Engel des Vergessens - Von Maja Haderlap
Maja Haderlaps autobiografischer Roman
beginnt in kleinen, wunderbaren Bilder und endet als verstörendes
Kriegsgemälde.
Maja Haderlaps 2011
erschienenes Romandebut ist ein besonderer Text. Einer, der als Buch der
kleinen, wunderbaren Bilder beginnt und als verstörendes Kriegsgemälde
endet. Die 1961 in Bad Eisenkappel geborene Autorin beschreibt Kindheit
und Jugend ihrer Protagonistin Kokica in einem Gebirgsdorf Kärntens
unmittelbar an der slowenischen Grenze. Hier wächst das Mädchen in den
1960er und 70er Jahren auf, hier lernt es die zerrissenen Weisheiten
ihrer Großmutter und die Trauer ihres Vaters Stück für Stück kennen.
Nur in brüchigen Teilen erfährt die junge Kokica die Geschichte ihrer
Familie, nur langsam schält sich aus den einzelnen, grandios
komponierten Erzähl-Miniaturen der Hintergrund heraus: Die Familie
gehört zur slowenischen Minderheit Österreichs, die Großmutter wurde im
KZ Ravensbrück interniert, der Vater als Zwölfjähriger von den Nazis mit
Schein-Exekutionen gefoltert – als jüngstes Mitglied schloss er sich
den Partisanen an.
Zeigen die ersten Szenen des Romans noch ein naturnahes Bergidyll –
frisch gebackenes Brot, selbst geschleuderter Honig, blühende Natur –,
verändert das wachsende Bewusstsein des Mädchens auch seine Wahrnehmung.
Die Bienen beginnen zu stechen, der Wald wird nicht mehr nur ein Ort
zum Pilze sammeln und Jagen, sondern zu einem, an dessen Bäumen im
Zweiten Weltkrieg Menschen erhängt und in dessen Dickicht sich die
Partisanen des Widerstandes versteckt haben. Kokica ertrinkt fast in
einem Weiher, der Todeshauch führt dazu, dass ihre Großmutter mehr von
ihrem Leben im Lager erzählt – der Schmerz älterer Generationen
verändert auch Kokicas Gegenwart.
Johanna Rachinger: Die Generaldirektorin der
Nationalbibliothek beschreibt die besten 100 Bücher der letzten 100
Jahre.
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Foto: Kurier
Maja Haderlap schreibt "Engel des Vergessens" in der Gegenwart und
nutzt die Ich-Perspektive. Aber der in den Buchseiten versteckte Blick
ist nie nur der eines jungen Mädchens – stets blitzt die erwachsene und
reflektierte Frau der Gegenwart hervor. Bis in das Jahr 1991 begleiten
wir Kokica, die in Klagenfurt ein Internat besuchen und schließlich in
Wien Theaterwissenschaften studieren wird – auch die Autorin arbeitete
erfolgreich als Dramaturgin. Maja Haderlap gewann mit einem Auszug von
"Engel des Vergessens" im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis – sie
habe den slowenischen Opfern eine Stimme gegeben, heißt es ausdrücklich
in der Laudatio. Und diese Stimme ist wahrlich kreativ und stark. Wie
nebenbei lässt die in Klagenfurt lebende Autorin außerdem die
verschiedensten Literaturgattungen hinter sich: Heimat-, Familien- und
Bildungsroman werden jeweils aufgegriffen, ein Stück weit genutzt und
wieder hinter sich gelassen – der Text ist auch ein stilistisch vielfach
gebrochener.
Haderlap schrieb ihren autobiografischen Roman auf Deutsch. Bis dahin
veröffentlichte sie eindringliche, stets auf Slowenisch verfasste
Lyrik. Die Bilder und Geschichten dagegen, die in "Engel des Vergessens"
verarbeitet werden, hätten sie Zeit ihres Lebens begleitet, erklärt
Haderlap in einem Interview. Der Text sei lange gereift und nicht in
ihrer Muttersprache geschrieben, "weil mir in dem Fall die deutsche
Sprache geholfen hat, Distanz zum Thema zu halten." Und dieses Thema ist
so wichtig wie überfällig, wurde das Schicksal der Slowenen während der
Nazizeit doch lange tabuisiert oder zumindest ignoriert.
