Die Zahlen stimmen nicht, sagt Antje Helms, Meeresbiologin und bei Greenpeace zuständig für das Thema Fischerei und Meeresschutz. Was uns die Tabellen der Statistik Austria sagen, nämlich dass wir pro Jahr 7,5 Kilo Fisch essen und daher mit der Überfischung der Meere, dem Aussterben der Arten und der Zerstörung von Meeresboden viel weniger zu tun haben als die anderen Europäer oder die Weltbevölkerung überhaupt, ist ein statistischer Trick: In Österreich wird nur das verzehrte Gewicht gerechnet, also das Filet. Überall sonst auf der Welt zieht man zur Berechnung das Fanggewicht des Fisches heran – etwa doppelt so viel.
Womit wir in Österreich bei etwa 16 Kilo pro Kopf und Jahr wären, 16 Kilo Fischstäbchen, freitäglicher Kabeljau gebacken, Sushi, Branzinofilet, Sardellenringerl, Nuri-Sardine, Thunfischsalat und Fish-Burger. Knapp unter dem Weltdurchschnitt, es geht uns also echt was an.
Das Problembewusstsein hierzulande ist dennoch gering. Bei Fisch ging es bisher darum, dass er frisch war, möglichst wenig Gräten hat und kein Vermögen kostet. Punkt eins und drei wurde dank moderner Logistik erfüllt. Grätenphobiker griffen zum Thunfisch.
Vom österreichischen Standpunkt gesehen wirkt es somit befremdlich, dass der Nahrungsmittelkonzern Unilever (damals Nordsee und Iglo) schon 1997 gemeinsam mit dem WWF das Nachhaltigkeitssiegel MSC (Marine Stewardship Council) ins Leben rief. Ziel der Aktion: Betriebe mit dem blauen Logo kennzeichnen, die nachhaltig fischen, also nur so viel entnehmen, wie auch wieder nachwächst, Rücksicht auf Nahrungsketten nehmen und ein effektives Fischereimanagement im Sinne der Nachhaltigkeit vorweisen können.
Selbst wenn das Siegel noch lange nicht der Schlüssel zur Rettung der Meere ist und auch für zu rasche und mitunter sinnwidrige Zertifizierung kritisiert wird, ein erster Schritt ist es sicher. Tiefkühl-Marktführer Iglo, das seit 2006 der britischen „Heuschrecke“ Permira gehört, kann immerhin auf MSC-Siegel bei 70 Prozent seiner Meeresfisch-Produkte verweisen. Warum machen multinationale Nahrungsmittelkonzerne so etwas? Trendstudien besagen, dass Nachhaltigkeit und Moral künftig ein Kaufargument sein werden.
Followfish, 2008 von einem deutschen Biofischzüchter gegründet, geht da entsprechend weiter: MSC ist die Basis, gefangen werden die Fische mit auf öko umgerüsteten Kuttern, ein Tracking Code auf jeder Packung zeigt genau, wo das Stück tiefgefrorener Fisch aus dem Meer gezogen wurde. Die Gutmenschen-Fischstäbchen gibt’s auch bei Merkur und Spar.
Wirklich effektive Fortschritte kann man derzeit am Sektor Dosenthunfisch beobachten: In Großbritannien konnten fast alle Supermarktketten davon überzeugt werden, von nun an nur mehr Dosen mit nachhaltig gefischten Thunfischen anzubieten. Außerdem motivierten 70.000 Protestmails den britischen Dosenthunfisch-Hersteller Princes dazu, bis 2014 nur mehr nachhaltig zu fischen und etwa auf sogenannte „Fischsammler“ zu verzichten, das sind schattenspendende Plattformen, die nicht nur Thunfischschwärme, sondern auch Haie, Delphine und Schildkröten anlocken.
Die österreichische Tochter dieses Erzeugers, Marktführer „Vier Diamanten“, bietet nun sogar Thunfisch an, der so nachhaltig wie möglich und beifangfrei mit Leine gefangen wird. Der ist zwar um 20 Prozent teurer, was aber eine vernachlässigbare Größe angesichts der Verbesserung sei, meint Antje Helms, „wir freuen uns jedenfalls, in unserem Fischratgeber erstmals einen Thunfisch empfehlen zu können“.
Auch mit Wildfang, allerdings in einem sehr viel kleineren Rahmen, arbeitet Matthias Pointinger von den Österreichischen Bundesforsten: Neben dem Ziel, die Seen des Salzkammergutes von im Laufe der Jahrzehnte eingesetzten Fremdfischen (etwa dem hier nicht heimischen Hecht) freizubekommen, werden jährlich auch genau ermittelte Kontingente (etwa 40 Tonnen) an den autochthonen Fischen Seesaibling, Seeforelle, Bachforelle und Reinanke entnommen und verkauft.
Die Fische werden nicht zugefüttert, nicht ausgesetzt und sind somit so natürlich wie nur irgendwie möglich. Und wahnsinnig gut und schon auch recht teuer. Nachhaltigkeit gibt’s eben nicht gratis.
Samstag, 23. April 2011
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen