Donnerstag, 27. Mai 2010

Rifkin

Rifkin versteht es meisterhaft, Begriffe fortzuschreiben, auch wenn es keinen Sinnzusammenhang mehr gibt. Die "dritte industrielle Revolution" etwa soll vor allem die erneuerbare Energieerzeugung durchsetzen und dezentralisierte Versorgungskonzepte entwickeln. Aber wo bleibt da die Industrie? Rifkin redet doch allein über veränderte Distribution und Speicherung von Energie. Wir können uns also über ein neues Handels- oder Lagerungsmodell unterhalten, aber doch nicht etwas, das gar keine neuen Produkte oder Herstellungsverfahren beinhaltet, als industrielle Revolution bezeichnen.
Apokalyptik und Trost

Es ist gewiss nicht einfach, zehn Jahre nach "Access" und sechs nach "Der europäische Traum" noch einmal alles von vorne aufzurollen. Rifkin macht es dennoch, um dann am Schluss zielsicher die alten Thesen noch einmal hervorzuholen und in die Begrifflichkeit des neuen empathischen Modells zu übersetzen. Immerhin ist konsequent, dass er seine eigenen Modelle nicht ganz über Bord wirft. Aber ohne jede Berücksichtigung der ständig zunehmenden Debatten über Internet und Urheberschutz noch einmal das Prinzip des freien Zugangs als segensreichen Weg in die Gesellschaft der Zukunft zu preisen oder Europa als Heimat von Kindern, die unbeschwert von Armut aufwachsen können, das wirkt geradezu altbacken.

Und das beruhigt. Deshalb wird das Buch seine Leser finden: Weil bei aller Apokalyptik, die in den Passagen zum Klimawandel zu finden sind, doch die tröstliche Botschaft bleibt, dass wir alles noch selbst in der Hand haben, wenn wir nur unser anthropologisch bedingtes Mitgefühl triumphieren lassen. Warum es so oft in der Menschheitsgeschichte unterdrückt werden konnte, erzählt Rifkin nicht. Bezeichnend, dass er denn auch keine Gegner ausmacht, sondern nur Vorläufer, von China bis Neandertal. Seid nett zueinander - das darf doch nicht das letzte Wort sein.

Jeremy Rifkin: „Die empathische Zivilisation“. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Waltraud Göring und Xenia Osthelder. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010. 468 S., geb., 26,90 €.

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