Es dürfte sich – unabhängig von Fakten und Erfahrungen – um einen quasi religiösen Glauben handeln, dass Gentechnologie böse ist. Prophetin dieser verbreiteten Glaubensrichtung ist die „Kronen Zeitung“, die zuzuspitzen versteht: „Einmal ausgebracht, ist das Teufelszeug nie mehr rückholbar“, schrieb das Blatt und warnte plakativ: „So gesehen ist die Gentechnik noch gefährlicher als Atomkraftwerke.“
Der Teufel, der uns mit diesem Zeug vergiften will, sitzt – wo wohl? – in Brüssel. Und für die linken Glaubensbrüder gibt es einen alternativen Weltverderber: die US-Konzerne, denen die Gefahren für die Menschen egal sind, solange sie nur Profit machen. Dieses Denkgebäude nimmt in dem Maße paranoide und sektiererische Züge an, in dem weltweit die Gentechnologie auch in der Landwirtschaft einen Siegeszug angetreten hat und trotz aller Warnungen bislang nichts passiert ist: Millionen essen täglich gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, nicht einer ist erkrankt. Und auch in der Umwelt haben sich die vorhergesagten katastrophalen Folgen nicht eingestellt: Pflanzenmonster sind nicht aufgetaucht, und Nützlinge wurden nicht vernichtet.
Das Triumphgeheul, hier habe der David Österreich gegen die Goliaths EU und Multis gesiegt, wirkt, kühl betrachtet, ganz schön verrückt.
Wobei auch die Behauptung, Österreich habe sich heldenhaft gegen die mächtigen Gegner durchgesetzt, zu relativieren ist. Ausschlaggebend für die EU-Entscheidung waren die Deutschen. Und sie ließen sich weniger von der österreichischen Argumentation über die Gefährlichkeit des Genmaises überzeugen. Vielmehr verstanden sie, als ihnen österreichische Politiker erklärten, dass ein Verdikt der EU-Staaten gegen Österreich dem Rechtspopulismus hierzulande gewaltigen Auftrieb gäbe.
Natürlich kann auch ernsthaft über Fluch oder Segen neuer Technologien diskutiert werden, und man kann in jedem einzelnen Fall die Vorteile und Nachteile gegeneinander aufwiegen. Aber darum geht es in Österreich nicht: Hier erleben wir die Herrschaft eines ideologischen Amalgams von religiös (Eingriff in die göttliche Schöpfung) grundiertem Antimodernismus und kleinstaatlichem Nationalismus, der sich aggressiv gegen Europa wendet.
Man kann gleichfalls trefflich über die Gefahren der friedlichen Nutzung der Atomenergie streiten. Aber auch da erleben wir im Land keinen rationalen Diskurs: dass Österreich AKW-frei ist und bleiben muss, hat die Form eines moralischen Axioms angenommen. Und wie in der Frage der Gentechnik ist die Parole „AKW, nein danke“ eingebettet in eine fortschrittsskeptische, chauvinistische und europafeindliche Grundhaltung. Die Gegnerschaft gegen Atomkraftwerke war das Vehikel, mit dem gegen den Beitritt der Tschechen zur EU gefahren wurde. (Ich muss gestehen, dass die widerliche antitschechische Temelin-Kampagne mich letztlich von einem AKW-Gegner zu einem -Befürworter gemacht hat.)
Das Erschreckende an der Lage des österreichischen Bewusstseins: In diesen wichtigen Fragen gibt es nationale Schulterschlüsse. 90 Prozent gegen AKW, 90 Prozent gegen Genlandwirtschaft – getragen und verstärkt durch alle Parteien und die Mehrheit der Medien. Und wer sich als Freund von biotechnisch veränderten Lebensmitteln oder Atomreaktoren outen sollte, riskiert, als Narr oder Volksverräter geächtet zu werden.
Wo herrscht noch so ein unerträglicher nationaler Konsens? Jeder nur halbwegs rational denkende Österreicher weiß, dass die Neutralität ein längst funktionsloses Institut geworden ist, das nur dazu dient, Illusionen in der Bevölkerung zu wecken und gleichzeitig die österreichische Außen- und Europapolitik zu behindern. Zwar ist die Neutralitäts-ideologie nicht aggressiv, letztlich bleibt sie aber auch Ausdruck von – wenn auch defensivem – Nationalismus.
Samstag, 7. März 2009
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