Freitag, 4. Oktober 2013

Haderlap

Engel des Vergessens - Von Maja Haderlap Maja Haderlaps autobiografischer Roman beginnt in kleinen, wunderbaren Bilder und endet als verstörendes Kriegsgemälde.





Maja Haderlaps 2011 erschienenes Romandebut ist ein besonderer Text. Einer, der als Buch der kleinen, wunderbaren Bilder beginnt und als verstörendes Kriegsgemälde endet. Die 1961 in Bad Eisenkappel geborene Autorin beschreibt Kindheit und Jugend ihrer Protagonistin Kokica in einem Gebirgsdorf Kärntens unmittelbar an der slowenischen Grenze. Hier wächst das Mädchen in den 1960er und 70er Jahren auf, hier lernt es die zerrissenen Weisheiten ihrer Großmutter und die Trauer ihres Vaters Stück für Stück kennen.
Nur in brüchigen Teilen erfährt die junge Kokica die Geschichte ihrer Familie, nur langsam schält sich aus den einzelnen, grandios komponierten Erzähl-Miniaturen der Hintergrund heraus: Die Familie gehört zur slowenischen Minderheit Österreichs, die Großmutter wurde im KZ Ravensbrück interniert, der Vater als Zwölfjähriger von den Nazis mit Schein-Exekutionen gefoltert – als jüngstes Mitglied schloss er sich den Partisanen an.
Zeigen die ersten Szenen des Romans noch ein naturnahes Bergidyll – frisch gebackenes Brot, selbst geschleuderter Honig, blühende Natur –, verändert das wachsende Bewusstsein des Mädchens auch seine Wahrnehmung. Die Bienen beginnen zu stechen, der Wald wird nicht mehr nur ein Ort zum Pilze sammeln und Jagen, sondern zu einem, an dessen Bäumen im Zweiten Weltkrieg Menschen erhängt und in dessen Dickicht sich die Partisanen des Widerstandes versteckt haben. Kokica ertrinkt fast in einem Weiher, der Todeshauch führt dazu, dass ihre Großmutter mehr von ihrem Leben im Lager erzählt – der Schmerz älterer Generationen verändert auch Kokicas Gegenwart.
Kurier
Johanna Rachinger: Die Generaldirektorin der Nationalbibliothek beschreibt die besten 100 Bücher der letzten 100 Jahre. - Foto: Kurier
Maja Haderlap schreibt "Engel des Vergessens" in der Gegenwart und nutzt die Ich-Perspektive. Aber der in den Buchseiten versteckte Blick ist nie nur der eines jungen Mädchens – stets blitzt die erwachsene und reflektierte Frau der Gegenwart hervor. Bis in das Jahr 1991 begleiten wir Kokica, die in Klagenfurt ein Internat besuchen und schließlich in Wien Theaterwissenschaften studieren wird – auch die Autorin arbeitete erfolgreich als Dramaturgin. Maja Haderlap gewann mit einem Auszug von "Engel des Vergessens" im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis – sie habe den slowenischen Opfern eine Stimme gegeben, heißt es ausdrücklich in der Laudatio. Und diese Stimme ist wahrlich kreativ und stark. Wie nebenbei lässt die in Klagenfurt lebende Autorin außerdem die verschiedensten Literaturgattungen hinter sich: Heimat-, Familien- und Bildungsroman werden jeweils aufgegriffen, ein Stück weit genutzt und wieder hinter sich gelassen – der Text ist auch ein stilistisch vielfach gebrochener.
Haderlap schrieb ihren autobiografischen Roman auf Deutsch. Bis dahin veröffentlichte sie eindringliche, stets auf Slowenisch verfasste Lyrik. Die Bilder und Geschichten dagegen, die in "Engel des Vergessens" verarbeitet werden, hätten sie Zeit ihres Lebens begleitet, erklärt Haderlap in einem Interview. Der Text sei lange gereift und nicht in ihrer Muttersprache geschrieben, "weil mir in dem Fall die deutsche Sprache geholfen hat, Distanz zum Thema zu halten." Und dieses Thema ist so wichtig wie überfällig, wurde das Schicksal der Slowenen während der Nazizeit doch lange tabuisiert oder zumindest ignoriert.
Ja, Maja Haderlap hat eine starke Stimme. Eine zu gleichen Teilen literarische wie politische, eine Stimme, die durch "Engel des Vergessens" zu den wichtigsten unserer Literaturlandschaft gehört.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Der Winter tut den Fischen gut

Der Winter tut den Fischen gut

Debütroman von Anna Weidenholzer

Arbeitslos

Die Protagonistin Maria Beerenberger, Ende vierzig, verliert als älteste Verkäuferin eines Modeladens ihren Job und sieht sich der erbarmungslosen Wirklichkeit des Arbeitsmarktes ausgeliefert. Aber nicht die Kündigung, sondern die Streichung des Arbeitslosengeldes der fortdauernd beschäftigungslosen Maria markiert den Beginn des Romans, für den Anna Weidenholzer eine besondere Erzählform gefunden hat, denn die Biografie der Protagonistin wird rückwärts erzählt.

Kapitelweise erfährt der Leser so mehr von dem Leben der Hauptfigur, das sich Schritt für Schritt zu einem Gesamtbild fügt - Maria als Witwe, Maria als Ehefrau, als Schwester oder zum ersten Mal verliebt. Wie die 1984 in Linz geborene Autorin zu dieser literarischen Form gefunden hat, erzählt sie im Interview:

"Ich hab für das Buch mit arbeitslosen Frauen gesprochen und es war jedes Mal dieselbe Ausgangssituation. Ich hab mich mit einer Frau getroffen, von der ich gewusst habe, sie ist arbeitslos, wie sie heißt, vielleicht noch, als was sie gearbeitet hat, und sonst nichts. Und man trifft sich dann und spricht und das waren dann immer so kleine Mosaike, die am Schluss ein Ganzes zusammengesetzt haben und am Ende war's dann immer ein anderes Bild von dieser Person und nicht nur dieses Bild von der arbeitslosen Frau, sondern weit mehr."

