Freitag, 2. August 2013

Rußland 1913

Profund wie knapp skizziert Ingold Gesellschaft und Politik des im Umbruch befindlichen 175-Millionen-Reiches des russischen Imperators, dessen Haus Romanow gerade den 300. Geburtstag feierte.

Der Fall Beilis

Der "russische Skandal" des Jahres 1913 ist der Fall Beilis. Im März 1911 war in Kiew ein Knabe namens Andrej Juschinskij ermordet worden. Unter dem Einfluss der "Schwarzhundertschaften", reaktionärster, dem Zaren nahe stehender Kreise, wurde das Verfahren gegen Mendel Beilis, den jüdischen Aufseher in einer Ziegelfabrik, in einen "Ritualmordprozess" verwandelt.

Mitglieder der sogenannten "Sekte" der Chassiden, der Beilis angeblich angehörte, hätten das Christenkind ermordet, weil sie dessen Blut für ihre Riten benötigten. Weltweite Proteste folgten und wurden unter anderem von Thomas Mann, H. G. Wells und Anatole France unterzeichnet. Der Gerechtigkeit halber sei hinzugefügt: auch die russische Intelligenzija trat lautstark gegen die obskurantistische Farce auf, und letztlich unterstützte selbst der Zar den Freispruch für Beilis.

Dies ist eine der unzähligen Mikroepisoden, die der Schweizer Slawist und Schriftsteller Felix Phillip Ingold in seiner monumentalen Studie "Der Große Bruch" erzählt, um die Atmosphäre Russlands im Epochenjahr 1913 lebendig werden zu lassen.

Wirtschaftlich im Aufschwung

Seit der niedergeschlagenen Revolution von 1905 war das größte Land der Welt, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent aus Bauern bestand, in Bewegung geraten: die politische Formel der Herrscher lautetet "Orthodoxie, Selbstherrschaft und Volkstum", aber es gab mit der Duma immerhin auch eine Art Parlament.

Auf der Tagesordnung standen Terroranschläge und Streiks. Dreieinhalb Millionen Menschen zogen 1913 als Kolonisten nach Sibirien und Mittelasien. Jossif Stalin, damals noch eher ein unbedeutendes Mitglied des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, protestierte lautstark, als im sibirischen Jakutsk zweihundert demonstrierende Goldwäscher von der Polizei erschossen wurden: "Nieder mit der Monarchie der Romanows! Es lebe die neue Revolution! Es lebe die demokratische Republik! Ruhm und Ehre den gefallenen Kämpfern!"

Gesamtwirtschaftlich gesehen war Russland im Aufschwung begriffen: Mit der Erdölproduktion in Baku befand es sich an weltweit zweiter Stelle; Russland als "Kornkammer Europas" war sprichwörtlich. Die fünftgrößte Industriemacht der Welt war dabei von technizistischen Phantasien und Utopien geradezu besessen.

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