Donnerstag, 27. Mai 2010
Korea
Er erkennt die tiefe Diskretion, mit der die koreanische Macht, repräsentiert durch die überdimensionale Führerfigur, sich selbst und ihr Land den Besuchern vor Augen führt. Sie leugnet das alte Geheimnis und vertieft es dadurch. In einem lückenlosen Leitungssystem, vom Autor als "Delegationismus" bezeichnet, steuert sie die Wahrnehmungen der Gäste; Delegationismus als höchste und zugleich nicht als solche verstandene Form der Kommunikationsverweigerung gegenüber dem Ausländer. Das Land schrumpft zum Text, dem Text der koreanischen Macht; die Reise wird zur Lektüre, Zweifel zur Dummheit. Indem die Macht die Universalgeltung von Dschutsche postuliert, leugnet und schafft sie zugleich Distanz und entwirft ein widerspruchsfreies, weil abstraktes Gebilde einer "besseren Welt", deren Kriterien nirgends und durch niemanden - außer durch die Macht selber - überprüfbar sind. In schlaflosen Nächten fällt den Reisenden seine linksmissionarische Vergangenheit an. Auch Korea erscheint als das Modell einer Gesellschaft, die sich durch sich selbst rechtfertigt, ein geschlossenes System, legitimiert durch zahllose Zirkelschlüsse und Leerformeln; Korea ist überall dort, wo Glück versprochen wird, und die Abwesendheit von Schmerz, und die Befreiung von jeglichem Zweifel. In Pjöngjang oder anderswo liegt das Ende der Illusion vom schöneren Leben, das die Enttäuschten das Kapitalismus in der "Dritten Welt" zu finden hofften.
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