Samstag, 7. August 2010

Rothschild

Von Beginn an finanzierte sich das Regime mit drastischer Ausweitung der Staatsverschuldung. Schon in den beiden ersten Jahren nahm der adelige Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk zehn Milliarden Reichsmark (nach heutigem Wert rund 43 Milliarden Euro) Kredit auf. Bis Kriegsbeginn summierte sich die Neuverschuldung von Hitler-Deutschland auf etwa 40 Milliarden Reichsmark (RM). Weil seine Politik ständig im Vorgriff auf die Zukunft lebte, verbot Adolf Hitler bereits im ersten Jahr seiner Reichskanzlerschaft 1933, die Zahlen des nächsten Budgets bekannt zu geben. Dabei blieb es die zwölf Jahre bis zum Ende des Regimes.

Vater der „produktiven Kreditschöpfung“ wurde der renommierte Reichsbankpräsident und Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht. Er ließ über die Scheinfirma „Metallurgische Forschungsgemeinschaft“ (Mefo), hinter der unter anderem Krupp und Siemens standen, die berüchtigten „Mefo-Wechsel“ ausstellen. Die Reichsbank übernahm die Bürgschaft, als Schuldner schien das Reich aber nicht auf. So wurde zwischen 1934 und 1936 die Hälfte aller Wehrmachtsaufträge „verdeckt“ finanziert.

Das NS-„Wirtschaftswunder“ auf Pump war von Anfang an auf großindus­trielle Rüstung getrimmt, Mittelstandspolitik wurde vernachlässigt. Von den geborgten Milliarden flossen lediglich sechs in zivile Arbeitsbeschaffungsprogramme. Hitler hatte in einer seiner ersten Kabinettssitzungen angeordnet, Beschäftigungsmaßnahmen aus öffentlichen Geldern nur zu stützen, wenn sie zugleich der „Wehrhaftmachung des deutschen Volkes“ dienten. Allzu offensiv betriebene Aufrüstung war jedoch durch den Vertrag von Versailles vorerst untersagt. Daher wurde auch in die propagandistisch bestens verwertbare Reichsautobahn, in öffentliche Bauten – wie das gigantomanische Reichsparteitagsgelände in Nürnberg – und in den Wohnbau investiert.

Wie sehr die NS-Wirtschaft auf Krieg eingestellt wurde, demonstriert der Anteil der Ausgaben für Militär und Aufrüstung: Er wurde von vier Prozent im Jahr 1933 auf exorbitante 39 Prozent im Jahr 1936 gepusht. In der Rüstungsindustrie herrschte nun bereits Arbeitskräftemangel: Von den ursprünglich sechs Millionen Arbeitslosen hatten 4,5 Millionen Beschäftigung gefunden. Die Einführung von Reichsarbeitsdienst und Wehrpflicht 1935 kam dem „Beschäftigungswunder“ zugute: Bis 1939 wurden eine Million Deutsche zu Soldaten.

Die zentrale Zuspitzung der NS-Wirtschaftspolitik auf ihr eigentliches Ziel erfolgte 1936: Hermann Göring, mächtigster Mann nach Hitler, wurde de facto Wirtschaftsdiktator. Als Beauftragter des „Vierjahresplans“ sollte er Deutschland in vier Jahren militärisch und ökonomisch kriegsfähig machen.
Spätestens diese Entscheidung macht offensichtlich, dass die NS-Wirtschaftspolitik nicht dem Dogma der aktiven Konjunkturpolitik des wohl bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, folgte. Ab 1936 herrschte im Reich Vollbeschäftigung – die expansiven Staatsausgaben auf Pump waren daher der Wirtschaftsentwicklung eher schädlich.

Der Improvisationscharakter der NS-Wirtschaftspolitik kam nun immer deutlicher zum Vorschein. Reichsbankpräsident Schacht warnte bereits früh vor dem massiven Einsatz der Notenpresse: „Aus Papier kann man weder Brot backen noch Kanonen gießen.“ Um die Symptome der Inflation zu bekämpfen, wurden Preis- und Lohnstopps erlassen. Die Warnungen Schachts, dass das Wirtschaftssystem unweigerlich an die Wand fahren musste, verhallten bei Hitler ungehört. 1937 legte Schacht sein Amt als Wirtschaftsminister nieder, im Jänner 1939 entließ ihn Hitler letztendlich auch als Reichsbankpräsidenten. Der „Führer“ wollte seinen Aufrüstungswahnsinn nicht von einem „Bedenkenträger“ bremsen lassen. Sein Ziel hieß Eroberung von ­Lebensraum für die „arische“ Rasse, die völkische Bewegungen bereits im Deutschen Kaiserreich gefordert hatten. Ausplünderung war vorgegeben. Hitler: „Wir können uns auf der eigenen ­Grundlage nicht ernähren. … Die endgültige Lösung liegt in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes.“

Österreich war als Expansionsziel schon lange im Visier des NS-Regimes. Kanzler Engelbert Dollfuß aber hatte sich im Einklang mit Italiens Faschistenführer Benito Mussolini gegen Deutschland gestellt. Um Druck auszuüben, wurde daher im Mai 1933 die 1000-Mark-Sperre verhängt: Diese Summe (heute knapp 4000 Euro) mussten Deutsche vor einer Österreich-Reise zahlen. 1936 schloss Kanzler Schuschnigg mit Hitler das „Juli-Abkommen“, das den Anschluss vorbereitete.