Ja, Maja Haderlap hat eine starke Stimme. Eine zu gleichen Teilen
literarische wie politische, eine Stimme, die durch "Engel des
Vergessens" zu den wichtigsten unserer Literaturlandschaft gehört.
Die Protagonistin Maria Beerenberger, Ende vierzig, verliert als
älteste Verkäuferin eines Modeladens ihren Job und sieht sich der
erbarmungslosen Wirklichkeit des Arbeitsmarktes ausgeliefert. Aber nicht
die Kündigung, sondern die Streichung des Arbeitslosengeldes der
fortdauernd beschäftigungslosen Maria markiert den Beginn des Romans,
für den Anna Weidenholzer eine besondere Erzählform gefunden hat, denn
die Biografie der Protagonistin wird rückwärts erzählt.
Kapitelweise erfährt der Leser so mehr von dem Leben der Hauptfigur, das
sich Schritt für Schritt zu einem Gesamtbild fügt - Maria als Witwe,
Maria als Ehefrau, als Schwester oder zum ersten Mal verliebt. Wie die
1984 in Linz geborene Autorin zu dieser literarischen Form gefunden hat,
erzählt sie im Interview:
"Ich hab für das Buch mit arbeitslosen Frauen gesprochen und es war
jedes Mal dieselbe Ausgangssituation. Ich hab mich mit einer Frau
getroffen, von der ich gewusst habe, sie ist arbeitslos, wie sie heißt,
vielleicht noch, als was sie gearbeitet hat, und sonst nichts. Und man
trifft sich dann und spricht und das waren dann immer so kleine Mosaike,
die am Schluss ein Ganzes zusammengesetzt haben und am Ende war's dann
immer ein anderes Bild von dieser Person und nicht nur dieses Bild von
der arbeitslosen Frau, sondern weit mehr."
Ausgestoßen
Diese Gesprächssituation nachzeichnend, beschreibt Weidenholzer die
alltägliche Geschichte einer schlichten Frau im kleinstädtischen Milieu,
die nun durch den Verlust des Arbeitsplatzes zur gesellschaftlichen
Außenseiterin und als Sozialschmarotzerin gebrandmarkt wird. Aufgrund
ihres Alters ist sie auf dem Arbeitsmarkt so gut wie wertlos. Die
zynischen Floskeln von AMS-Trainern rufen in Maria Schuld und Scham
hervor.
Zitat
"Ab fünfundvierzig wird es zunehmend schwierig, warum sollte sich
ein Arbeitgeber für Sie entscheiden, wenn hinter Ihnen eine ganze Reihe
junger attraktiver Verkäuferinnen steht. Warum, Frau Beerenberger.
Überlegen Sie sich Argumente, Sie müssen überzeugend auftreten. Es gibt
nur wenige Stellen, man muss ein Bewerbungsprofi sein, damit einen die
Personalberater nicht am linken Fuß erwischen."
Einsam
An den Rand der Gesellschaft gedrängt, verliert Maria nach und nach
ihre sozialen Kontakte. Am liebsten schlägt sie ihre leeren Stunden auf
einer Bank am Kirchplatz tot, dazwischen hagelt es Bewerbungsabsagen.
Bald wird klar, dass die Protagonistin weit mehr als nur ihre Arbeit
verloren hat.
"Es ist ja oft die erste Frage, wenn man jemanden kennenlernt: Was
arbeitest du? Und ich glaube, dass das sehr entscheidend ist im Leben,
was man wo arbeitet", meint Anna Weidenholzer. "Und wenn man dann diesen
Arbeitsplatz verliert, dass man nicht nur sein soziales Umfeld
verliert, sondern auch ein Stück Identität und Tagesstruktur.
