OÖN: Sie thematisieren in Ihrem Buch „Finanzmafia“ die mögliche strafrechtliche Aufarbeitung der Finanzkrise. Ist es realistisch, dass Bankmanager zur Rechenschaft gezogen werden?
Hetzer: Ich bin sehr skeptisch. Vor allem, wenn ich höre, was Herr Steinbrück (ehemaliger deutscher Finanzminister, Anm.) diese Woche gesagt hat: Es werde doch niemand leugnen, dass man für die Erschütterungen des globalen Finanzsystems niemanden zur individuellen Verantwortung ziehen könne. Ich leugne das aber. Die Finanzkrise war kein Naturereignis, kein Gottesurteil. Irgendjemand muss gehandelt haben. Es wurden mit höchst komplexen Finanzprodukten existenzgefährdende Risiken eingegangen und dann schlechte Vermögenslagen lange verschleiert. Nirgends wurde bisher geklärt, ob man hier nicht Tatbestände wie Untreue oder Betrug geltend machen könnte.
OÖN: An einer lückenlosen Aufklärung scheitert es nach Ansicht von Experten auch wegen politischer Interessen und einer überforderten Justiz. Will die Elite, auch in Österreich, Skandale vertuschen?
Hetzer: Darüber will ich nicht spekulieren. Es scheint aber so zu sein, dass Finanzkriminalität vorwiegend in den sogenannten besseren Kreisen anzutreffen ist. Nicht nur in Österreich, auch in anderen Ländern sind die Mittel der Justiz möglicherweise zu beschränkt, um auch gegen die Elite wirkungsvoll vorzugehen.
OÖN: Sie widmen Hypo Alpe Adria und BayernLB ein eigenes Kapitel in Ihrem Buch. Die Hypo wurde auch Bank der Balkan-Mafia genannt. Rund um den Einstieg der BayernLB gibt es Ermittlungen. Würden Sie diesen ganzen Komplex unter die Rubrik „organisierte Kriminalität“, von der Sie in Ihrem Buch schreiben, einordnen?
Hetzer: Ich stelle in meinem Buch dar, dass man organisierte Kriminalität nicht verniedlichen darf. Wir assoziieren damit üblicherweise Drogenhandel, Prostitution oder Gewalt. Wir scheuen davor zurück, Bürger aus höheren Ebenen in Politik und Wirtschaft tätowierten Kriminellen mit Pferdeschwanz gleichzusetzen. Das ändert aber nichts daran, dass Kriminalität auch in solchen Bereichen gut organisiert sein muss, um wirklich erfolgreich zu sein.
Zur Person Wolfgang Hetzer
Wolfgang Hetzer (60) leitet seit 2002 die Strategieabteilung in der EU-Betrugsbekämpfungsbehörde OLAF und berät deren Generaldirektor in der Korruptionsbekämpfung.
Sein aktuelles Buch heißt „Finanzmafia – Wieso Banker und Banditen ohne Strafe davonkommen“ und ist im Westend Verlag erschienen. Der Deutsche thematisiert, wie „global vagabundierende Soziopathen die Demokratie gefährden“.
Samstag, 23. April 2011
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