Mittwoch, 26. Januar 2011

Rifkin

Zukunftsforscher Jeremy Rifkin will in der "dritten industriellen Revolution" den Weg in eine emissions- und kohlenstoffarme, dezentral organisierte neue Zivilsation weisen. "Ich weiß nicht, ob wir noch rechtzeitig dahin kommen können - aber Technologie und eine Strategie dafür haben wir", glaubt der Vordenker, der dieser Tage an einem Kongress in Wien teilnahm.
"Peak Oil" macht Wachstum unmöglich

Ein Ausgangspunkt Rifkins ist die vom Menschen verursachte Erderwärmung - eine Theorie, die von vielen Wissenschaftern unterstützt und in der Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert wird. Die zweite Grundannahme Rifkins ist "Peak Oil" - also die Annahme, dass der Produktionshöhepunkt bei Erdöl, das 40 Prozent der weltweiten Primärenergie stellt, bereits hinter uns liegt. Die Folge: Auf der aktuellen Energie-Versorgungsbasis ist kein (echtes) Wachstum mehr möglich.

Die Finanzkrise sei nur ein Nebenphänomen, das wirkliche Problem bestehe aber darin, dass 2008 die erste "Peak Oil"-Krise eingesetzt habe, die sich nun periodisch wiederholen werde, sagt Rifkin: "Jedes Mal, wenn wir die Wirtschaft wieder auf ein Tempo wie vor 2008 bringen, wird der Ölpreis steigen und gleich wieder kollabieren. Wir befinden uns im Endgame der zweiten industriellen Revolution."
Revolutionierung der Energieversorgung

Rettung in der Not sieht Rifkin durch eine Revolutionierung der Energieversorgung und in der Schaffung eines intelligenten Energienetzes. Gebäude könnten so über Photovoltaik zu dezentralen Kraftwerken werden, die überschüssige Energie wieder in das Netz einspeisen oder in Wasserstoff speichern, lautet eine zentrale Überlegung der Denkergruppen um Rifkin. Einzelne "Pfeiler" des Konzepts, wie das Potenzial der Wasserstoffwirtschaft, sind unter Energiefachleuten allerdings heftig umstritten.

An sogenannten "Roundtables" nehmen auch große Konzerne teil, die sich künftige "grüne" Umsätze erhoffen. Die EU müsse eine Billion Euro in neue und 600 Milliarden Euro in die Erhaltung alter Netze investieren, sagt Rifkin.
Noch bedrohlicher als "Peak Oil" ist Erderwärmung

Finanzieren will Rifkin diese Monster-Investitionen dadurch, dass während der nächsten 20 Jahre jährlich vier Prozent aller ohnedies zu tätigenden Investitionen in die Infrastruktur der neuen industriellen Revolution fließen. Binnen 20 Jahren ließe sich so eine "jugendliche Infrastruktur" für die neue, kohlenstoffarme Welt erschaffen.

Für langfristig bedrohlicher als Peak Oil hält der Bestsellerautor Rifkin aber die Erderwärmung, wegen drohender "Rückkoppelungseffekte", die einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um sechs Grad befürchten ließen.
"Deutsche bewegen sich am schnellsten"

Das Konzept der dritten industriellen Revolution soll nicht nur in Brüssel Unterstützung erhalten, sondern auch in wichtigen EU-Mitgliedsstaaten wie Deutschland, Spanien und seit kurzem Großbritannien. "Die Deutschen bewegen sich still, aber am schnellsten", sagt Rifkin.

"Sie machen aus ihren Gebäuden Kraftwerke, setzen auf Energiespeicherung mittels Wasserstoff und investieren groß in die Netze. Kanzlerin Merkel räumt privat ein, dass das (3. industrielle Revolution, Anm.) ihr 'Game Plan' ist", so Rifkin.

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