Anfang 1938 stand das Deutsche Reich kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Propagandaminister Joseph Goebbels schrieb in sein Tagebuch: „Danach sieht’s doch schlimmer aus, als ich gedacht. Aber an Schulden ist noch nie ein Volk zugrunde gegangen. Wohl aber am Mangel an Waffen.“ Zwei Wochen nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im März war er mächtig erleichtert: „Wir haben einen bedeutenden Fehlbetrag. Dafür aber Österreich“ (Goebbels’ Tagebuch, 27. März 1938).

„Letztlich war der Anschluss 1938 im Wesentlichen ökonomisch begründet“, so Wirtschaftshistoriker Peter Eigner. Die „Heim ins Reich“-Phrasen seien dem nur umgehängt worden.

Die augenblicklich wichtigste Beute waren die Gold- und Devisenvorräte, die das autoritäre Dollfuß-System zur Währungsstabilität angesammelt hatte. An Feingold hatte die österreichische Nationalbank 78.267 Kilogramm. Ein Teil davon lagerte in den Tresoren der Bank of England und wurde anstandslos an die Reichsbank ausgeliefert. Mit den Beständen, die eingeschüchterte Österreicher an die Deutschen verkauften, dürften 1938 aus Österreich Gold und Devisen im Wert von 1,3 Milliarden Reichsmark nach Berlin transferiert worden sein. Das war etwa 18-mal mehr, als die Reichsbank selbst hatte. Das im österreichischen Bewusstsein eingegrabene „Hitler hat uns Arbeit gegeben“ ist demnach schlichtweg falsch. Denn nicht Hitler, sondern Österreich selbst finanzierte den Aufschwung.

Die „Ostmark“ hatte zudem reiche Bodenschätze an Magnesit, Eisenerz und Erdöl, welche die NS-Rüstung dringend brauchte: 1939 kamen je ein Fünftel der Erdölproduktion und des Eisenerzes des Reichs bereits aus Österreich. In den Alpen (Kaprun) und an der Donau (Ybbs-Persenbeug) wurde mit dem Bau von Kraftwerken begonnen. Der Kriegsverlauf zwang die NS-Strategen jedoch laufend zu Änderungen ihrer Projekte: Die beiden Baustellen wurden bald eingestellt.

Der Steyr-Konzern sollte Paradebeispiel für die Umwandlung eines großen österreichischen Industriebetriebs in ein regelrechtes Rüstungsimperium der NS-Ära werden – und zwar in allen Aspekten. 1938 war er in Mehrheitsbesitz der Creditanstalt. Die Bank wurde gezwungen, Steyr an den Rüstungskonzern Hermann-Göring-Werke zu verkaufen. Der jüdische Direktor Paul Goetzl musste gehen, Generaldirektor wurde der in Mondsee geborene Georg Meindl, der als SS-Mitglied exzellente Kontakte sowohl zu Göring als auch zu SS-Chef Heinrich Himmler hatte.

Unter ungeheurem Druck wurde modernisiert und gebaut. 1938 machte das Unternehmen 57 Millionen Reichsmark Umsatz, 1943 das Achtfache. Ähnlich explodierte die Zahl der Mitarbeiter: von 7000 im Jahr 1938 auf 50.000 im Jahr 1944. Jeder zweite von ihnen war KZ-Häftling oder Zwangsarbeiter. Das neue „Nibelungenwerk“ in St. Valentin, Oberösterreich, wurde neben Krupp größtes Panzerwerk im Dritten Reich.
Steyr-Generaldirektor Meindl gelangte zur zweifelhaften Ehre, im gesamten Deutschen Reich als „Pionier“ beim Einsatz von KZ-Häftlingen in der Rüstung zu gelten. Anfang 1942 errichtete die SS für Steyr ein eigenes KZ-Nebenlager, beim gigantischen Stollenbau zur unterirdischen Verlagerung bei Melk wurden 15.000 KZ-Häftlinge eingesetzt. Nach Kriegsende wurde Meindls verkohlte Leiche gefunden. Der Historikerbericht „Österreichische Banken und Sparkassen im Nationalsozialismus“ urteilt über einen der wichtigsten Konzernmanager im nationalsozialistischen Österreich: Wenn man überhaupt von einem industriellen Erbe Meindls sprechen könne, dürfe man nicht verschweigen, dass es „auch von ­extremer Kriminalität getränkt war“.

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