Die Moderne ist durch das Gefühl der knappen, davoneilenden Zeit definiert. Schon Shakespeare lässt seinen Hamlet feststellen, die Zeit sei aus den Fugen geraten. Goethe spricht sogar von einem "veloziferischen" Charakter unserer Zeit, die nichts wachsen und reifen lasse; und Nietzsche argwöhnte, unser Zeitalter werde aus Mangel an Ruhe in eine neue Barbarei münden. Unsere Zeit ist also temporeich und teuflisch zugleich.
Aber die Temposteigerung hat etwas vom "rasenden Stillstand". Längst dominiert der Eindruck nicht Akteur, sondern Opfer der Beschleunigung zu sein. Die Zahl derjenigen, die heute das Gefühl haben, das wahre Leben zu versäumen, wächst ständig. Die Ursache: die Erlebnisdichte wird immer größer, immer mehr Arbeitsprozesse pressen sich in eine Zeiteinheit. Flexibilität ist oberstes Gebot. Doch wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft flexibel sind, kann die Gesellschaft als Ganze nicht stabil sein. Wenn diese Stabilität fehlt, fehlt auch der Demokratie ein festes Fundament.
Die Demokratie befindet sich im Zeitalter der permanenten gesellschaftlichen Beschleunigung ohnedies im Nachteil gegenüber der global agierenden Wirtschaft. Denn während die Ökonomie unter dem Druck der Parole "Zeit ist Geld" Entscheidungen mit höchster Geschwindigkeit trifft, benötigen demokratische Entscheidungsabläufe viel Zeit. Das demokratische Prinzip befindet sich im 21. Jahrhundert strukturell im Nachteil.
Es kommt heute im Wesentlichen darauf an, einen Zeitvorsprung zu haben. Und kapitalistisches Wirtschaften beruht entscheidend auf der Ausnutzung von Zeitvorsprüngen, die eine so große Bedeutung haben, dass Karl Marx die bis heute geltende Feststellung treffen konnte: alle Ökonomie sei letztlich zur Zeitökonomie geworden.
Wir sind, meinen Soziologen wie Hartmut Rosa von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, am Rande der Erschöpfung und am Rande des Sinnvollen angelangt. Rüdiger Safranski forderte deshalb in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Paul-Watzlawick-Ehrenringes eine revolutionäre Änderung des Zeitregimes. Die politische Klasse, so der deutsche Philosoph und Publizist, habe die Dringlichkeit der Forderung noch nicht ganz begriffen: "Es ist eine politische Machtfrage, die verschiedenen Geschwindigkeiten, die der Ökonomie und die der demokratischen Entscheidungsprozeduren, aufeinander abzustimmen, was darauf hinauslaufen würde, die Ökonomie unter das Zeitmaß demokratischer Entscheidungen zu bringen."
Im Gespräch mit Rüdiger Safranski rücken Michael Kerbler und "STANDARD"-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid die Frage in den Mittelpunkt, worin die Nachteile zeitaufwendiger demokratischer Prozesse gegenüber der schnell und global agierenden Wirtschaft bestehen. Und es wird ausgelotet, wie jene Strategien aussehen können, mit denen die Ökonomie wieder unter das Zeitmaß demokratischer Entscheidungen gebracht werden kann.
Donnerstag, 24. Juni 2010
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5 Kommentare:
Man stehe vor einer politischen Machtfrage. Auf der einen Seite die computergestützte Finanzwirtschaft mit Entscheidungen in Sekundenbruchteilen; auf der anderen Seite demokratische Gesellschaften mit dem Zeittakt langer Verhandlungen. Es sei eine politische Entscheidungsfrage: Man müsse in die Zeitökonomie des Finanzmarktes eingreifen, damit Finanzprozesse so organisiert werden, dass sie auf demokratische Prozesse Rücksicht nehmen.
