Träger des politischen Fortschritts seit 2000 sind in vielen Fällen die, die den Folterkellern und der Verfolgung der 1970er und 1980er Jahre entkamen: Michele Bachelet in Chile, Dilma Rousseff und Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien, Néstor und Cristina Kirchner in Argentinien, José Mujica in Uruguay. Sie alle gehörten zum Kreis oder Umkreis der Verfolgten oder Verfemten. Ihre politische Renaissance, ihre auf Versöhnung ausgerichteten und in Rechtsstaatlichkeit wurzelnden Präsidentschaften wirken angesichts der blutigen Vergangenheit wie ein Akt von Weltgerechtigkeit.
In kenntnisreichen, aus der eigenen Erfahrung schöpfenden Exkursen in die 1990er Jahre macht Sebastian Schoepp, Auslandsredakteur der "Süddeutschen Zeitung", den Siegeszug des Neoliberalismus in dieser Dekade verständlich. Etwa im Argentinien des ultraliberalen Musterschülers Carlos Menem, wo schon die Diktatur mit den Privatisierungen begonnen hatte, die dann Menem fortsetzte. Nach und nach ergriff die sogenannte Liberalisierungswelle Schulen, Ölindustrie, Pensionsversicherung und die Aerolíneas Argentinas, die unter ihren neuen spanischen Eignern zu einer traurigen Regionalfluglinie verkamen.
Neues lateinamerikanisches Selbstverständnis
Auf diese Periode folgte dann "der Geist des Che Guevara", wie der Autor das Kapitel über die Linkswende im vergangenen Jahrzehnt betitelt. Die Exponenten dieses Linksrutsches sind nicht einer einheitlichen Tendenz zuzuordnen, sie vertreten insbesondere in Wirtschaftsfragen stark unterschiedliche Positionen. Dennoch prägen sie das Gesicht einer neuen lateinamerikanischen Außenpolitik, eines neuen lateinamerikanischen Selbstverständnisses, die zum Beispiel in der UNASUR, in der Union südamerikanischer Staaten, ihren Niederschlag findet.
In wohltuend objektiver Weise, ohne die üblichen Seitenhiebe, etwa gegen Hugo Chávez, analysiert Schoepp die Persönlichkeit der neuen linken Staatsmänner. Brasiliens Präsident Lula etwa, in dessen zwei Regierungszeiten 32 Millionen Menschen der Armutsfalle entkommen konnten, während gleichzeitig der Raubbau am Amazonas-Urwald voranschreitet.
200. Jahrestag der Unabhängigkeit
Für die Euphorie und Selbstbeweihräucherung, mit der zahlreiche lateinamerikanische Staaten im vergangenen Jahr den Bicentenario, den 200. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feierten, hat der Autor wenig Verständnis. Das Jahr 1810 markierte nicht den Aufbruch zu neuen demokratischen Gesellschaftsordnungen, sondern den Beginn von 200 Jahren Einsamkeit. Eine Periode, die nach Meinung von Sebastian Schoepp erst in der Gegenwart zu Ende geht.
Zitat
Eigentlich waren die ersten 200 Jahre der lateinamerikanischen Unabhängigkeit alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz schrieb 1950 in seinem Hauptwerk "Labyrinth der Einsamkeit":
Die Gruppen, die die Unabhängigkeitsbewegungen angeführt hatten, stellten keine neuen sozialen Kräfte dar, sondern nur eine Verlängerung des Feudalsystems. Die Modernität der jungen hispano-amerikanischen Nationen war eine Täuschung.
Wie aus einem Guss
Schoepp behandelt auch ausführlich jene Themenfelder, die eine nachhaltige soziale und ökologische Entwicklung in Lateinamerika behindern - auch in den politisch nach links gerückten Ländern: den Extraktivismus, also die export-orientierte Ausbeutung natürlicher Ressourcen, den Drogenhandel, dessen Milliardengewinne zum Großteil in den USA landen, sowie ein asoziales Herrschafts- und Gesellschaftssystem, das bereits von den goldgierigen europäischen Eroberern begründet wurde.
Obwohl die Handlung von einem Land ins andere springt und manchmal auch von einer Zeitepoche in die andere, liest sich das Buch wie aus einem Guss. Dem Autor gelingt das Kunstwerk, die Geschichte des lateinamerikanischen Kontinents mit dem Schwerpunkt auf die Gegenwart überzeugend und gut verständlich darzustellen.
Was die Welt von Lateinamerika lernen kann", Westend Verlag
Westend - Das Ende der Einsamkeit
Freitag, 30. Dezember 2011
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