Vor allen Dingen beschäftigt Sozialphysiker die Frage, wie es aus dem Zusammenspiel etlicher Akteure zu solchen Mustern kommt. Wie ist es möglich, dass Aufstände oder Terrorakte einem mathematischen Gesetz folgen? Warum ist das Risiko für Bürgerkrieg in einem Land abhängig von Einkommen und Machtverteilung, aber nicht von Bodenschätzen, Einwohnerzahl oder demokratischen Strukturen?
Um das zu beantworten, nutzen Forscher wie Johnson oder Cederman Computermodelle: Aus den Wechselwirkungen vieler virtueller Agenten sollen sich die Gesetzmäßigkeiten ganzer Gesellschaften erklären.
Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Schelling konnte in den 1970er-Jahren auf diese Weise darlegen, wie es in den USA in Städten zur Trennung nach der Hautfarbe kommt.
Die Menschen müssen dazu keine Rassisten sein. Wie er mit Hilfe eines Schachbrettmodells begründete, reicht schon die Neigung, in einem Viertel nicht als deutliche Minderheit leben zu wollen, um binnen kurzer Zeit soziale Gruppen nach ihrem ethnischen Hintergrund aufzuteilen. "Wonach wir suchen, sind solche Kausalmechanismen, die erklären, wie eine Gesellschaft tickt", sagt Johnson.
Um das Verhaltensmuster bei Aufständen aufzuschlüsseln, behalf sich Johnson mit einer räumlichen Simulation. Sie ging von zersplitterten Zellen von Aufständischen aus, die gelegentlich kommunizieren, sich mitunter vereinen und wieder trennen. Die Folge sind meist kleinere Gefechte, die von größeren Anschlägen unterbrochen werden.
Dabei fiel allerdings auf, dass - wie in der Wirklichkeit - sich Angriffe oft an bestimmten Tagen häuften. Die steuernde Kraft sind die Informationen, die Aufständische erhalten - über feindliche Truppen, ihre Medienpräsenz oder das Wetter. Eine günstige Gelegenheit erkennen mehrere Gruppen deshalb oft gleichzeitig.
Außerdem orientieren sie sich aneinander - nicht viel anders als zum Herdentrieb neigende Aktienhändler. Nachdem Johnson sein Modell mehrfach durchspielte, reproduzierte es das Potenzgesetz der Aufstände in sieben Ländern fast perfekt.
"Fast alle sozialen Phänomene werden sich in Zukunft simulieren lassen"
Cederman hat 2008 ein Computermodell für Bürgerkriege in Ländern mit mehreren Volksgruppen publiziert. In ihm bildet er die Dynamik der Staatenbildung, der Spannungen zwischen Peripherie und Machtzentrum, kultureller und nationaler Identität nach. Er konnte zeigen, dass aufbegehrende Randgruppen oft aus Bergregionen stammen - die lokale Identität in Bergregionen ist viel stärker ausgeprägt.
"Das war nur ein extrem vereinfachtes Modell, um die Methode zu veranschaulichen. Heute können wir differenziertere Simulationen erarbeiten. Fast alle sozialen Phänomene werden sich in Zukunft simulieren lassen."
Auf die Frage, wie belastbar die Erkenntnisse der Sozialphysik für Krieg und Terror bislang sind, zögert Cederman indes: "Ich würde als Militär aufgrund solcher Modelle noch keine Entscheidungen treffen." Der Physiker Ed MacKerrow, der am Los Alamos National Laboratory in New Mexico den Opiumhandel in einem Tal in Afghanistan simuliert, pflichtet Cederman bei: "Der Apfel, der Newton einst seinen Geistesblitz verschaffte, ist in der Sozialphysik noch nicht gefallen."
Doch ist das notwendig? Eine Mechanik der Gesellschaft, die uns wie Kugeln auf einer schiefen Ebene durchs Leben kullern sieht? Der Komplexitätswissenschaftler und Konfliktforscher Jürgen Scheffran von der Universität Hamburg untersucht mit Computermodellen, in welchem Maße die Erderwärmung Konflikte in den Krisenregionen Nordafrikas verschärft.
"Eine physikalische Exaktheit wird man kaum erreichen. Aber es wäre viel gewonnen, wenn solche Modelle soziale Prozesse erhellen. Das könnte in Handlungsanleitungen einfließen, um gewaltsame Konflikte in Zukunft zu vermeiden."
Mittwoch, 23. Juni 2010
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