"Vergesellschaftung von Zeit"
Ausgangspunkt der Debatte in Salzburg war ein von Kerbler eingangs formulierter Befund zum Thema Zeit: Immer mehr Termine und Arbeitsschritte müssten in einer Zeiteinheit absolviert werden, immer mehr Tätigkeiten würden gleichzeitig ausgeführt, der moderne Mensch lebe im Multitasking. Gleichzeitig hätten im System der Beschleunigung immer mehr Menschen das Gefühl, das Eigentliche im Leben zu versäumen. Und: Das von schwerfälligen Entscheidungsabläufen geprägte politische System gerät gegenüber einer global agierenden, beschleunigten Ökonomie immer mehr ins Hintertreffen.
Safranski versucht sich hier dem Phänomen grundsätzlich zu nähern: Solange es Gesellschaften gebe, gebe es auch "die Vergesellschaftung von Zeit" , also die Koordination von Zeitabläufen menschlicher Aktivitäten. Dieser Vergesellschaftungsprozess sei durch die industrielle und technische Entwicklung "so tief in die Psyche" des Einzelnen hineingetrieben, dass es immer schwieriger werde, "ein Jenseits" dieser Vergesellschaftung zu erreichen, ein "Außerhalb" dieses Zeitregimes wahrzunehmen. "Unser ganzes Innenleben ist in einer Mutation begriffen."
Eine entscheidende Zäsur für Safranski ist das Erleben von Gleichzeitigkeit. Mit den technischen Möglichkeiten für die Gleichzeitigkeit, für die Echtzeitkommunikation sei eine menschheitsgeschichtlich einmalige Situation entstanden. Vor 1900 wäre jedes "raumferne Ereignis" , das nicht im unmittelbar erlebbaren Kreis geschehen ist, bereits vergangen gewesen. "Das Erlebnis von Welt geschah in der Vergangenheitsform, wenn es ankommt." Es habe die Möglichkeit nachzudenken gegeben. Mit der Gleichzeitigkeit sei die Möglichkeit zur Reflexion verloren gegangen.
Familie und Arbeit
Wenn es nun wieder um die "Rückgewinnung von Zeitsouveränität" geht, empfiehlt Safranski eine Rückbesinnung auf Historisches. Der Kampf um den Achtstundentag oder für Feiertage sei so ein Kampf gegen die "verdinglichenden und kapitalgestützten Prozessen der Zeitbewirtschaftung" gewesen. Heute steht für den Philosophen die Koordinierung und Anpassung des Biorhythmus an die Maschinenzeit auf der Tagesordnung. "In jedem von uns lebt ja auch ein biologisches Zeitprogramm."
Ein Abstimmung von Bio- und Produktionsrhythmus wäre auch im Interesse der Produktivität. Zu den neuen Kämpfen um die Zeitsouveränität zählt Safranski auch die "Verknüpfung mit der gesellschaftlichen Situation" . Also: "Wie kann man Familie und Arbeit organisieren?"
Und was kann der Einzelne beitragen, um das Zeitregime zu ändern? Safranski: "Ich habe keinen Fernseher. Ich behandle den Mailverkehr wie den Briefverkehr." (Thomas Neuhold, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. Juni 2010)
Miegel :
Exit ": Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel über Wohlstand ohne Wachstum (Buch: Propyläen Verlag).
Für Meinhard Miegel hat sich in den letzten zehn Jahren fatalerweise nur wenig geändert. Wir leben, so der renommierte Sozialforscher, nach wie vor in einer deformierten Gesellschaft, die sich auf einer Wohlstandsinsel eingerichtet hat, abtaucht, wenn Krisenwellen sie zu überspülen drohen, und die selbst in der größten Wirtschaftskrise nimmermüde das Wachstumsmantra rezitiert. „Bereits die bloße Vorstellung, dass es auch abwärtsgehen kann und auf hohe Hochs nicht selten tiefe Tiefs folgen, ist für sie unerträglich.“ In der Sonderkonjunkturphase von 1950 bis 2000 haben sich die Menschen offenbar an die Wohlstandsexplosion gewöhnt. Auch die Politiker, die ihre Wahlerfolge mit dem Wirtschaftswachstum verknüpft haben. Doch damit ist jetzt Schluss, so Miegels Befund.
