Helfer und Täter
Was Linda Polman zu erzählen hat, ist teils tragisch, teils skandalös. Die Tragik des professionellen Helfens liegt darin, dass das Helfen - vornehm ausgedrückt - etwas kostet. Gewalt, Korruption und Skrupellosigkeit, auf die man in den Einsatzgebieten trifft, bedingen das Zahlen von Schutzgeldern, von Schmiergeld oder das Abtreten von bis zu achtzig Prozent der Hilfsgüter an lokale Warlords, die damit die Kriegsökonomie ohne eigenes Investment ins Laufen bringen.
Die Helfer helfen also den Tätern, weil sie sonst nicht an die Flüchtlinge und Kriegsopfer herankommen. Manche Hilfsorganisationen gehen, um sich ihr Territorium zu sichern, sogar so weit, mit ihren Hilfstransporten Waffen zu schmuggeln oder einzelnen Warlords ihre gesamte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.
Inszenierte Betroffenheit
Das Helfer Tätern helfen, ist schon skandalös genug. Wirklich ekelhaft wird es dann, wenn die Not von Menschen dafür benutzt wird, um den Bestand der Hilfsorganisationen zu rechtfertigen und den Geldfluss nicht versiegen zu lassen.
Zu diesem Zweck werden etwa verstümmelte Kinder als sogenannte "Donor Darlings" wie früher in Freak-Shows vorgeführt. Etwa in der Show der amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey. "Damba war neu Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Mutter Fina amputiert wurde, jede einen ganzen Arm", schildert Polman einen besonderen Fall. Eine Hilfsorganisation brachte das Mädchen aus Sierra Leone in die USA, die Mutter erhielt 100 Dollar, dann hörte sie nichts mehr von ihrer Tochter.
Damba, inzwischen 16 Jahre alt, war von einem amerikanischen Ehepaar adoptiert worden und besucht die High School. Oprah möchte wissen, ob sie wohl noch an ihre Mutter denkt. "Ja", sagt Damba. Nun, dann hätte Oprah eine Überraschung. "Hier ist deine sierra-leonische Mutter!"
Oprahs Publikum springt jubelnd, weinend und applaudierend von den Sitzen auf. Erschrocken kommt Fina, die Mutter, aus den Kulissen zum Vorschein. Sie trägt ein neues Kleid, auch ihre Prothese ist neu, aber sie wirkt dünn und krumm neben all diesen riesigen Amerikanerinnen. "Wir haben für deine Mutter ein Visum für ein paar Wochen arrangiert", sagt Oprah. Danach muss Fina wieder zurück in ihre afrikanische Hütte im Murray Town Camp.
Die Grenzen des Helfens
Vielleicht macht das Geschäft mit der Not viele Helfer zynisch. Vielleicht macht das viele Geld, das jährlich für Hilfsaktionen zur Verfügung steht, blind für den Zweck, vielleicht ist schon die Verwaltung der Hilfe eine hilflose Angelegenheit, weil sie einen Großteil der Energie und Mittel verzehrt, die den Betroffenen nicht mehr zugutekommen.
Freitag, 20. August 2010
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