Wem gehört die Zukunft?
Daten im Internet
Ein Buch auf Papier über das
Internet, geschrieben vom Erfinder der virtuellen Realität, das wirkt
auf den ersten Blick paradox. Aber Jaron Laniers Text ist schon ganz
richtig gelandet in dieser Form, denn er richtet sich an uns.
"Wem gehört die Zukunft?" hat Lanier 2013 geschrieben, allerdings
bevor Edward Snowden die Zusammenarbeit zwischen den großen Serverfirmen
und dem amerikanischen Geheimdienst enthüllte. Umso drängender ist nun
Laniers Frage: "Wem gehört die Zukunft?"Ausspioniert!
Ja, er habe maßgeblich daran mitgewirkt, die Internet-Strukturen aufzubauen, die heute bestehen, und die seines Erachtens gerade dabei seien zu entgleisen, gesteht Jaron Lanier in seinem Buch "Wem gehört die Zukunft?" - eine Entgleisung mit schlimmen Folgen für Leben und Auskommen der Menschen.Zitat
Gängige digitale Konzepte behandeln Menschen nicht als etwas
Besonderes. Wir werden vielmehr als kleine Rädchen in einer gigantischen
Informationsmaschine betrachtet. Dabei sind wir die einzigen
Lieferanten der Informationen und gleichzeitig ihr Bestimmungsort. Das
heißt, wir geben der Maschine überhaupt erst ihren Sinn.
Mit den eigenen Waffen schlagen
Zitat
In einer Welt der digitalen Würde wäre jeder einzelne Mensch der
kommerzielle Eigentümer aller seiner Daten, die sich aus seiner
Situation oder seinem Verhalten ermitteln lassen.
Bislang waren die meisten Menschen, die sich von ihrer Arbeit ernähren konnten, auf lokaler Ebene erfolgreich, erklärt Lanier: Ein Bäcker hatte die knackigsten Brötchen, ein Bankberater kannte seine Kunden und wusste, welcher davon seinen Kredit zurückzahlen würde, ein Buchhändler bot seiner Kundschaft nebenbei auch Gesprächskreise über neue Bücher an. Die großen Server wilderten genau auf dieser lokalen Ebene und vernichteten die Existenz der Mittelschicht, schreibt Lanier. Das Argument der großen Anbieter sei: Wir sind billiger, effizienter und wir sind gut, denn das Netz steht für Freiheit und Emanzipation.
Null Verantwortung
Lanier, der unter anderem als Berater der Firma Microsoft arbeitet, hält das für Heuchelei. Er weist darauf hin, dass Online-Imperien auch deshalb so rasant wachsen, weil sie keine Verantwortung für das übernehmen, was sich auf ihren Plattformen abspielt. Der Zimmermakler Airbnb haftet nicht, wenn ein Gast die Wohnung seines Gastgebers zerstört.Zitat
Im Grunde wurde ein globaler Risikopool geschaffen, bei dem alle für
das Risiko aufkommen müssen, doch der Server, der im Pool die Erfolge
herausfiltert, befindet sich in Privatbesitz. Die Gewinne werden
privatisiert, die Risiken sozialisiert. Das Erfolgsmuster der vernetzten
Finanzwelt.
Mehr Überblick
Das Buch "Wem gehört die Zukunft" von Jaron Lanier ist so wichtig wie das nur wenige Sachbücher von sich behaupten können, denn im Moment eines großen Wandels verstehen die wenigsten, was eigentlich vor sich geht. Jaron Lanier nutzt seinen weiten Horizont - er ist Erfinder, Informatiker, Musiker - um uns ein wenig mehr Überblick zu verschaffen.Nun ist das Buch keine leichte Lektüre. Außerdem strotzt es vor Wiederholungen, was daran liegen mag, dass es eine Ansammlung von Reden und Referaten ist, in denen Lanier sein Thema immer wieder von vorne durchdeklinieren musste. Ein kompetentes Lektorat wäre da hilfreich gewesen. Trotzdem: Jaron Lanier, der bekennende Netzeuphoriker, der Außenseiter unter den Denkern in Silicon Valley, tut etwas Wichtiges: Er fragt nach den gesellschaftlichen Kosten des technologischen Fortschritts. Wer gewinnt, womit und wer verliert? Welches Menschenbild haben die Chefs der großen Server-Firmen? Was treibt sie an? Wieso kooperieren Politik und Netz-Wirtschaft in den USA so harmonisch?
Von den alten Griechen haben wir gelernt, die Welt zu analysieren und zu diskutieren. Und es gibt wirklich keinen Grund, ausgerechnet jetzt damit aufzuhören.
Gestaltung:
Brigitte Neumann
·
28.02.2014
Service
Jaron Lanier, "Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde
der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt", aus dem amerikanischen
Englisch von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer, Hoffmann und Campe

5 Kommentare:
https://de.wikipedia.org/wiki/Cambridge_Analytica
https://www.youtube.com/watch?v=2hEZ0SROprY
https://netzpolitik.org/2018/cambridge-analytica-was-wir-ueber-das-groesste-datenleck-in-der-geschichte-von-facebook-wissen/
https://netzpolitik.org/2018/whistleblower-ueberwachungskonzern-palantir-hat-cambridge-analytica-bei-illegalen-methoden-geholfen/
https://www.youtube.com/watch?v=JN6H4rQvwgY
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