Denn warum sollen wir weiter einer Denkfigur vertrauen, die uns den Weg in die falsche Richtung weist? Warum sollen die Menschen mehr konsumieren, wenn sie schon alles haben? Miegel legt den Finger in die Wunde. Denn mehr Wachstum bedeutet nicht zwangsläufig mehr Wohlstand. Es kommt nur darauf an, wie man Wohlstand definiert. Wenn damit neben Geld auch saubere Luft, Wasser und Böden gemeint sind, hat mehr Wachstum nur dazu geführt, auf die drei Letztgenannten nicht mehr unbegrenzt zugreifen zu können. Miegel ist rigoros: „Die große Sause ist vorüber, die Bar ist geschlossen. Unter solchen Bedingungen nicht noch einen Drink zu nehmen ist kein Akt freiwilliger Zurückhaltung.“
Wie sieht der künftige Wohlstand aber aus? Miegels Antwort greift leider zu kurz: „Wohlstand heißt nicht, viel zu haben, sondern wenig zu benötigen.“ Halt, möchte man ausrufen. Die Knappheitsethik widerspricht jeder menschlichen Natur – und jeder wirtschaftlichen Realität. Denn der Mensch will aus dem Vollen schöpfen. Und die Wirtschaft braucht den Überfluss, um Produkte und Innovationen zu schaffen. Beide leben durch Vielfalt und Verschwendung und nicht durch Geiz und Sparsamkeit. Wohlstand heißt, kreativ zu werden und Probleme wie Armut und Klimawandel zu lösen. Zum Beispiel durch eine CO2-freie Mobilität. Hier setzt eine neue Wachstumsspirale ein. Ein Exit ist dafür vorher nicht notwendig.
Miegel Kritik :
Das sind Fragen, die nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus sozialpolitischer Sicht sehr interessant sind. Denn der durchschnittliche Hartz-IV-Empfänger, der sich keine Interkontinentalflüge leisten kann und auch sonst eher immobil ist, verhält sich rein umweltmäßig durchaus vorbildlich, gezwungenermaßen. Wie aber will Miegel die Manager, Unternehmer und Politiker, denen er bei Konzernbeiratssitzungen, Symposien und Vorträgen regelmäßig begegnet, zu dem Verzicht bewegen, den er durch schöne Worte nahelegt? Durch Verbote? Umweltsteuern?
Wirtschaftlich besonders erfolgreich waren auf Dauer immer nur jene, die — in einer marktwirtschaftlichen Ordnung — ökonomischen Interessen alles andere unterordneten. Zu diesen Erfolgreichen gehören die Bundesrepublik, die Vereinigten Staaten und Japan. In diesen Ländern entfaltete sich zur vollsten Blüte, was Ignaz Miller unlängst in der Neuen Zürcher Zeitung als „die merkantilistische Veranlagung des europäischen Geistes" apostrophierte, eine Veranlagung, die die europäische von anderen Hochkulturen unterscheide. Wie Midas in der Sage alles zu Gold gerät, gerät den merkantilistisch Veranlagten alles zum Ökonomischen. Ob Religion oder Wissenschaft, Kunst oder Philosophie — früher oder später steht bei ihnen alles im Dienste nur des einen: des wirtschaftlichen Erfolges. In allem ökonomische Potentiale zu erkennen, alles zur Erhaltung und Entfaltung der äußeren Existenz zu nutzen, stets rentabel zu handeln ist ihre besondere Stärke.
daß der Staat immer auf der Seite der Produzenten steht. Nehmen wir die privaten Taxis. Der Staat ließ sie zu — aber schon bald verschwanden sie wieder. Warum? Weil die staatlichen Taxifahrer das Angebots-Defizit auf dem Markt erhalten wollten. Sie sahen in den privaten Taxis Konkurrenz und begannen, deren Reifen zu durchstechen, die Fahrer zu bedrohen. Die staatlichen Stellen beobachteten das in Seelenruhe. Hätten die privaten Fahrer die Reifen der staatlichen Taxis durchstochen, dann wären sie wohl im Gefängnis gelandet.
Es bedarf also einer völlig anderen Mentalität der staatlichen Verwaltung. Der Staat muß die Interessen der Unternehmer und der Genossenschaftsmitglieder schützen, sie mit Krediten versorgen.
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