Ausgestoßen

Diese Gesprächssituation nachzeichnend, beschreibt Weidenholzer die alltägliche Geschichte einer schlichten Frau im kleinstädtischen Milieu, die nun durch den Verlust des Arbeitsplatzes zur gesellschaftlichen Außenseiterin und als Sozialschmarotzerin gebrandmarkt wird. Aufgrund ihres Alters ist sie auf dem Arbeitsmarkt so gut wie wertlos. Die zynischen Floskeln von AMS-Trainern rufen in Maria Schuld und Scham hervor.

Zitat

"Ab fünfundvierzig wird es zunehmend schwierig, warum sollte sich ein Arbeitgeber für Sie entscheiden, wenn hinter Ihnen eine ganze Reihe junger attraktiver Verkäuferinnen steht. Warum, Frau Beerenberger. Überlegen Sie sich Argumente, Sie müssen überzeugend auftreten. Es gibt nur wenige Stellen, man muss ein Bewerbungsprofi sein, damit einen die Personalberater nicht am linken Fuß erwischen."

Einsam

An den Rand der Gesellschaft gedrängt, verliert Maria nach und nach ihre sozialen Kontakte. Am liebsten schlägt sie ihre leeren Stunden auf einer Bank am Kirchplatz tot, dazwischen hagelt es Bewerbungsabsagen. Bald wird klar, dass die Protagonistin weit mehr als nur ihre Arbeit verloren hat.

"Es ist ja oft die erste Frage, wenn man jemanden kennenlernt: Was arbeitest du? Und ich glaube, dass das sehr entscheidend ist im Leben, was man wo arbeitet", meint Anna Weidenholzer. "Und wenn man dann diesen Arbeitsplatz verliert, dass man nicht nur sein soziales Umfeld verliert, sondern auch ein Stück Identität und Tagesstruktur.

Um der Leere entgegenzuwirken, entwirft die Protagonistin Tagespläne, in denen sie ihre Stunden mit Tätigkeiten füllt. Und Maria setzt sich ein Ziel: Sie will eine Kaulquappe, der sie den Namen Otto gibt, aufziehen und, bis diese ein Frosch ist, wieder Arbeit gefunden haben. Doch der Leser hat schon zuvor von Ottos Tod erfahren und kennt daher die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens.

Gescheitert

"Ja, es ist einer dieser Versuche von Maria", so Weidenholzer. "Auch mit den Selbstoptimierungsbüchern in diese Richtung. Sie verfällt ja auch immer mehr in dieses Selbstoptimierungsdenken und da spielt Otto halt auch diese Rolle, dass man sich Ziele setzen soll, das ist einer dieser klassischen Ratgebersätze und Maria scheitert immer mehr an diesen Zielen oder an diesen Ratgebersätzen. Das Blöde ist, wenn sie daran scheitert, dass es immer auf sie zurückfällt und sie dann die Schuld trägt oder sich selbst die Schuld gibt. Das ist auch das Schlimme an der Selbstoptimierungsliteratur."

Solche Szenen sind durchdrungen von Traurigkeit, der dumpfen Ahnung von der Unfreiheit des Menschen, gleichzeitig aber wird die Schwere des Stoffes durch die ihm anhaftende Skurrilität konterkariert. Mit einer Sprache, die so einfach wie das Gemüt der Protagonistin ist, gelingt es der Autorin, ihre Geschichte einfühlsam und ohne Arroganz zu erzählen. Nur folgerichtig scheint es, dass Weidenholzer ihre Heldin letztendlich nicht aufgibt, sondern auf das Prinzip Hoffnung setzt:

"Mir war's auch wichtig, dass auch die Arbeitslosigkeit nicht das Ende von dem Buch ist, also dass es nicht der Schlusspunkt ist. Ich glaube, dass Hoffnung da ist zum einen dadurch, dass es ja mit dem Ende beginnt. Und ich glaube solange Maria da ist, ist immer irgendwo Hoffnung da, und Marias Hoffnung wäre vielleicht, dass wer kommt und ihr zuhört und dass sie vor allem ernst genommen wird und das ist diese Hoffnung, die Maria noch hat."

Anna Weidenholzer hat den Verlierern der Leistungsgesellschaft zugehört - und noch mehr: Sie hat ihnen eine authentische Stimme gegeben.

Republik ohne Würde

"Vielleicht habe ich zu viel über Würde gelesen, um ernsthaft über österreichische Politik reden zu können" schreibt Armin Thurnher unter anderem in seinem Buch "Republik ohne Würde". Auf 300 Seiten folgen Fakten, Reflexionen und auch persönliche Betroffenheiten rasend schnell aufeinander: Wenn es zum Beispiel einmal nicht um Politik geht, sondern nur um das Achselzucken eines Beamten, der damit die Betroffenheit des Autors über den Diebstahl seines Laptops kommentiert. Auch das ist einer der Augenblicke in dem die Würde eines Menschen beschädigt wird, nicht nur zum Beispiel bei der Abschiebung von Minderjährigen in noch tiefere Ungewissheit.

Rainer Rosenberg spricht mit Falter Herausgeber Armin Thurnher über sein Buch, das Rezensenten als "Abrechnung mit Österreich" und als " sarkastische Sammelklage gegen die Verkommenheit von Wählern und Gewählten" beschrieben haben.