Freitag, 26. Juli 2013

Schwarze Sklavenidentität

chwarze Haut, weiße Masken (1952):
In diesem Buch geht es besonders um die Konstruktion des „Schwarzseins“ durch den kolonialistischen Blick und die sozialen und psychischen Auswirkungen auf die Farbigen. Der Ausgangspunkt sind Literaturanalysen und die eigene Erfahrung als Farbiger in Martinique und in Frankreich. Fanon zeigt auf, daß die Rolle und das Verhalten des „Negers“ durch die Diskurse der KolonialistInnen erzeugt werden und sich auf die eigene Psyche und Selbsteinschätzung auswirken.
Er untersucht die Rolle der Sprache für die Kolonisierung: das ist das als minderwertig betrachtete Kreolische von Martinique, das eigentlich die Muttersprache der Schwarzen und Farbigen ist und die Hochschätzung des Französischen. Weiters ist es minderwertige Behandlung durch die Weißen in Frankreich, die mit einem „Neger“ petit-nègre [i]  sprechen. Der Wunsch der Kolonisierten ist die sprachliche Anpassung an das Französische, was aber nichts an der geringen Wertschätzung durch die FranzösInnen ändert.
Ein weiteres Element der Untersuchung ist die Beziehung zwischen Kolonisierten und KolonisatorInnen. Die farbige Frau  versucht weißer zu werden, indem sie einen weißen Mann liebt, der sie trotz allem verachtet. Für die „Mulattinnen“ kommt noch erschwerend hinzu, daß sie nicht wieder ins Schwarzsein absinken wollen. Der farbige Mann beschäftigt sich mit der Kultur der KolonisatorInnen, er projiziert sich in diesem Zusammenhang sogar in die weiße Kultur. Er fühlt die Nicht-Anerkennung in einem doppeltem Sinn, einerseits als schwarze Kulturlosigkeit, andererseits bleibt er durch seine Hautfarbe nicht anerkannt, auch wenn er mit der weißen Kultur perfekt, oft besser umgehen kann [ii].
Während von weißen Theoretikern ein „angeborener“ Abhängigkeitskomplex  festgestellt wird, zeigt Fanon, daß dieser angebliche Wunsch nach Abhängigkeit aus realen Unterdrückungserfahrungen kommt. Fanon analysiert die Träume von Madegassen, die der Psychologe O. Mannoni beschreibt und „dekonstruiert“ damit die kolonialistische Sichtweise von Mannoni. Daran anschließend beschreibt er die Minderwertigkeit, die der „Neger“ in seinem eigenen Erleben erfährt. Das bezieht sowohl die Verachtung und Unterdrückung durch die offenen RassistInnen ein als auch die Nicht-Anerkennung, die der Kolonisierte durch den Paternalismus der wohlmeinenden „Negerfreunde“ kennenlernt. In einer vorletzten Wendung analysiert er die rassistische Angst der Weißen vor dem „Neger“. Er vergleicht die Projektion mit den Unterschieden und Ähnlichkeiten mit dem Antisemitismus. Der Neger ist (z.B. durch seine halluzinierte sexuelle Potenz) das projizierte Biologische:
Der Neger stellt die biologische Gefahr dar. Der Jude die intellektuelle Gefahr.
Wer eine Negrophobie hat, hat Angst vor dem Biologischen. Denn der Neger ist nackte Biologie. Es sind Tiere. Sie leben nackt. (SHWM S. 117)
Die Erkenntnis, daß die Weißen, die KolonisatorInnen das Problem sind und genauso krank wie die Kolonisierten, ist ein erster Schritt zur Befreiung. Die Antwort des „Negers“ ist dann die Poesie Aimé Cesaires, das Hinabsteigen ins Schwarzsein, um aus der Revolte wieder aufsteigen zu können. Sein Ziel ist die Anerkennung. In einem kurzem Abschnitt bezieht sich Fanon auf Hegel, besonders auf die Herr-Knecht-Dialektik: Anerkennung als Selbstbewußtsein kann nur durch den Kampf erreicht werden und Fanon beklagt, daß der „Neger“ - Fanon bezieht sich besonders auf die farbige Bevölkerung Martiniques - von den Weißen „anerkannt“ wurde, ohne daß er  [iii]  gekämpft hat. Da die Anerkennung als Subjekt sowohl für die Person Fanon als auch für die Rezeption eine große Rolle spielt, werde ich hier einen kurzen Exkurs über die Hegelsche Herr-Knecht-Dialektik einfügen.  
Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft
(Hegel1986 S.145-155, vgl. auch Kojève1975)[iv]
Der Mensch wird bei Hegel als Selbstbewußtsein gesehen. Als Person ist er nur Bewußtsein, das sich als getrennt von seiner Umgebung erkennen kann. Dieses Bewußtsein ist ein negatives Wesen, indem es sich als anderes als die Objekte sieht. Es ist Begierde, indem es die Objekte, die Dinge vernichten oder verändern will. So wird eine Substanz zu einem Ding geformt (aus dem Ton wird ein Nicht-Ton, ein Gefäß), Essen wird durch den Genuß vernichtet. Dieses Bewußtsein kann in seiner Begierde, in seinem negativem Verhältnis nur zu einem Selbstgefühl (fürsich) kommen, zu einem Selbstbewußtsein wird es nur, wenn es durch eine andere Begierde, ein anderes Selbstbewußtsein anerkannt wird. Die Begierde richtet sich nicht auf etwas, was sowieso vorhanden ist, sondern auf etwas, was ein anderes (Selbst)bewußtsein begehrt. Wenn die beiden Subjekte bis zur letzten Konsequenz gehen, kommt es zum Kampf auf Leben und Tod.  
  Dieser Kampf alleine muß immer wieder zurückfallen, weil immer einer der Kämpfer getötet wird und dadurch wieder kein anderes Selbstbewußtsein für die Anerkennung bestehen bleibt. Steckt aber einer der beiden Kombattanten zurück, hemmt seine Begierde, weil die Angst vor dem Tod größer ist als der Wunsch zu leben, entstehen zwei Formen der Lebens: der Herr und der Knecht. Der Knecht anerkennt den Herrn. Der Herr ist aber eine Sackgasse der Geschichte, das unwesentliche, knechtische Bewußtsein wird von ihm immer wieder mit den Dingen (der Natur) gleichgesetzt, erlangt also keine Befriedigung als Selbstbewußtsein, weil der Herr den Knecht nicht als anderes Selbstbewußtsein sieht. Die gehemmte Begierde des Knechtes befriedigt zwar die Begierde des Herrn, aber als projiziertes Ding nicht (mehr) die Begierde der Herrn nach Anerkennung. Anders der Knecht, er steht zwischen dem Herrn und den Dingen, die er bearbeitet, er enthält beide Elemente, seinen gehemmten Wunsch danach, Herr zu sein und sein Verhältnis zu den Dingen durch Arbeit. Der Knecht ist durch die Arbeit das Vermittelnde zwischen dem herrischen Selbstbewußtsein und der Natur. Nur der Knecht ist zu einer Weiterentwicklung fähig, weil er die Arbeit kennt und dann auch Herr seiner selbst werden kann. Der Knecht muß Herr seiner eigenen Arbeit werden. Unschwer ist darin das Bewußtsein der protestantischen Arbeitsmoral, der bürgerlichen Revolution und der kapitalistischen Gesellschaft zu erkennen. Ein Knecht, der Herr seiner Arbeit wird, wird Arbeiter und/oder Unternehmer. Das im Menschen angelegte Konkurrenzdenken (der Kampf auf Leben und Tod) wird durch die Arbeit auf eine nächste Stufe der Entwicklung gebracht. In der marxistischen (u.a. der Kojèveschen) Interpretation kann der Zustand des Selbstbewußtseins nur in der Revolution erreicht werden, indem der Knecht zum Herrn wird und trotzdem nicht den Bezug zur Arbeit verliert. 
Die problematischen Elemente dieser Sichtweise sind die Unausweichlichkeit des Kampfes auf Leben und Tod und die unbedingt positiv gesetzte Rolle der Arbeit. Hegel sieht Kampf und Arbeit als anthropologische Konstanten. Und auch bei Fanon entsteht das (männliche) Selbstbewußtsein im Kampf und in der Arbeit.

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