Freitag, 29. April 2011

Robert Castel, "Die Krise der Arbeit. Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums", aus dem Französischen übersetzt von Thomas Laugstien, Hamb

Dennoch, bei aller Brisanz des Themas, schleicht sich beim Lesen eine gewisse Müdigkeit ein. Castels Schilderungen historischer Langzeitprozesse bleiben durch den bewussten Verzicht auf konkrete Fallgeschichten, durch das bewusste Ausblenden konkreter Akteure bisweilen trocken, farblos und abstrakt. Und sie enthalten nur wenige fundamental neue Einsichten in "die Krise der Arbeit" - was vor allem damit zu tun hat, dass das vorliegende Buch eine Sammlung von losen Texten darstellt, die in den Jahren zwischen 1995 und 2008 entstanden sind und in der Zwischenzeit nicht gerade Mangel an fundierten neueren Publikationen zum Thema herrscht.

Castels zentrale Thesen verlieren dadurch aber nicht an Überzeugungskraft. Wenn die Gesellschaft immer mehr zu einer Gesellschaft der Individuen wird, argumentiert der Soziologe, braucht es auch ein neues Verständnis der Funktion des Staates und der Prinzipien des Arbeitsrechts. Nur neue nationale und transnationale Regulationsinstanzen könnten den wachsenden sozialen Unsicherheiten und dem gefährdeten gesellschaftlichen Zusammenhalt wirksam etwas entgegensetzen. Wird die Schaffung solcher Instanzen möglich sein? Robert Castel zeigt sich optimistisch:
Zitat

"Erinnern wir uns, dass "Wirtschaftliches" und "Soziales" nicht zwangsläufig einen Gegensatz bilden, dass ihre Verbindung im späten Industriekapitalismus ganz im Gegenteil eine beispiellose wirtschaftliche wie auch soziale Entwicklung ermöglicht hat. Wenn die neuen Spielregeln des Kapitalismus zunehmend Mobilität, Flexibilität, Wettbewerbsfähigkeit verlangen, dann könnten sie auch neue Formen von Schutz und Absicherung für jene verlangen, deren Arbeit für das Funktionieren des Marktes notwendig ist."
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1 Kommentar:

Watzenböck hat gesagt…

Noch vor rund 40 Jahren herrschte in Frankreich Zukunftsoptimismus. Wirtschaftliches Wachstum und der Ausbau des Sozialstaats gingen Hand in Hand, die Mehrheit der Bevölkerung glaubte an ein besseres Morgen. Das Leben schien für den durchschnittlichen Arbeitnehmer planbar: Er konnte ohne schlaflose Nächte einen Kredit mit 20 Jahren Laufzeit für eine Eigentumswohnung aufnehmen, weil er ihn durch sein Gehalt schon jetzt abzahlen konnte und die Gewissheit hatte, dass sein Einkommen in 20 Jahren noch höher ausfallen dürfte.
Umschwung in den 1970ern

Doch Mitte der 1970er Jahre, so Robert Castel, Forschungsdirektor an der École des hautes études en sciences sociales in Paris, endeten nicht nur in Frankreich die "Trente Glorieuses", jene 30 "goldenen Nachkriegsjahre", in denen Industriekapitalismus und soziale Sicherheit keinen Widerspruch bedeuteten, sondern im Rahmen kollektiver Regulationssysteme ausbalanciert wurden.

Zu dieser Zeit setzt ein radikaler Umbau der Arbeits- und Sozialsysteme ein, der für Castel vor allem durch zwei Tendenzen gekennzeichnet ist: Entkollektivierung und Re-Individualisierung. Inwieweit unter solchen Bedingungen weiterhin Zukunftsoptimismus existiere, variiere je nachdem, wie gut man sich mit den neuen Verhältnissen arrangiere.
Zitat

Manche wissen die neuen Anforderungen sehr gut zu nutzen, schaffen sich die besten Möglichkeiten und stürzen sich in den Wettbewerb. Das sind die Gewinner dieser Veränderungen. Für sie kann die Befreiung aus kollektiven Einbindungen tatsächlich mehr Leistungsfähigkeit und Autonomie bedeuten. Auf ihrem Erfolg basiert der herrschende Management- oder allgemeine neoliberale Diskurs, der den Unternehmergeist und die Leistungen des von Vorschriften und Zwängen bürokratischer, rechtlicher oder staatlicher Kontrollen "befreiten" Individuums feiert.