Sonntag, 4. Juli 2010

Michaela Amering - RECOVERY

In Ihrem Buch „Recovery“ plädieren Sie dafür, nie die Hoffnung aufzugeben. Bedeutet das nicht auch, Illusionen zu schüren?

Michaela Amering: Im Gegenteil! Es herrscht in der Ärzteschaft so etwas wie eine Angst vor der falschen Hoffnung: davor, dass die Patienten sich zu viel erwarten und im Verlauf der Krankheit enttäuscht werden könnten. Wobei Hoffnung für mich eben nicht heißt, dass man sich auf ein konkretes Szenario festlegt. Es bedeutet nicht, sich vorzunehmen: In einem Monat bin ich geheilt. Oder: In einem halben Jahr werde ich wieder meinen Beruf ausüben können. Andererseits bedeutet es aber auch nicht zu sagen: In zwei Monaten werde ich nicht mehr leben. Hoffnung bedeutet, offen zu sein für das, was kommt.



Diese Offenheit vermissen Sie vor allem, wenn es um die Psychiatrie geht.

Sogar viele Mediziner nehmen noch immer an, dass Schizophrenie unheilbar ist! Aber das entspricht einfach nicht den Tatsachen. Als Ergebnis dieses verbreiteten Irrtums glauben manche Patienten, sie müssten mit dem Erhalt der Diagnose alle Sehnsüchte und Träume fahren lassen. Die Leute stellen sich die psychische Gesundheit fälschlicherweise vor wie ein Gummiringerl: Wenn man daran zerrt und zerrt, dann reißt es irgendwann, dann hat man den Verstand verloren und das wird nie wieder heil. Das kann ungeheuer belastend sein und gibt einem das Gefühl, dass man sich enorm zusammenreißen muss, man darf es ja nicht so weit kommen lassen! Da tut es gut, Menschen zu treffen, die „Verrücktheit“ erlebt haben und bei vollem Verstand davon erzählen. John Nash, der Mathematiker und Nobelpreisträger, von dessen Leben und Schizophrenie der Film „A Beautiful Mind“ handelt, hat gesagt: Es gibt einen Weg rein in die Psychose und es gibt einen Weg raus aus der Psychose.

In Ihrem Buch geht es auch um Menschen, die besser als andere mit traumatischen Situationen umgehen können.

Wir nennen diese Fähigkeit Resilienz. Man fragt sich ja immer, warum manche Menschen zum Beispiel eine Kindheit mit Gewalterfahrung unbeschadet überstehen – oder als Erwachsene tiefe Krisen meistern können. Manche Punkte sind sehr einfach: Ein ruhiges Temperament ist günstig, Intelligenz, auch Attraktivität, wobei man nicht genau weiß, auf welchem Wege sie dazu beiträgt. Extraversion hilft. Aber vor allem andere Menschen, die solidarisch und unterstützend sind und die an einen glauben. Wichtig ist die Bindung in den ersten Lebensjahren. Außerdem die Fähigkeit, sich nicht falsch zu vergleichen.

Das spielt auch in der Glücksforschung eine wichtige Rolle – dieses Schielen auf das, was die anderen haben, der soziale Neid.

Das Problem beginnt dort, wo man nicht die eigene Gruppe als Maßstab nimmt: Das macht vielen das Leben schwer. Nur wenn man sich richtig vergleicht, also mit Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen leben und ähnliche Voraussetzungen haben, wird die eigene Leistung auch sichtbar! Der Vergleich an sich ist nichts Schlechtes. Wer aufhört zu vergleichen, hat oft resigniert: Wir sehen immer wieder Patienten, die unter miserablen Bedingungen leben, das aber als normal betrachten, weil sie aufgehört haben, die Normalität als Möglichkeit und Maßstab zu sehen. Auch das kann eine Gefahr sein.



Sie setzen sich sehr für Selbsthilfegruppen ein. Was können Ärzte von ihnen lernen?

Ich habe immer wieder Institutionen besucht, die von Betroffenen selbst geleitet wurden. Sie sind meist sehr konsequent, wenn es darum geht, jene Situationen und Momente aufzuspüren, in denen ein Patient für sich selbst einstehen kann, in denen er wieder die Verantwortung übernehmen kann. Das würden wir klassischen Therapeuten uns zum Teil gar nicht trauen! Die Selbsthilfegruppen nennen das die Würde des Risikos und das Recht, Fehler zu machen. Im Übrigen zeigt sich, dass resiliente Menschen oft sehr früh in ihrem Leben Verantwortung tragen mussten. Verantwortung zu tragen hilft.



Fordern wir unsere Kinder zu wenig?

Das kann ich nicht beobachten. Für Kinder ist wichtig, dass sie in möglichst vielen Feldern Erfahrungen sammeln können, gerade für Kinder, die es im Elternhaus schwer haben: Sie sollen sich an andere Erwachsene wenden können, die sie stärken, das können Lehrer sein, Verwandte, Nachbarn. Natürlich muss man Kinder ihre eigenen Fehler machen lassen – aber man muss auch für sie da sein, wenn es nicht geklappt hat.

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