Dienstag, 7. September 2010

M-Theorie

Nun ja. Die Theorie, die Hawking meint, ist die sogenannte M-Theorie, in der es elf Dimensionen der Raumzeit gibt – und elementare Objekte („p-Branen“) mit null bis elf Raumdimensionen. Das Problem ist, von dieser M-Theorie auf die Beschreibung des Universums zu kommen, dessen Raumzeit bekanntlich nur vierdimensional ist. Dafür gibt es, wie die M-Theoretiker allen Ernstes sagen, 10500 Möglichkeiten, das macht 10500 mögliche Universen. Das ist mehr als viel. Hawking illustriert mit dem für ihn typischen trockenen Humor: „Wenn irgendein Wesen die für jedes dieser Universen vorhergesagten Gesetze in nur einer Millisekunde analysieren könnte, hätte es bis heute gerade mal 1020 geschafft. Und das ohne Kaffeepausen.“ Anderswo schreibt er: „Die Forscher versuchen noch immer, das Wesen der M-Theorie zu ergründen, doch das könnte sich letztlich als unmöglich erweisen.“ Dann aber wieder verkündet er: „Die M-Theorie ist die vereinheitlichte Theorie, die Einstein zu finden hoffte.“


10500 Universen zur Auswahl

Unergründlich, aber vereinheitlicht: Hawking entscheidet sich – wie manche theoretische Physiker – für eine verwegene Lösung: Es gibt nicht nur 10500 mögliche Universen, sondern es gibt sie wirklich. Wenn Hawking nicht schon auf der ersten Seite der Philosophie beschieden hätte, dass sie nichts zu reden habe, würden wir in aller Bescheidenheit Ockhams Rasiermesser zücken und sagen: Entitäten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden.

Seine Sicht der Quantentheorie beschert Hawking eine weitere gigantische Vermehrung der Welten. Er geht vom Formalismus aus, den Richard Feynman entwickelt hat (und zitiert dazu auch eine Arbeit der Wiener Gruppe um Anton Zeilinger ausführlich): Quantenobjekte folgen nicht einem Pfad, sondern allen möglichen Pfaden. Wenn man das gesamte Universum als Quantenobjekt sieht, meint Hawking, dann müsse man ihm auch zugestehen, dass es „nicht nur eine einzige, sondern jede mögliche Geschichte hat“. Was bedeutet, dass jedes der 10500 Universen, die die M-Theorie hervorgebracht hat, sich wiederum in unzählige Universen aufspaltet, die jeweils ihre eigene Geschichte haben. In einem davon leben Stephen Hawking und wir.

„Nur eine ganz geringe Anzahl“ dieser Universen, schreibt Hawking, „würde die Existenz von Geschöpfen wie uns zulassen. Daher selektiert unsere Anwesenheit aus dieser ungeheuren Zahl nur diejenigen Universen, die mit unserer Existenz vereinbar sind. Obwohl wir nach kosmischen Maßstäben nur winzig und unbedeutend sind, werden wir dadurch in gewissem Sinne zu den Herren der Schöpfung.“

Hawking ist nicht der einzige Physiker, der das anthropische Prinzip („Die Welt muss so beschaffen sein, dass unsere Existenz möglich ist“) so radikal interpretiert. Aber bei ihm wirkt es besonders himmelstürmerisch. Er macht nicht nur sich selbst „im gewissen Sinn“ zum Herren der Schöpfung, sondern schafft auch einen bekannten Konkurrenten, Gott, per Dekret aus der Welt. Respektive aus den Welten: Die reale „Vielfalt von Universen“ sei „eine natürliche Folge der physikalischen Gesetze“.


Nicht auf Gott „angewiesen“

Die „Schöpfung“ – Hawking bleibt beim theologischen beladenen Ausdruck! – sei damit „nicht auf die Intervention eines übernatürlichen Wesens oder Gottes angewiesen“. Nur auf die Physik als gesetzgebendes Organ.

Als (menschlicher) Gegner dient Hawking der Wiener Kardinal Schönborn, der sich erlaubt hat, in der Welt einen göttlichen „Zweck und Plan“ zu sehen – als Theologe, wohlgemerkt. Wenn Hawking scheinbar physikalisch dagegen argumentiert, betätigt er sich in Wahrheit längst als Theologe. Er sucht den „Großen Entwurf“, den ihm die Naturwissenschaft nicht bescheren kann, außerhalb von deren Grenzen.

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