Um der Leere entgegenzuwirken, entwirft die Protagonistin Tagespläne, in
denen sie ihre Stunden mit Tätigkeiten füllt. Und Maria setzt sich ein
Ziel: Sie will eine Kaulquappe, der sie den Namen Otto gibt, aufziehen
und, bis diese ein Frosch ist, wieder Arbeit gefunden haben. Doch der
Leser hat schon zuvor von Ottos Tod erfahren und kennt daher die
Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens.
Gescheitert
"Ja, es ist einer dieser Versuche von Maria", so Weidenholzer. "Auch
mit den Selbstoptimierungsbüchern in diese Richtung. Sie verfällt ja
auch immer mehr in dieses Selbstoptimierungsdenken und da spielt Otto
halt auch diese Rolle, dass man sich Ziele setzen soll, das ist einer
dieser klassischen Ratgebersätze und Maria scheitert immer mehr an
diesen Zielen oder an diesen Ratgebersätzen. Das Blöde ist, wenn sie
daran scheitert, dass es immer auf sie zurückfällt und sie dann die
Schuld trägt oder sich selbst die Schuld gibt. Das ist auch das Schlimme
an der Selbstoptimierungsliteratur."
Solche Szenen sind durchdrungen von Traurigkeit, der dumpfen Ahnung von
der Unfreiheit des Menschen, gleichzeitig aber wird die Schwere des
Stoffes durch die ihm anhaftende Skurrilität konterkariert. Mit einer
Sprache, die so einfach wie das Gemüt der Protagonistin ist, gelingt es
der Autorin, ihre Geschichte einfühlsam und ohne Arroganz zu erzählen.
Nur folgerichtig scheint es, dass Weidenholzer ihre Heldin letztendlich
nicht aufgibt, sondern auf das Prinzip Hoffnung setzt:
"Mir war's auch wichtig, dass auch die Arbeitslosigkeit nicht das Ende
von dem Buch ist, also dass es nicht der Schlusspunkt ist. Ich glaube,
dass Hoffnung da ist zum einen dadurch, dass es ja mit dem Ende beginnt.
Und ich glaube solange Maria da ist, ist immer irgendwo Hoffnung da,
und Marias Hoffnung wäre vielleicht, dass wer kommt und ihr zuhört und
dass sie vor allem ernst genommen wird und das ist diese Hoffnung, die
Maria noch hat."
Anna Weidenholzer hat den Verlierern der Leistungsgesellschaft zugehört -
und noch mehr: Sie hat ihnen eine authentische Stimme gegeben.
"Vielleicht habe ich zu viel über Würde gelesen, um ernsthaft über
österreichische Politik reden zu können" schreibt Armin Thurnher unter
anderem in seinem Buch "Republik ohne Würde". Auf 300 Seiten folgen
Fakten, Reflexionen und auch persönliche Betroffenheiten rasend schnell
aufeinander: Wenn es zum Beispiel einmal nicht um Politik geht, sondern
nur um das Achselzucken eines Beamten, der damit die Betroffenheit des
Autors über den Diebstahl seines Laptops kommentiert. Auch das ist einer
der Augenblicke in dem die Würde eines Menschen beschädigt wird, nicht
nur zum Beispiel bei der Abschiebung von Minderjährigen in noch tiefere
Ungewissheit.
Rainer Rosenberg spricht mit Falter Herausgeber Armin Thurnher über sein
Buch, das Rezensenten als "Abrechnung mit Österreich" und als "
sarkastische Sammelklage gegen die Verkommenheit von Wählern und
Gewählten" beschrieben haben.
Tripolar effective hedonist,
I. Vöcklabruck "Migrants Welcome Service"(Language drill,Cross-cultural musical improvisation,Word-, EXCEL-, Web-classes;
Unsecured Microcredits;
Joint joggings);
II: "So viel Sprachen du sprichst, so oft mal bist du Mensch" (E. Seidenbusch)
III: "Fiddle on the Roof and elsewhere"
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