Element der Untersuchung ist die Beziehung zwischen Kolonisierten und
KolonisatorInnen. Die farbige Frau versucht
weißer zu werden, indem sie einen weißen Mann liebt, der sie trotz allem
verachtet. Für die „Mulattinnen“ kommt noch erschwerend hinzu, daß sie
nicht wieder ins Schwarzsein absinken wollen. Der farbige Mann beschäftigt
sich mit der Kultur der KolonisatorInnen, er projiziert sich in diesem
Zusammenhang sogar in die weiße Kultur. Er fühlt die Nicht-Anerkennung in
einem doppeltem Sinn, einerseits als schwarze Kulturlosigkeit, andererseits
bleibt er durch seine Hautfarbe nicht anerkannt, auch wenn er mit der weißen
Kultur perfekt, oft besser umgehen kann [ii].
Während
von weißen Theoretikern ein „angeborener“ Abhängigkeitskomplex festgestellt
wird, zeigt Fanon, daß dieser angebliche Wunsch nach Abhängigkeit aus realen
Unterdrückungserfahrungen kommt. Fanon analysiert die Träume von Madegassen,
die der Psychologe O. Mannoni beschreibt und „dekonstruiert“ damit die
kolonialistische Sichtweise von Mannoni. Daran anschließend beschreibt er die
Minderwertigkeit, die der „Neger“ in seinem eigenen Erleben erfährt. Das
bezieht sowohl die Verachtung und Unterdrückung durch die offenen RassistInnen
ein als auch die Nicht-Anerkennung, die der Kolonisierte durch den Paternalismus
der wohlmeinenden „Negerfreunde“ kennenlernt. In einer vorletzten Wendung
analysiert er die rassistische Angst der Weißen vor dem „Neger“. Er
vergleicht die Projektion mit den Unterschieden und Ähnlichkeiten mit dem
Antisemitismus. Der Neger ist (z.B. durch seine halluzinierte sexuelle Potenz)
das projizierte Biologische:
Der
Neger stellt die biologische Gefahr dar. Der Jude die intellektuelle Gefahr.
Wer
eine Negrophobie hat, hat Angst vor dem Biologischen. Denn der Neger ist nackte
Biologie. Es sind Tiere. Sie leben nackt. (SHWM S. 117)
Die
Erkenntnis, daß die Weißen, die KolonisatorInnen das Problem sind und genauso
krank wie die Kolonisierten, ist ein erster Schritt zur Befreiung. Die Antwort
des „Negers“ ist dann die Poesie Aimé Cesaires, das Hinabsteigen ins
Schwarzsein, um aus der Revolte wieder aufsteigen zu können. Sein Ziel ist die
Anerkennung. In einem kurzem Abschnitt bezieht sich Fanon auf Hegel, besonders
auf die Herr-Knecht-Dialektik: Anerkennung als Selbstbewußtsein kann nur durch
den Kampf erreicht werden und Fanon beklagt, daß der „Neger“ - Fanon
bezieht sich besonders auf die farbige Bevölkerung Martiniques - von den Weißen
„anerkannt“ wurde, ohne daß er [iii]
gekämpft hat. Da die
Anerkennung als Subjekt sowohl für die Person Fanon als auch für die Rezeption
eine große Rolle spielt, werde ich hier einen kurzen Exkurs über die Hegelsche
Herr-Knecht-Dialektik einfügen.
Selbständigkeit
und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft
(Hegel1986
S.145-155, vgl. auch Kojève1975)[iv]
Der
Mensch wird bei Hegel als Selbstbewußtsein gesehen. Als Person ist er nur Bewußtsein,
das sich als getrennt von seiner Umgebung erkennen kann. Dieses Bewußtsein ist
ein negatives Wesen, indem es sich als anderes als die Objekte sieht. Es ist Begierde,
indem es die Objekte, die Dinge vernichten oder verändern will. So wird eine
Substanz zu einem Ding geformt (aus dem Ton wird ein Nicht-Ton, ein Gefäß),
Essen wird durch den Genuß vernichtet. Dieses Bewußtsein kann in seiner
Begierde, in seinem negativem Verhältnis nur zu einem Selbstgefühl (fürsich)
kommen, zu einem Selbstbewußtsein wird es nur, wenn es durch eine andere
Begierde, ein anderes Selbstbewußtsein anerkannt wird. Die Begierde richtet
sich nicht auf etwas, was sowieso vorhanden ist, sondern auf etwas, was ein
anderes (Selbst)bewußtsein begehrt. Wenn die beiden Subjekte bis zur letzten
Konsequenz gehen, kommt es zum Kampf auf Leben und Tod.
Dieser Kampf alleine muß immer wieder zurückfallen, weil immer einer
der Kämpfer getötet wird und dadurch wieder kein anderes Selbstbewußtsein für
die Anerkennung bestehen bleibt. Steckt aber einer der beiden Kombattanten zurück,
hemmt seine Begierde, weil die Angst vor dem Tod größer ist als der Wunsch zu
leben, entstehen zwei Formen der Lebens: der Herr und der Knecht.
Der Knecht anerkennt den Herrn. Der Herr ist aber eine Sackgasse der Geschichte,
das unwesentliche, knechtische Bewußtsein wird von ihm immer wieder mit den
Dingen (der Natur) gleichgesetzt, erlangt also keine Befriedigung als Selbstbewußtsein,
weil der Herr den Knecht nicht als anderes Selbstbewußtsein sieht. Die gehemmte
Begierde des Knechtes befriedigt zwar die Begierde des Herrn, aber als
projiziertes Ding nicht (mehr) die Begierde der Herrn nach Anerkennung. Anders
der Knecht, er steht zwischen dem Herrn und den Dingen, die er bearbeitet, er
enthält beide Elemente, seinen gehemmten Wunsch danach, Herr zu sein und sein
Verhältnis zu den Dingen durch Arbeit. Der Knecht ist durch die Arbeit
das Vermittelnde zwischen dem herrischen Selbstbewußtsein und der Natur. Nur
der Knecht ist zu einer Weiterentwicklung fähig, weil er die Arbeit kennt und
dann auch Herr seiner selbst werden kann. Der Knecht muß Herr seiner eigenen
Arbeit werden. Unschwer ist darin das Bewußtsein der protestantischen
Arbeitsmoral, der bürgerlichen Revolution und der kapitalistischen Gesellschaft
zu erkennen. Ein Knecht, der Herr seiner Arbeit wird, wird Arbeiter und/oder
Unternehmer. Das im Menschen angelegte Konkurrenzdenken (der Kampf auf Leben und
Tod) wird durch die Arbeit auf eine nächste Stufe der Entwicklung gebracht. In
der marxistischen (u.a. der Kojèveschen) Interpretation kann der Zustand des
Selbstbewußtseins nur in der Revolution erreicht werden, indem der Knecht zum
Herrn wird und trotzdem nicht den Bezug zur Arbeit verliert.
Die
problematischen Elemente dieser Sichtweise sind die Unausweichlichkeit des
Kampfes auf Leben und Tod und die unbedingt positiv gesetzte Rolle der Arbeit.
Hegel sieht Kampf und Arbeit als anthropologische Konstanten. Und auch bei Fanon
entsteht das (männliche) Selbstbewußtsein im Kampf und in der Arbeit.
